Janne Teller trug am Donnerstagabend fingerfreie Handschuhe wie auf diesem Foto. Aus durchbrochener Seide. Sie saß gerade wie eine Balletttänzerin auf dem Sofa und blickte dem Moderator, solange er sie befragte, aufmerksam in die Augen.

Die dänische Autorin wurde 1964 in Kopenhagen in eine deutsch-österreichische Familie geboren. Sie arbeitete nach einem Wirtschaftsstudium als Beraterin für EU und UNO in Dar-es-Salaam, Brüssel, New York und Mosambik. Spätestens seit ihrem Buch „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ gehört sie zu den bekanntesten Autorinnen unserer Zeit. Ihre Bücher wurden in an die zwanzig Sprachen übersetzt.

Globaler Kapitalismus als Ursache

Heute Abend spricht sie darüber, dass in fast allen Ländern Europas – auch in Dänemark – der Rechtsextremismus zum Mainstream geworden ist: „Wir müssen heute um Dinge wie Toleranz und Demokratie kämpfen, Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten hatten ... Es wäre falsch, die Rechten zu attackieren, wir müssen ihnen Geschichten erzählen vom Zusammenleben. Wir Autoren müssen das tun, aber auch jeder von uns muss es tun. Dort wo er ist. Dort wo er der Verachtung des Fremden begegnet. Wir müssen das tun, wenn wir nicht wieder in ein Europa zurückfallen möchten, in dem alle einander bekriegen.“

Janne Teller sieht die Ursache für den Vormarsch des Rechtsextremismus im globalen Kapitalismus. Die Menschen haben das Gefühl, dass ihnen ihr Leben genommen wird. Dieses Gefühl ist richtig.

Schule der Empathie

Janne Teller erinnert an die schwedische Vize-Regierungschefin Åsa Romson, der die Tränen kamen, als sie im November 2015 die neue, restriktive Flüchtlingspolitik Schwedens auf einer Pressekonferenz vorstellte. „Wenn wir schon glauben, Schreckliches tun zu müssen, so sollten wir wenigstens darüber weinen“, erklärt Janne Teller.

Sie glaubt nicht, dass es den Menschen gleichgültig ist, dass Tausende im Mittelmeer ertrinken, das Zehntausende in Afrika Hungers sterben. Aber die Medien überschütten uns mit Schreckensmeldungen. Wir wissen, dass wir nicht überall helfen können. Das ist nicht zu ertragen. Die Mehrheit der Menschen ist nicht hartherzig. Sie ist überfordert. Janne Teller plädiert für eine Literatur, die an das Universal-Menschliche appelliert, die die Herzen der Menschen öffnet. Sie sagt „Lesen ist die Kunst, in anderer Leute Schuhe zu gehen“, eine hohe Schule der Empathie also.

Eine Region als Herkunft

Die zum Europäischen Autoren-Gipfel in die Bertelsmann-Repräsentanz eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller sitzen dort auf dem Sofa des ZDF und lassen sich jeder eine halbe Stunde lang zu Europa befragen. Fünf Befragungen finden gleichzeitig statt. So hat der Besucher die Qual der Wahl.
Ich entscheide mich für Janne Teller (Dänemark), Tomasz Rózycki (Polen), Guy Helminger (Luxemburg) und Jacques De Decker. Für letzteren, weil als sein Herkunftsland nicht etwa Belgien angegeben worden war, sondern die Föderation Wallonien-Brüssel. Als Herkunft eine Region, kein Nationalstaat!

Kein Wort fällt darüber, obwohl doch der belgische Nationalitätenkampf eine Ahnung verschaffen könnte von den Schwierigkeiten eines vereinten Europa.
De Decker, werden wir aufgeklärt, sei der einzige belgische Autor, der in den drei Landessprachen Flämisch, Französisch und Deutsch schreibe. Der 1945 geborene De Decker ist ein heiterer Mann, der gerade an einem Buch schreibt, in dem er darstellen möchte, dass es eine belgische Literatur in zwei Sprachen gibt, dass das Belgische sich also durch das Französische und das Flämische – die Hauptsprachen des Landes – hindurch ausdrücke.

Wie sollen Europäer miteinander reden?

Ein guter Titel für ein Buch über Europa wäre in seinen Augen „Das Rettungsboot“. Dahinein haben sich nämlich die europäischen Nationalstaaten nach unzähligen verheerenden Kriegen gerettet. Dahin könnten sie, wenn sie es langsam vergrößerten, ein Gutteil der bedrohten Welt retten. Zu Europa gehört auch Russland. Er träume, erklärt De Decker, von Eurasien und er glaube, dass die USA am Ende seien.

Der Moderator blickt De Decker überrascht an, fragt aber nicht nach, sondern sieht auf seinen Zettel und stellt die nächste von ihm vorbereitete Frage. Wie sollen die Europäer miteinander reden, fragt sich der Beobachter, wenn nicht einmal hier ein wirkliches Gespräch zustande kommt, bei dem man auf das Überraschende hört, das der Befragte einem sagt?

All das schwimmt in Alkohol

Tomas Rózycki, geboren 1970 in Opole, wurde nur zu seinem 2016 in der edition.fototapeta erschienenen Roman „Bestiarium“ befragt. Ein grotesker Roman, in dem Ende des 20. Jahrhunderts ein Nilpferd in der Oder ertrinkt, in dem die Gewalt von Vernichtung und Vertreibung geschildert wird, die der jüngsten und die der fernsten Vergangenheit. Ein Buch der Untergänge. Der Lust und der Verzweiflung an ihnen, der Erfahrung völligen Ausgeliefertseins und der der Souveränität des Erzählers.

All das schwimmt in Alkohol, der die Lage erträglicher zu machen scheint, selbst dort noch, wo er sie verschärft. Am Ende erklärt Tomas Rózycki, man spreche jetzt viel vom Europa unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Das leuchte ihm ein, aber ihm werde Europa erst dann klar, wenn er begreife, dass es sich in Wein-, Bier- und Wodka-Zonen teilt. Wie man die vereinen könne, scheint er – er lacht dabei – auch nicht zu wissen.

Auffassungen prallen aufeinander

Der 1963 geborene Luxemburger Guy Helminger lebt in Köln. Er ist viel in der Welt unterwegs und weigert sich, voller Begeisterung über Europa zu sprechen. Helminger ist ein temperamentvoller Mann. Wenn er „Neoliberalismus“ sagt, dann erinnert er an einen feuerspeienden Drachen. Er hält sich nur mühsam auf dem Sofa: „Die Europa-Politik war eine Politik für die Wirtschaftseliten. Macron und Merkel wollen genau da weitermachen. Das ist ganz sicher nicht der Ausweg.“

Guy Helminger schreibt inzwischen mehr fürs Theater. Da geht es nicht so sehr um das Erzählen von Geschichten, sondern darum, dass Auffassungen aufeinander prallen. Man ist direkter, politischer.

Bereicherung der Reichen

Der Kölner aus Esch-sur-Alzette hält nichts davon, dauernd daran zu erinnern, dass die Europäische Gemeinschaft Schluss gemacht habe mit den innereuropäischen Kriegen. Das sei wahr und schön und gut, aber es sei selbstverständlich geworden. Man müsse sich mit den Mängeln des gegenwärtigen Europa beschäftigen, wenn man Europa eine Zukunft geben wolle.

Der zentrale Mangel des heutigen Europas sei, dass es der Bereicherung der Reichen diene. Statt gegen den Neoliberalismus zu kämpfen, gehe man auf die Flüchtlinge, „die Fremden“ los. „Die menschliche Bereitschaft zu jeder Sauerei wird nur dadurch gezügelt, dass man den Menschen wenigstens ein halbwegs gutes Leben leben lässt und ihm nicht seine Würde nimmt.“ Am Ende erklärt Helminger fast leise: „Ich bin gegen Europa, weil ich mehr Europa will.“