Hinter dem Rücken der Erzieher wird geprügelt und vergewaltigt, das Jugendgefängnis ist eine Art Vorhölle. So scheint es für Daniel, der wegen Totschlags hier einsitzt, ein Glück, dass er auf Bewährung nach draußen geschickt wird, zur Arbeit in ein polnisches Provinzdorf. „Corpus Christi“ heißt der Film, der am Sonnabend in Gdynia mit dem Regie- und dem Publikumspreis des nationalen polnischen Filmfestivals gekürt wurde, doch wer hinter dem Titel eine religiöse Erbauungsstudie vermutet, der irrt: Regisseur Jan Komasa, bei uns bekannt durch seinen Berlinale-Beitrag „Suicide Room“ (2011), steckt Daniel stattdessen ins Gewand eines falschen Priesters und gestattet ihm ein spirituelles Erwachen jenseits tradierter Rituale. „Corpus Christi“ ist eine leise, fast tastende Studie über Zutrauen und Vergebung, die Rückgewinnung eines Humanismus, der sich nicht gemein macht mit Institutionen und Regeln der Macht.

Film „Solid Gold“: Wie ein schlechter „Tatort“

Für das Festival war dieser Film ein Glücksfall; nach seiner Premiere wurde endlich über gutes Kino geredet. In den Tagen zuvor war es mehr um eine krisenhafte Kulturpolitik gegangen. Zum Beispiel gab es heftige Debatten darüber, dass der Mafia-Thriller „Solid Gold“ urplötzlich aus dem Wettbewerb zurückgezogen wurde: ein Film über Verquickungen zwischen polnischer Finanzwelt, öffentlicher Hand und organisiertem Verbrechen, der auf wahre Geschehnisse zurückgreift. Das polnische Staatsfernsehen, das zu einem Drittel an den Kosten von „Solid Gold“ beteiligt war, hatte sein Veto gegen eine Aufführung eingelegt: Die Schnittversion stimme nicht mit der vom Sender abgenommenen Fassung überein. Polnische Medien berichteten, dass das von der streng konservativen Regierungspartei PiS abhängige Fernsehen den Film nicht vor den Parlamentswahlen am 13. Oktober in die Öffentlichkeit lassen wolle. Obwohl sich „Solid Gold“ kritisch mit der alten Regierung, der heutigen Opposition befasse, zeige er die politische Klasse insgesamt in einem schlechten Licht.

Regisseur Jacek Bromski, zugleich Präsident des Verbandes der polnischen Filmemacher, gelang es dank seiner Verbindungen dann doch, „Solid Gold“ zurück in den Wettbewerb zu holen. Die hohen Erwartungen erfüllten sich freilich nicht: Mit 140 Minuten wirkt der Film extrem unkonzentriert, ohne Rhythmus und voller kolportagehafter Figurenbeziehungen. Von schmerzhafter Gesellschaftsanalyse kann keine Rede sein, eher von einem schlechten „Tatort“.

Filmfestival in Gdynia: Auswahlkomitee trat zurück

Neben den Querelen um „Solid Gold“ überraschte auch das Auswahlkomitee des Festivals mit einem Paukenschlag: Es trat geschlossen zurück. Mehrere vom Komitee für den Wettbewerb nominierte Filme waren von der Leitung des Festivals erst gestrichen und dann doch wieder zugelassen worden, und zwar ausgerechnet Arbeiten, die Schlaglichter auf politisch-moralische Zustände der Gegenwart warfen. Der Verband der polnischen Filmemacher forderte daraufhin die Wiedereinführung eines künstlerischen Direktors, eine Funktion, die vor Jahren ersatzlos gestrichen worden war, und überhaupt eine unabhängige Filmauswahl. Das Festival in Gdynia wird ja wesentlich vom Kulturministerium gesponsert, das fest in der Hand der PiS ist. Der Ruf nach künstlerischer Freiheit, gegen vorauseilenden Gehorsam, berührt Grundsätzliches.

Zu den anspruchsvollen Filmen im Wettbewerb zählte zweifellos „Gespräch der Vögel“, inszeniert von Xavery Zulawski nach dem letzten Drehbuch seines 2016 verstorbenen Vaters Andrzej. Ganz in der Tradition seiner klassischen Meisterwerke ist das ein grelles, surrealistisches Panoptikum voller literarischer und kinematografischer Zitate. Verstörend schon die Anfangssequenz, in der ein Ethik-Lehrer von seinen Schülern tyrannisiert wird, nur weil er die Auffassung vertritt, jede Religion sei auch Ideologie. Zum grotesken Vexierspiel gehören Szenen von Aufmärschen polnischer Faschisten in Warschau und ein Schlusstableau, in dem sich die Figuren zum großen Musicalauftritt vereinen. Das Filmplakat zeigt den Hauptdarsteller in grellem Rot und mit weit herausgestreckter Zunge, ein freches Teufelchen.

Polnisches Kino ist knallhartes Männerkino

Dagegen nahmen sich die monumentalen propagandistischen Filme über polnische Geschichte, die aus einem Fonds zum hundertjährigen Jubiläum der Staatsgründung gespeist wurden, intellektuell dürftig aus: Michal Rosas „Pilsudski“ etwa, das Porträt des Politikers Jozef Pilsudski, der nach seinem Machtantritt 1926 ein Regime errichtete, das er als „moralische Diktatur zur Gesundung des Staates“ bezeichnete und in dem er demokratische Strukturen systematisch aushöhlte: erklärtes Vorbild für PiS-Chef Jaroslaw Kaszynski. Der Film behandelt die Jahre bis 1919 und bietet Raum für pathetische Manifestationen. Stolz verkündet Pilsudski, dass er die alten Symbole tilgen werde: „Das einzige Symbol ist der weiße Adler.“ Und gegen den russischen Erbfeind gerichtet: „Ein Krieg mit Moskau ist etwas Heiliges für Polen.“

Auch in einem anderen Historienfilm, „Die Legionen“ von Dariusz Gajewski, taucht das Motiv des Niederreißens russischer Grenzpfähle auf. Die Helden sind Jugendliche, die im Ersten Weltkrieg innerhalb der österreichisch-ungarischen Armee für einen eigenen polnischen Staat kämpfen. In einer Dreiecksgeschichte retten sich die Rivalen um die Gunst eines Mädchens gegenseitig aus den Schützengräben – mit schwülstigem Orchestersound überzogen. Polen entsteht hier aus Blut, Schweiß und Tränen. Gefeiert werden vorrangig starke Männer. Das neue patriotische polnische Kino ist ein knallhartes Männerkino.