Bis zu diesem Juli kannte die türkische Jugend Militärputsche nur aus den Erzählungen ihrer Eltern, vor allem aus den Horrorgeschichten über den 12. September 1980, als der Ministerpräsident Süleyman Demirel zum zweiten Mal gestürzt und von den Militärs das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Das allerdings schon immer mehr als nur eine Erzählung war: Das Klima der Repression und Entpolitisierung, das sich damals ausbreitete, wirkt in der Kultur der Türkei bis heute nach.

Auch eine junge Frau mit einer rebellierenden Stimme wurde damals zum Opfer der Politik. Ziemlich am Anfang ihrer Karriere wurde Selda Bagcan, die Sängerin türkischer Volkslieder, von der Regierung verboten. Zwei Jahrzehnte lang blieb es dabei. Eine ganze Generation hat sie verpasst, erst in den letzten Jahren wurde sie wieder entdeckt. Am kommenden Donnerstag tritt sie in Berlin  im Rahmen des Pop-Kultur-Festivals im Huxleys auf.

Linkshumanistische Ideale

Als Bagcan, 1948 in Mugla im Südwesten der Türkei  geboren, die Bühne zum ersten Mal betrat, herrschte das aufgeladene, lebendige politische Klima der 68er Bewegung. Sie war kein Teil einer politischen Szene, aber ihr Herz schlug für linkshumanistische Ideale. Auch ihre Musik war progressiv: Herrschten sonst im türkischen Pop jener Zeit westliche Arrangements vor, eignete Bagcan sich die traditionelle Musik Anatoliens an und komponierte Songs zu den leidvollen Texten der Volksdichter. Allerdings spielte sie diese nicht auf dem traditionellen Instrument Saz, sondern mit der Gitarre, was ihr auch das Interesse des Rock-Publikums einbrachte.

Die größte Überraschung war allerdings ihre Stimme: schrill, schmerzhaft und klagend, aber zugleich kräftig  und überzeugend. Das war eine Stimme, die – wie ein türkisches Sprichwort heißt – „den Draht des Herzens vibrieren lässt“. Nicht umsonst hat das Time Magazin sie unter die 100 besten Sängerinnen aller Zeiten gewählt.

Gefängnis und Sendeverbot

Aber nicht nur die Musikliebhaber wurden auf sie aufmerksam, sondern auch die Machthaber der Militärregierung, die in ihren Songs „kommunistische Propaganda“ sahen. In der ersten Hälfte der Achtzigerjahre saß Bagcan insgesamt fünf Monate im Gefängnis, und von dem damals einzigen staatlichen Sender, TRT, erhielt sie ein Sendeverbot, das erst nach 20 Jahren aufgehoben wurde.

Dabei hatte sie nicht mehr getan, als Gerechtigkeit und Gleichheit zu fordern. Mit ihren politischen Aussagen sorgt sie aber bis heute bei den Vertretern der Staatsmacht ebenso für Unmut wie bei den Linken. Von denen wurde ihr kürzlich erst Nationalismus vorgeworfen, weil sie ihren Stolz darauf bekundet hatte, türkisch zu sein. Andererseits war sie auch die Erste, die in kurdischer Sprache gesungen hat. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein oder die richtigen Sachen zu sagen, war nie das Rezept ihres Erfolges. Das hat sie für viele so authentisch gemacht. 

Zu volksmusikhaft fürs Pop-Publikum der 90er

In den Neunzigerjahren endete das Monopol des staatlichen Senders TRT, jetzt war ihr Video „Ziller ve Ipler“ auf privaten Sendern zu sehen. Beim Pop-Publikum hatte sie damals aber keinen Erfolg mehr, für den westlich geprägten Mehrheitsgeschmack klangen Bagcans Lieder inzwischen zu volksmusikhaft. Wäre alles dabei geblieben, wäre sie als eine nationale Heldin der Protestmusik in die Geschichte eingegangen.

Im Jahr 2006 wurde dann plötzlich alles anders – ohne dass Selda Bagcan irgendetwas für den internationalen Durchbruch getan hätte, den sie nun erlebte. Zu verdanken hat sie ihn Andy Votel, dem Betreiber des britischen Plattenlabels Finders Keepers. Er hat sich auf unentdeckte oder vergessene Perlen der Popgeschichte spezialisiert und brachte nun ihr Album „Selda“ aus dem Jahr 1976 wieder heraus – ein großer Erfolg, der ineins fiel mit dem frisch erwachten internationalen Interesse an der psychedelischen Musik der Türkei oder dem Anatolien-Rock der Siebzigerjahre.