Im Museum für Kommunikation (MfK) wird dieser Tage die Zeit zurückgedreht, und am Anfang steht eine leidige Begegnung: Helene Fischer und Tim Bendzko singen auf Bildschirmen; auch Musikclips von den No Angels, Tokio Hotel und Ich + Ich flimmern auf. Oh yeah. Schnell weiter, links eingebogen.

Nach diesem ersten Schrecken wird einem ganz heimelig, denn die erste der vielen Stellwände leuchtet golden und präsentiert weibliche Ikonen wie Josephine Baker und die Opernsängerin Gitta Alpár; moderne Frauen, die damals wie heute Libertinage und Emanzipation verkörpern. Am Anfang war der Jazz, so beginnt die Pop-Erzählung im MfK, Swing und Charleston tönt aus den Kopfhörern – bis die Nationalsozialisten die „undeutsche“ Unterhaltungsmusik aus der Öffentlichkeit verbannten.

Im Gleichschritt und nach Geschlechtern getrennt marschierten Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel, buchstäblich die Störenfriede wegtrommelnd, während oppositionelle Organisationen ihrerseits ihren Protest vertonten. Wie die Edelweißpiraten etwa, die das Liedgut der Bündischen Jugend auf Mandolinen – eine davon ist ausgestellt – zum Klingen brachten. „Für mich sind die Edelweißpiraten die ersten Punks“, sagt der Leiter des achtköpfigen Kuratorenteams, Jan Christoph Greim. Im Schaukasten zu seinen Füßen liegt der Ghettoblaster dieser Bewegung: ein im Koffer deponiertes Grammophon.

Eine Kiste voller Dildos

Dass Popkultur immer schon ein Spiegel der Gesellschaft und politischer Strömungen war, zieht sich als roter Faden durch die Ausstellung. Als Rock ’n’ Roll und Twist etwa die westdeutschen Tanzflächen eroberten, propagierten DDR-Funktionäre den Lipsi, einen Unterhaltungstanz im 6/4-Takt, dessen Tanzschritte auf dem Fußboden des MfK markiert sind. Staatschef Walter Ulbricht verordnete wiederum: Es solle Schluss sein mit der Monotonie der Beatmusik, der O-Ton knistert. Dass man ihre Lieblingsmusik verbat, trieb pilzköpfige Jugendliche am 31. Oktober 1965 auf die Straße – Bands wie die Butlers oder die Sputniks durften trotzdem nicht mehr auftreten.

Trotzdem fanden neue Töne ihren Weg in den Pop. Neben Original-Bühnenoutfits werden die Gerätschaften des Elektro-Pioniers Karlheinz Stockhausen gezeigt, oder die Bassfedern, mit denen die Einstürzenden Neubauten unerhörten Lärm in den Kanon überführten. Und eine Kiste voller Dildos steht wohl dafür, dass Rammstein nicht nur die Kunst der Bühnenperformance revolutionierte, sondern auch das Merchandising.

Über Punk in BRD und DDR führt die Zeitreise weiter zu Kassettenrekordern, Walkmen und selbst gebrannten Mixtapes. Medien, die einzelne Titel zu einem Ganzen bündeln und gleichzeitig unabhängig von Zeit und Ort erlebbar machen. Für das kommerziell bis zum Gehtnichtmehr ausgereizte Phänomen der Neuen Deutschen Welle wird ebenso viel Platz eingeräumt wie für die Anfänge der Gothic-Szene Ende der 80er-Jahre. An die von Dr. Motte begründete Loveparade und ihr tragisches Ende erinnert unter anderem ein weißer Buffallo-Schuh mit Zehn-Zentimeter-dicker Gummisohle, der einst einer Miss Loveparade gehörte.

Ob man selbst nun Eurodance-Fan ist, die Schlagerparade feiert oder noch immer keine Größeren kennt als Die Prinzen, spielt kaum eine Rolle für den Besuch der Ausstellung. Zumindest mit den Musikaufnahmen wird jeder etwas verbinden können – und sei es nur mit dem letzten Urlaub auf Mallorca. Kehrt man schließlich zurück zu Helene & Co., fühlt sich das auch alles nicht mehr so schrecklich unzumutbar an. Bloß verblüffend weichgespült.

Oh yeah bis zum 16. September im Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, Dienstag von 9–20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 9–17 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage 10–18 Uhr.