Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat sich in ihr Landhaus zurückgezogen und empfiehlt von dort die Lektüre von Thomas Manns "Zauberberg".
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WarschauStill ist es geworden um jene Person, die in den vergangenen Monaten an der Weichsel den Ton des kulturellen und geistigen Lebens maßgeblich bestimmt hatte. Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk schien überall zu sein, wurde überall zitiert, überall eingeladen. Einige Wochen vor dem Ausbruch der Coronakrise hatte sie sich aufs Land zurückgezogen. Nur ab und zu taucht sie jetzt öffentlich auf, wie jüngst, als sie eine Literaturempfehlung für die Zeit der unfreiwilligen Isolation abgab: Thomas Manns „Zauberberg“. Sie selbst lese das Buch gerade zum siebten Mal. „Der Zauberberg bietet eine unendliche Vielfalt an möglichen Perspektiven“ und „birgt gewissermaßen den Geist einer Seuche – denn die Handlung spielt an einem von der Realität getrennten Ort, jenem Sanatorium.“    

Alle lauschen Gesundheitsminister Łukasz Szumowski

Wie viele Menschen der Empfehlung Tokarczuks folgen werden, ist unklar. Bis auf Weiteres hören Millionen Polinnen und Polen auf die Weisungen eines anderen: Gesundheitsminister Łukasz Szumowski. Denn wenn in Polen eine Person zu nennen wäre, die durch den Corona-Ausbruch schlagartig und zugleich überaus positiv ins Bewusstsein des Großteils der polnischen Gesellschaft gedrungen ist, dann ist es der 47-jährige Kardiologe. Szumowski ist kompetent und nüchtern, seine Stellungnahmen sind warnend und zugleich mäßigend.

Rund 800 Infizierte meldete Szumowski zu Beginn der Woche in Polen, zwölf Todesopfer gab es bis Mittwochnachmittag – doch die Regierung rechnet mit bis zu 10 000 Infizierten. Und verschärfte am Dienstag abermals die Ausgangssperren. „Wenn wir die Kontakte nicht maximal reduzieren, werden wir die Zahl der Kranken nicht begrenzen und menschliche Leben nicht schützen können“, sagte Szumowski bei einem Interview am Montag. Grund zum Optimismus? „Den fühle ich nicht“, sagte er.

Die Präsidentenwahl soll  stattfinden

Die regierende, rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hat umfangreiche Maßnahmen beschlossen – teils früher als in Deutschland und stets das ganze Land umfassend, weil Polen ein Zentralstaat ist. Bereits am 12. März wurden alle Kitas, Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen des Landes für das Publikum geschlossen. Am gleichen Tag rief die Regierung den epidemiologischen Gefährdungszustand aus, der unter anderem die Einrichtung von 19 Epidemie-Krankenhäusern im ganzen Land vorsah. Es wurden massive Einschränkungen des Reiseverkehrs erlassen, seit dem 15. März ist die Einreise nach Polen für Ausländer nur noch in Ausnahmefällen möglich.

Am 20. März folgte der epidemiologische Notstand, der die Behörden mit weiteren Befugnissen ausstattet, aber auch erhöhte Strafen für Quarantäne-Verweigerer vorsieht. Die Ausrufung eines Ausnahmezustandes lehnt die Regierung indes ab – dies würde die Verschiebung der am 10. Mai anstehenden Wahl des Staatspräsidenten bedeuten. Angesichts der Krise ist Präsident Andrzej Duda, der mit Unterstützung der PiS eine Wiederwahl anstrebt, in einer guten Position – er kann sich qua Amt als Krisenmanager profilieren, während die anderen Kandidaten im wahrsten Sinne des Wortes zu Hause bleiben müssen.  

In der Theaterbranche haben etwa 80 Prozent der Künstler keinen Festvertrag.

Izabela Kuzyszyn

Neben Millionen anderen Menschen im Land sind auch Zehntausende Kulturschaffende auf ihr Heim zurückgeworfen. Und in ihrer Existenz bedroht. Der Anteil von Fest-Angestellten an staatlichen oder städtischen Theatern, Opernhäusern oder Philharmonien, aber auch kleineren Kulturinstitutionen beträgt nur wenige Prozent und ist geringer als in Deutschland. Sie verdienen, wenn sie nicht auftreten, in der Regel nur den Mindestlohn von ca. 550 Euro brutto. Doch der Großteil der Kulturschaffenden arbeitet auf Basis von Werkverträgen, die gar keine soziale Absicherung bieten. Auch eine der Künstlersozialkasse ähnliche Einrichtung gibt es nicht.

 „In der Theaterbranche haben etwa 80 Prozent der Künstler keinen Festvertrag“, sagt Izabela Kuzyszyn vom Verband der Künstler Polnischer Bühnen (ZSAP) im Gespräch. Auch wenn es nun im Rahmen eines Rettungsschirms eine einmalige Zulage vom Staat geben soll, sieht Kuzyszyn vor allem für die Kulturszene außerhalb Warschaus massive Probleme kommen. Doch auch einen Hoffnungsschimmer. „Künstlerinnen und Künstler zeichnen sich in der Regel durch einen kreativeren Umgang mit der Realität aus, und ich denke, dass viele von ihnen in dieser Krise besser zurecht kommen als Menschen anderer Berufe.“ Gestandene Autoritäten, die der schreibenden Zunft angehören, sind mit ihren Reflexionen auch in Polen ohnehin mehr denn je gefragt. 

Der Schriftsteller Andrzej Stasiuk fühlt sich an Zeiten der Pest erinnert, sieht zum Weiterarbeiten aber keine Alternative. 
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Der Schriftsteller Andrzej Stasiuk, dessen Werke auch auf Deutsch erscheinen, schreibt in einem Feuilleton-Beitrag der Zeitschrift Tygodnik Powszechny: „... eine Seuche wie zu alten Zeiten: Quarantänen, Panik, Menschen in Masken ... Misstrauen gegenüber Fremdem. Wer weiß, ob es nicht zu Pogromen kommen wird, wie gegen die Juden im Mittelalter .... Das globale, verängstigte Volk hört gebannt Netz-Gerüchte über die Apokalypse.“ Und doch gibt es auch für ihn das Leben jenseits der Seuche: „Höchste Zeit also, sich an die Arbeit zu machen. So ein kalter Morgen, gerade richtig, um … .“