Erinnert sich noch jemand an den Ruck, den der damalige Bundespräsident Roman Herzog seinen Bürgern anempfahl? 1997 war das. In der sogenannten Berliner Rede mahnte Herzog eine erhöhte Reformbereitschaft an. Der erste Mann im Staat, der als junger Politiker angesichts ihm verdächtig erscheinender studentischer Umtriebe Ende 60er-Jahre eine Notgemeinschaft für eine Freie Universität (NoFU) ins Leben gerufen hatte, beklagte einen Mangel an Wettbewerbsfähigkeit und geistiger Mobilität. Ein Ruck müsse durchs Land gehen, forderte Herzog, als wäre er dazu berufen, die Bevölkerung aus einer allzu trägen Selbstzufriedenheit zu erwecken.

Irritierend war damals, wie begierig Herzogs Appell von allen Seiten aufgegriffen und belobigt wurde. Die Vorstellung, dass ein gesellschaftlicher Wandel im Trommelwirbel einer Revolte aus dem obersten Staatsamt heraus angeleitet werden könne, erschien mehr als befremdlich. Herzog aber hatte einen rhetorischen Coup gelandet, der Bundespräsident wollte kein Langweiler, sondern eine Art zeitgenössischer Motivationstrainer sein, der seine Landsleute fit macht für die kommenden Jahrzehnte.

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