„Porträt des Poeten Heinrich von Kleist“, 1939
Foto: Privatsammlung/ VG Bildkunst Bonn 2019/André Masson 
 

ChemnitzIn der öffentlichen Wahrnehmung seit 2018 bekanntlich eine Stadt der gesellschaftspolitischen Gegensätze, mit vielen Menschen, die mutig gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit angehen, will 2025 europäische Kulturhauptstadt werden. In vorderster Reihe stehen dabei die Kunstsammlungen.  

Hier  wird es europäisch, hier taucht man in die folgenreiche Avantgarde-Kunst gerade der Franzosen ab den Zwanzigerjahren  des Jahrhunderts der Moderne ein. Damit setzt der junge Generaldirektor Frédéric Bußmann fort, was seine Vorgängerin Ingrid Mössinger erfolgreich begann. Soeben ist das Lebenswerk eines der eigensinnigsten Surrealisten ausgebreitet: André Masson (1896–1987), der es freilich bloß fünf Jahre im Kreis von André Breton aushielt, dann seiner eigenen Wege ging – und doch sein Leben lang Surrealist blieb.

Frühes Action Painting: „Massaker“, 1931
Foto: Privatsammlung Pietzsch/ VG Bildkunst Bonn 2019/André Masson 

Der Bauernsohn von der Île de France bestätigt die ketzerische Feststellung, dass große Talente nicht selten aus ländlichen Gegenden stammen. Massons Halbbruder war übrigens der Psychoanalytiker Jaques Lacan (1901–1981). Masson war Maler, Illustrator, Literat und Bühnenbildner. Er hatte an Akademien in Brüssel und Paris studiert und wurde im Ersten Weltkrieg schwer verletzt. Früh geriet er in den Kreis der Surrealisten, deren Einfluss er sich jedoch immer wieder entzog. 1942 floh er mit seiner jüdischen Frau vor der deutschen Besatzung nach New York und kehrte 1946 nach Paris zurück.

Psychedelischer Symbolismus und Kubismus

Die so ehrgeizige, lehrreiche wie sinnliche Schau beginnt mit Bildern ab 1922. Was noch wie psychedelischer Symbolismus wirkt, nimmt zusehends Formen des Kubismus auf. 1924 schloss Masson sich den Surrealisten an. Ihn faszinierte die Wirkung des Psychologischen auf die Kunst: Körper, Pflanzen, Insekten, spitze bedrohliche Gegenstände versinken im Mal-Strudel. Alles sehr mythologisch. Offenbar war sein Grundthema Bewegung, Angst, Gewalt. Dann fertigte Masson  Zeichnungen wie mit automatisierten Linien an.

Bald darauf erfand er Bilder aus Leim und Sand. Aber schon fünf Jahre später distanzierte er sich von der surrealistischen Bewegung, in der fest daran geglaubt wurde, dass Kunst die Welt verändern könne. Ihm widerstrebte auch Bretons autoritäres Gehabe. Lieber hielt sich Masson an Bataille, der die „Dissidenten“ unter den Surrealisten Anfang der 30er-Jahre um sich scharte. Damals, 1931, entstand „Massaker“ (Leihgabe der Berliner Sammlung Pietzsch).

„Der Tod erscheint nicht mehr in Gestalt von Grabmälern, sondern in Form von Phantasmagorien“, notierte Masson, fast wie die Vorahnung der Gräuel, die   bald darauf mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland und im Spanischen Bürgerkrieg geschahen. Sein kurzer Aufenthalt auf der iberischen Halbinsel endete 1936 abrupt. Zurück in Paris und wieder im Kontakt mit den Surrealisten, malte er die „Labyrinth“-Motive und abermals „automatische“ Bilder, auch „Augenblicksmalerei“ genannt.

Diverse Stilism

Im Porträt des Dichters Heinrich von Kleist, 1939, kulminieren alle bis dahin ausprobierten Stilismen: Symbolismus, Fauvismus, Kubismus, Surrealismus, Automatismus. Im Exil in den USA malte er 1944 die große Tafel „Résistance“, unübersehbar eine Korrespondenz mit Picassos „Guernica“. Nach dem Krieg zurück in Paris, entdeckt Masson die Kalligrafie und die fernöstliche Zen-Philosophie für sich. 1955 und 1964 lud ihn die Documenta Kassel ein.

Dieser Maler der Brüche, wie die Chemnitzer Schau es belegt, blieb bis zu seinem Tod Surrealist. Was er erfand, auf Leinwand setzte oder als Plastiken formte, war wie eine Vorwegnahme, zugleich Übertragung. Anders als die meisten Surrealisten benutzte Masson kein Zeichensystem, unterlag seine Bildsprache keiner Bedeutungslast. Er selbst nannte das „die Haaresbreite“ zwischen Vision und Umsetzung.

Der Akt des Malens war bei ihm vom Tempo bestimmt: Er spuckte Tinte auf die Leinwand, bewarf sie mit colordurchtränkten Lappen, kippte Farbe aus und ließ sie hin- und herlaufen.  Er war kein „Abstrakter“, aber er wollte die „unbedingte Spontaneität“, wollte „die Materie ihrer Trägheit entreißen“. Das erklärt die Wirkung Massons im New Yorker Exil auf den jungen Amerikaner Jackson Pollock. So wurde der Franzose wohl der Pate vom Action Painting, dem Abstrakten Expressionismus.

Kunstsammlungen Chemnitz Theaterplatz 1.  Bis 12. 1., Di, Do–So 11–18/Mi 14–21 Uhr.