In meiner Teenagerzeit in den frühen Nullerjahren fanden wir die Ärzte richtig gut. Dabei waren Farin Urlaub, Bela B und Rod damals ja schon ein wenig älter, jedenfalls waren es nicht die bubenhaften Iro-Punks, die Roland Owsnitzki auf seinem Bild von 1985 im damaligen Club Metropol am Nollendorfplatz einfing. Die beste Band der Welt, wie die Ärzte sich gerne nennen, waren in ihren Gründungsjahren und spielten in den besetzten Häusern Kreuzbergs.

Seit den frühen 80er-Jahren bildet der Autodidakt die Flüchtigkeit des Augenblicks in den Clubs Berlins ab, für Tageszeitungen wie diese, ebenso wie für Magazine wie den Rolling Stone oder die spex.

Björks Verletzlichkeit

Owsnitzki friert Popmomente ein, Momente der Dynamik, der Reflexion, eben dessen, was Künstler auf der Bühne liefern. Auch der Verletzlichkeit, wie die, die in Björk Guðmundsdóttirs Gesicht zu sehen ist, als sie im Oktober 1985, gerade mal 20 Jahre alt, mit ihrer Post-Punk Band Kukl im Loft steht, die Finger in den Mund gelegt, wie zum Pfeifen bereit. Der Fotograf war begeistert von ihr, von ihrem, wie er es nennt, „vitalem Wesen.“ Später wurde Björk als experimentelle Solokünstlerin weltbekannt und ist heutzutage auf solch kleinen Bühnen nicht mehr zu sehen.

Alles, was in der Szene Rang und Namen hat(te), ist derzeit auf den Fotos Owsnitzkis im Hof der Kulturbrauerei zu sehen: Kim Gordon von Sonic Youth, wie sie im Sputnik in die Gitarre haut, Genesis P-Orridge von Psychic TV, Diamanda Galás, Michael Gira, auch Miles Davis, Nina Hagen, Michael Jackson, Iggy Pop; Nick Cave und Blixa Bargeld, die sich um eine Flasche Wodka streiten. Er kam ihnen ganz nah, damals, im Chaos der Zeit.

Distanz und Nähe

Dennoch sagt Owsnitzki, die Künstler seien für ihn immer unerreichbar gewesen, eine Art Stellvertreter einer anderen Welt. Vielleicht hätte er durch diese Distanz die passende Nähe für seine Bilder gefunden, in dem einen Augenblick vor der Bühne. „Ich wollte Teil der Musik sein, dieses Lebensgefühls. Ich fand es spannend, und habe mich am Anfang ohne Akkreditierung einfach reingeschmuggelt und Fotos geschossen. Das war damals so“, erzählt der Fotograf, der jahrelang als Erzieher gearbeitet hat. In der Dunkelkammer fand dann die Auswahl der Abdrücke statt.

Heute, über dreißig Jahre später, steht er bei großen Namen wie den Rolling Stones in noch größeren Hallen mit einem Teleobjektiv in den mittleren Rängen, um während der ersten acht Minuten – so lange dauern die beiden Pop-Songs meistens – ein Bild zu schießen. Denn in der Regel sind das die Restriktionen der Veranstalter. Aber auch dann schafft der 61-Jährige es, ausdrucksstarke Bilder zu schießen, die das Besondere eines Konzerts wiedergeben. Und die Off-Szene fotografiert er auch weiterhin.

Der Reiz der Limbo-Phase

Es ist die Leidenschaft der Musiker, die ihn antreibt, auch die Freundschaften, die er mit den Leuten in der Szene über die Jahre hinweg geschlossen hat. Für seine Fotos reizt ihn heute die Limbo-Phase zwischen den Songs, die Pausen, in denen die Energie wieder aufgenommen wird. Die experimentierfreudigen Motive, die es aus Owsnitzkis Heizungskeller, wo er sein Archiv aufbewahrt, zur Pop-Kultur geschafft haben, erzählen von einer anderen Lebenswelt: Sie strahlen in ihrer angeblitzten Direktheit analoge Nostalgie aus. 

Wer sie sich anschaut, und diese Zeit wie ich nicht miterlebt hat, wünscht sich, eine Zeitreise antreten zu können, um in das schweißgebadete Publikum des Lofts reinzuspringen und das ranzige West-Berlin der 80er-Jahre aufzusaugen.

Owsnitzkis Lieblingsbild, ein Bild von Björks Füßen mit Socken samt großem Loch, und den ausgelatschten Schuhen daneben, ist hier nicht zu sehen. Dennoch steht es für den Fotografen stellvertretend für die Passion der Musiker: müde Füße, liebgewonnene Schuhe, „und ein Loch für Fehler.“

Die Ausstellung läuft im Rahmen des Pop-Kultur-Festivals in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg, und ist nur noch bis Freitagabend zu sehen.