Meg Remy auf dem Cover des U.S. Girl-Albums "Heavy Light"
Foto: 4 AD/ Beggars/ Indigo

BerlinEin weich klatschender Discobounce, eine helle Frauenstimme mit Chorerwiderung, schmelzende Streicherimitate und schmeichelnde Soulharmonien – so schwelgend kann Antikapitalismus sein! „4 American Dollars“ heißt der Titel, mit dem Meg Remy das neue Album ihres Projekts U.S. Girls beginnt. Sie singt darin von ungleicher Vermögensverteilung, Offshore-Konten und Solidarität: „Mein Geld ist schnell gezählt, ich habe vier Dollar: wie wär’s, wenn ich dir drei gebe und einen behalte?“, fragt sie und meint: „Ganz egal wie viel Geld du anhäufst – du wirst trotzdem sterben, und das ist die Wahrheit.“

Der Durchbruch jenseits der Indie-Szene wird U.S. Girls wohl auch mit „Heavy Light“, so heißt das achte Album, nicht gelingen; obwohl die Wahlkanadierin aus Illinois seit gut der Hälfte ihrer 12-jährigen Karriere von der Kritik gefeiert wird. „Die vermutlich tollste Band, die derzeit in Nordamerika unterwegs ist“, nannte sie gerade der Guardian.

Der Sound einer "everywoman"

Elegant formt die 34-Jährige Einflüsse aus Wall-of-Sound-Sixties, Glamrock-Seventies und Blondie-Disco zu eingängigen Stücken und poetisiert darin angriffslustig   die Unwucht der Machtverhältnisse zwischen den Klassen und Geschlechtern. Stars wie Miley Cyrus oder Beyoncé verweigert sie schon mal den Handschlag, indem sie ihnen ihr airgebrushtes Körperbild vorwarf. Ihr Feminismus sei nur ein modischer Begriff, den sie für kapitalistische Zwecke benutzen.

Für ihre Songs schlüpft Remy wie eine songschreibende Cindy Sherman in die unterschiedlichsten Charaktere. Ebenso sehr schätzt sie Bruce Springsteen und stellt seinem „everyman“, dem kleinen Mann, eine „everywoman“ gegenüber. Wie Sherman wiederum wirft sie dabei einen solidarischen Blick ins Wesen ihrer Archtypen. Schon 2012 sah man sie als blondiertes Stepford-Wife in sexy Streichholz-Rock mit zehn modelförmigen Damen durch eine Industriebrache wandern – als Bebilderung der großartigen Menstruationshymne „28 Days“. Ihre Frauen sehen sich   prügelnden Männern, den Vorgab der Bewusstseinsindustrie oder als Kriegerwitwe einer verlogenen Militärpolitik gegenüber – eine klassische Springsteen-Szene. Auf dem Album „In a Poem Unlimited“ von 2017, war selbst der Himmel von einem Petrus verrammelt, der weinsteinesk Eintritt nur gegen Sex gewährte.

Begonnen hat sie als Solo-Künstlerin um 2008, mit selbstgebastelten Elektroloops, geräuschvoll, verhallt und mit sachtem Goth-Einschlag. Darunter erkannte man bald die historisch fundierte Vorliebe für schillernde Popkonzepte, bis sie auf „In a Poem“ mit der Torontoer Jazzfunkband Cosmic Range zusammenarbeitete und einen trügerisch lackierten, artsy Discopop produzierte.

Balladeske Erweiterungen

Diesmal wiederum hat sie das Album auf Tour mit diesem Kollektiv entwickelt. Live eingespielt, treten mindestens 20 Leute aus dem kanadischen Indie-Adel auf – und auch Jake Clemons, der aktuelle Saxofonist von Springsteens E-Street-Band. Den hört man – „Springsteen auf Abba“, schlug eine Kritikerin vor – im dynamischen „Overtime“, worin eine Frau am Grab ihres Freundes bedauert, dass sie diesen wegen des mit Überstunden finanzierten Alkoholproblems verlassen hat.

Gegenüber dem Vorgänger-Album wirkt der Sound weniger poliert, aber auch balladesk erweitert. Remy experimentiert mit abgespeckten Bossabeats und gospeligen Chören, streut Streicher und jazzige Marimba-Spielereien ein und klingt – in „Born to Lose“ des Songwriters Jack Name – wie Patti Smith. Die Themen reichen von Kindheitstraumen bis zur Umweltzerstörung. Insgesamt jedoch wirkt der Ansatz introspektiver. Aber auch im scheinbar nostalgisch songwriterischen Rückblick „Woodstock 99“, erzählt sie von frustrierten Träumen und erweitert diese gleich noch über die Generationen hinweg. Einige Interludes betonen, wie sehr sie die eigenen Verletzungen und Unsicherheiten aus der individuellen Erfahrung holen will. Vielstimmig erteilen Mitmusiker zum Zwecke des Empowerments junger Hörer Ratschläge an ihre ehemaligen Teenager-Ichs, erinnern sich an die Demütigungen ihrer Jugend, an die genderisierten Farben der Kinderzimmer, an Körperscham und Religionsdogmen.

Und schließlich interpretiert Remy ein paar ältere eigene Titel neu und passt frühere Positionen an – wie in „Overtime“, das einerseits kantiger und dringender klingt, aber auch schmerzlicher das Opfer der spätkapitalistischen Maschine erkennt. Wie sie in der Musik die Geschichte wiederholt, um eine neue, wahrhaftigere Version des alten Pop herzustellen, so versteht sie auch ihr aktuelles Selbstbewusstsein durch die eigene historische Erfahrung – vielleicht nicht ganz so glamourös, aber stark und wehrhaft.

U.S. Girls - Heavy Light (4 AD/ Beggars/ Indigo)