Popkolumne: Schwarzgebranntes im grenzenlosen Universum

Vorletzte Woche war ich in Nashville, Tennessee. Was in Berlin der Techno, das ist in dieser drittgrößten Musikmetropole der USA natürlich die Countrymusik. Sie haben dem derzeit ertragreichsten Pop der USA mit der Country Music Hall of Fame sogar ein riesiges Museum gewidmet, ein interessanter und rätselhafter Ort. Er präsentiert zahllose Devotionalien, von seltsamen, dreiköpfigen Saiteninstrumenten bis zu bonbonfarbenen, virtuos bestickten Western-Bühnenkostümen, vor denen selbst Liberace erblasst wäre. Es gibt Cadillacs mit Longhorn-Stoßstangen und Revolvern als Türgriffen, einen Wagen, der Elvis Presley gehörte mit goldenen Seitenspiegeln und einer 24-lagigen Lackmischung aus zerstoßenen Diamanten und Perlmutt. Und natürlich hört man zwischen historisch zerkratztem Hillbilly-Fiedeln und frühestem Rock’n’Roll, zwischen Southern Rock und Taylor Swift unentwegt und überlappend Musik.

Dieses recht kakophone Prinzip waltet auch im Stadtzentrum, nur dass die Musik dort in unermüdlich aneinandergereihten Bars live spielt. Das hat zunächst durchaus Charme. Man kehrt hier bei ein paar kompetent verrockten Funk-Klassikern ein, trinkt dort einen pfirsicharomatisierten Schwarzbrennerschnaps zu jodelnden Countrypärchen, flüchtet vor südstaatlichen Guns-N’-Roses-Typen und trinkt ein Bier zu coolem Garagenrockabilly. Versucht man sich jedoch draußen einen Moment zu besinnen, fällt auf, dass die Bühnen alle zur Straße hin postiert sind und die Bands zudem per Außenlautsprecher nach draußen dröhnen; dazu spielen noch Jazz- und Bluesmusiker auf dem Gehweg; und die städtischen Stromverteilerkästen sind mit Lautsprechern für scheppernde Countryklassiker ausgestattet – es wirkt zunehmend surreal und verwirrt später noch den Soundtrack im Schlaf. Man stelle sich kurz vor, am Schlesischen Tor dröhnten Kioske und Dönerbuden sowie Lido, Watergate, Magnet und wie sie alle heißen nebeneinander ins Freie.

Was mich zum französischen Musiker Ghédalia Tazartès bringt, der am Freitag in der Berghain Kantine auftreten wird. In einem jüngeren Interview meinte Tazartès über die Dauerbeschallung des öffentlichen Raumes: „Vielleicht leben wir ja in Zeiten einer musikalischen Umweltverschmutzung.“ Das ist einerseits eine nachvollziehbare Beobachtung, andererseits eine mutige These. Er versteht sich selbst nämlich als musikalischen Surrealisten und behauptet, seine Musik beruhe zu 100 Prozent auf Zufall.

Beim ersten Hören klingt die Musik, als rase ein Weltempfänger unkontrolliert durch seine Radioprogramme. Eine seiner letzten Veröffentlichungen heißt „Ante-Mortem“ und besteht aus 25 etwa Popsingle-langen Songs – einem Begriff, den man hier großzügig verstehen sollte. Es beginnt mit einer Art arabisch durchwirkten Gitarrenspielerei und bewegt sich von dort durch sprunghafte Sologesänge, die abwechselnd und manchmal gleichzeitig an Muezzins und Klezmerfolk erinnern, unterlegt von Gitarrendrones, schnaufenden Orgelharmonien, eilig-südeuropäischen Akkordeoneinlagen und Rockriffs. Ganz am Ende läuft eine einsame, leicht verfremdete Oboenversion des Bach’schen Ave Maria zu schabenden Geräuschen. Dabei krächzt Tazartès den lateinischen Text wie ein nicht sehr tonsicherer Tom-Waits-Fan in der Badewanne.

Der 1947 in Paris geborene Autodidakt veröffentlicht seine Werke in sehr unregelmäßigen Abständen seit den späten Siebzigern. Seine Methode erinnert einerseits an die musique concrète, immerhin wurde er von Michel Chion, Musikprofessor an der Sorbonne und Schüler des Musique-Concrète-Pioniers Pierre Schaeffer, auf den Weg gebracht. Tazartès arbeitet mit Bandmaschinen, die er „meine Kamera“ nennt; und er benutzt neben vielen Echtinstrumenten und der Stimme auch Alltagsgeräusche. Als musikalischer Allesfresser zitiert er Volksmusik aus der ganzen Welt, Klassik, Jazz und Rockgenres. Sein Gesang wiederum, so sagt er, bewegt sich intuitiv durch die entsprechenden Phrasierungen und Rhythmen, und er wechselt dabei die Lagen, klingt kindlich, feminin oder maskulin. Er singt auf Französisch, in einer selbst erfundenen Kindersprache und dem spanisch-jüdischen Ladino seiner Eltern, die wiederum griechisch-stämmige Juden mit türkischem Hintergrund waren.

Dieser Gesang ist das verbindende Moment in seinem grenzenlosen Universum. Tazartès sucht dabei einen ungefilterten Ausdruck, aus dem die Stimme seiner Mutter, einer Jazzsängerin, und die Albtraumschreie seines Vaters, eines Auschwitzüberlebenden, neben eigenen Angst- und Glücksgefühlen und dem Kunsterleben gleichberechtigt ausbrechen dürfen. „Meine Musik“, sagt er, „ist paradox wie die menschliche Natur.“

Einen stimmigen Fluss wird man darin nicht finden. Aber wenn man sich darauf einlässt, entfaltet das sprunghafte Durcheinander der Klänge, Melodien und Stimmungen einen rätselhaften, berührenden, weltumarmenden Zauber.