Charly Hübner als Kommissar Bukow.
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BerlinDer Brief, den LKA-Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) aus dem Gefängnis bekommen hat, setzt ihr sichtlich zu. „Sie sind tot. Sie fühlen den Tod im Kopf und unter ihrer Haut“, hat sie darin lesen müssen. Geschrieben hat ihn ein Mörder und Vergewaltiger, den König vor anderthalb Jahren, im Film „Für Janina“, mit gefälschten Beweismitteln für einen falschen Fall hinter Gitter gebracht hatte – weil der Mann (Peter Trabner) in der eigentlichen Mordsache schon einmal freigesprochen worden war und eine Wiederaufnahme juristisch ausgeschlossen war.

Wie schon der Kölner „Tatort“ vor einem Monat spielt also auch der Rostocker „Polizeiruf“ mit den Nachwirkungen eines früheren Falls. Das horizontale Weiterführen wirkt hier durchaus legitim, denn zu gravierend war das Vorgehen von König und Buckow, zu ernst nehmen die Rostocker Macher um Regisseur Eoin Moore ihre beide Helden. Sie ploppen nicht alle paar Monate auf, sondern entwickeln sich weiter.

Der aktuelle Film „Der Tag wird kommen“ verbindet drei Handlungen miteinander. Katrin König wird nicht nur vom Mann aus dem Knast bedroht, sondern beim frühmorgendlichen Joggen am Hafen verprügelt, weil sie eine junge Frau beschützen wollte. Kurz darauf wird die bedrohte Frau, die König irritierend ähnlich sieht, mit Stichverletzungen im Bauch aufgefunden und stirbt. Daneben spinnt das Drehbuch von Florian Oeller auch die Rolle von Buckows Vater (Klaus Manchen) als einstigem Drogenboss weiter.

Am besten funktioniert der Psychothriller mit König und ihrem Gegenspieler im Knast – Peter Trabner spielt einen Nietzsche-Fan, der von der Erlösung durch Gott predigt. Im Duell zeigt Anneke Kim Sarnau furios die Abgründe einer unter Schlafmangel, Schuldvorwürfen und Medikamentenmissbrauch leidenden Frau. Ihr Joggen wird nicht zufällig von einer modernen, weiblichen Version von Robert Johnsons Klassiker „Me And The Devil“ unterlegt – König ringt quasi mit ihrem inneren Teufel. Auch die Kameraführung von Andreas Höfer mit Makroobjektiven dicht vor ihrem Gesicht betont ihre verzerrte Wahrnehmung.

Andere Elemente dieses Krimis wirken etwas konstruiert. Aber wie im Finale alles zusammengeführt wird, sich der Fall eine Viertelstunde vor Ende noch einmal dreht und wie die Knäuel schließlich entwirrt werden, ist packend. Die Beziehung zwischen König und Buckow, in der Charly Hübner diesmal den leichteren, ausgleichenden Part spielt und sogar eine Grillschürze mit dem Aufdruck „bratort“ überm nackten Bauch trägt, dürfte in den kommenden Fällen jedenfalls eine andere sein. Doch bis Ende August laufen sonntags in der ARD keine neuen Fälle mehr, sondern „Tatort“-Wiederholungen, über die das Publikum jede Woche neu abstimmen darf.

Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen. So, 14.6., 20.15 Uhr, ARD