Es war keineswegs alles gut auf dem Pop-Kultur-Festival, das von Mittwoch bis Freitag im Berghain veranstaltet wurde. Namenloses Entsetzen ergriff mich zum Beispiel bei dem Auftritt des Neue-Musik-Komponisten Ólafur Arnalds, der sich in dem Duo Kiasmos als Techno-Produzent versuchte und dabei nicht nur die stumpfsinnigsten Bumsbeats erzeugte, die man sich vorstellen kann, sondern dazu auch noch wie ein DJ-Darsteller in einer Teenie-Komödie armeschüttelnd hinter seinem Pult herumhüpfte, womit er – und das war fraglos das Schlimmste daran – das Publikum im überfüllten Saal komplett zum Ausrasten brachte. Das war wirklich nicht schön.

Es gab aber auch viele schöne Momente. Zum Beispiel den Auftritt der wie stets bezaubernden Berliner Sängerin Balbina, die den Donnerstagabend mit einer Rezitation von Gedichten eröffnete. Oder das fabelhafte Konzert des New Yorker Techno- und House-Produzenten The Juan MacLean, der mit zwei Sängerinnen und einem Schlagzeuger auftrat; eckige Funk-Rhythmen legte das Quartett über weich nach vorn ziehende Bässe und ließ schicken Diven-Gesang darüber wehen. In der Halle am Berghain gab die große Neneh Cherry ihr drittes Berlin-Konzert binnen anderthalb Jahren, und zum dritten Mal spielte sie ihr aktuelles Programm aus neuen Liedern und alten Hits in völlig neuen Versionen; manchmal wechselte sie innerhalb eines Songs spontan das Arrangement.

Die Zeitlupen-Popsängerin Anika bot ihre elegant unterkühlten, dabei hoch erotischen Songs erstmals im Duett mit dem Laptop-Krachmeister T. Raumschmiere dar; über seinen knirschenden Flächen und Dub-Reggae-haft schunkelnden Beats entfaltete sich ihre stets leicht verhangene Stimme in äußerst geschmackvoller lasziver Weise. Von jeglicher Eleganz befreite Erotik verströmte hingegen das feministische Duo Schnipo Schranke, das in der Berghain Kantine die Lieder seines nächste Woche erscheinenden Albumdebüts „Schnipo Schranke satt!“ präsentierte. In kirchentagsmusikartigen Klangfarben und von durchweg mitklatschbaren Rhythmen getragen, befassten sie sich mit Themen wie Liebeskummer, Intimrasur oder – in ihrem Hit „Pisse“ – mit den beim Geschlechtsverkehr entstehenden Körpergerüchen; dabei wurden sie an Keyboard und Schlagzeug von einem angetrunkenen Mann in einem Bademantel begleitet.

Noch zu früh für ein endgültiges Fazit

So gab es ungewöhnliche, eigens für das Festival eingerichtete Kooperationen ebenso zu sehen wie eine umfassende Auswahl interessanter junger deutscher Künstlerinnen und Künstler, von Schnipo Schranke und Balbina über die finsteren Schwaben von Messer bis zu den hier schon ausführlich gelobten Zentralheizung of Death des Todes.

Für ein Fazit des gesamten Festivals ist es zu früh. Mir persönlich erscheint es bislang kurzweiliger und durchdachter als die Vorgängerveranstaltung Berlin Music Week. Es gibt aber auch viel Kritik: Als „Regierungs-Pop“ beschimpfte etwa Tobias Rapp das Festival im Spiegel, weil es aus Steuergeldern finanziert wird; und eine Autorin der Berliner Morgenpost beschwerte sich nach dem ersten Abend darüber, dass sie die Konzerte im Berghain nicht mit ihrem Smartphone filmen durfte und deswegen nun hinterher gar nichts auf Youtube stellen kann.

Gewiss, an beiden Punkten kann man sich stören. Man kann sich aber auch darüber freuen, dass man hier zwischen all den von Markenartiklern gesponsorten Festivals wenigstens einmal im Jahr von Werbebannern, von Marketingständen und Gimmickverteilern verschont bleibt; ebenso wie von den unermüdlich hochgereckten Armen jener Menschen, die Konzerte lediglich durch die Kameralinsen ihrer Mobiltelefone wahrnehmen können. Auch bezahlte man seine Getränke mit Bargeld und nicht – wie demnächst wieder beim Lollapalooza – mit einem Prepaid-Chip am Handgelenk, mit dessen Hilfe der Festivalveranstalter Konsum- und Bewegungsprofile erstellen kann.

Oder anders gesagt: Das Pop-Kultur-Festival wirkt wie eines, das so auch vor 20 Jahren hätte stattfinden können, vor der Erfindung von Smartphones und Digitalüberwachung und der flächendeckenden Durchsetzung von Sponsoring-Deals. Und es ist interessant, sich gelegentlich vor Augen zu führen, wieviel Regulationen, Restriktionen und Subventionen es inzwischen braucht, um auf einem Pop-Festival des Jahres 2015 jenen Zustand der Freiheit zu rekonstruieren, den man auf einem Pop-Festival des Jahres 1995 noch für selbstverständlich erachtete.

Pop-Kultur im Berghain, 26. bis 28. August 2015. (Programm, Tickets, Lageplan, FAQ)