Kein Entkommen: Diese Ohrwürmer werden wir nie wieder los!

Nicht nur in der Vorweihnachtszeit gibt es Lieder, die sich viel zu tief ins Gedächtnis gegraben haben. Eine (unvollständige) Liste zum Mitsingen und Mitleiden.

Bitte! Nicht! Singen! In der Vorweihnachtszeit bleibt das Radio besser aus, wenn man Wham und ihren Hit „Last Christmas“ umgehen will.
Bitte! Nicht! Singen! In der Vorweihnachtszeit bleibt das Radio besser aus, wenn man Wham und ihren Hit „Last Christmas“ umgehen will.Imago

Jeder kennt sie, jeder hasst sie: Die Hits, die man einmal hört und nie mehr vergisst. Meist wabern sie über viele Tage durchs Hirn und den Gehörgang, Ohrwurm nennt man das landläufig. 

Jetzt beginnt wieder die Jahreszeit in der Whams „Last Christmas“ aus den Boxen tropft, aber es gibt noch ein paar andere Songs, die uns ganz unabhängig von Weihnachten in den Wahnsinn treiben. Eine kleine Auswahl der schlimmsten Gehörgang-Killer. 


1. Weihnachten in der Hölle: „Last Christmas“ von Wham

Es ist wieder so weit: Die Vorweihnachtszeit beginnt mit Lebkuchen ab September und dass es dann endgültig naht, das Fest, weiß man spätestens, wenn das erste Mal im Jahr „Last Christmas“ von Wham aus den Lautsprechern tropft.

Der Song ist leider so totgenudelt, dass Menschen in Massen schreiend das Weite suchen, wenn er im Radio läuft. Was sehr schade ist, denn „Last Christmas“ aus dem Jahr 1984 ist, wie eigentlich fast alles aus der Feder von George Michael, eine Perle der Songschreiberkunst. Wer nicht von Michaels Ausnahmetalent überzeugt ist, der kann ja mal versuchen, seinen Hit „Careless Whisper“ zu singen. Sie werden Ihr persönliches Waterloo erleben und zwar in jeder Strophe.

Das Video zu „Last Christmas“ ist so kitschig, wie das Lied toll, und man mag gar nicht glauben, dass all die aufgetufften Fönfrisuren wirklich mal als sexy galten. Zur Legende gehören Gerüchte wie die um die Rechte zum Song. Eines besagt, George Michael habe sie seinem ehemaligen Bandkollegen Andrew Ridgeley vermacht, als Altersvorsorge sozusagen. Wenn das kein Weihnachtsgeschenk ist!


2. Für immer La-La-La: „Can’t Get You Out Of My Head“ von Kylie Minogue

Es war ganz sicherlich der Monsterhit des jungen Jahrzehnts. Niemand konnte sich Kylie Minogues „Can’t Get You Out of My Head“ entziehen, jeder Radiosender, jedes Musikformat spielte den Jahrhunderthit in Heavy Rotation. Bald bohrte sich die sogenannte Hookline, die nur aus „La-la-la-la-la-la-la-la, La-la-la-la-la-la-la-la, La-la-la-la-la-la-la-la, La-la-la-la-la-la-la-la“ besteht, in jedes Stammhirn und jeden Gehörgang.

Vollkommen zu Recht, denn der Song aus der Feder von Cathy Dennis und Rob Davis ist ein unglaublicher Ohrwurm und machte Kylie Minogue in Folge endgültig zu einem ernstzunehmenden Superstar, der alleine von der weltweiten Nummer Eins „Can’t Get You Out of My Head“ rund viereinhalb Millionen Singles verkaufte und den weißen Kapuzen-Jumpsuit zum Must-have des Sommers 2001 machte.


3. Folterinstrument Synthesizer: „Popcorn“ von Hot Butter

„Di-di-di-di-di-di! Di-di-di-di-di-di-di! Dididididididididi! Di-di-di-di-di-di-Du! Di-di-di-di-di-di-Du! Dididididididididi!!!“ Bitte wiederholen, bis der Hirntod einsetzt.


4. Erst am Lagerfeuer, dann in die Birne: „Wonderwall“ von Oasis

Es gibt da dieses Meme. „Somebody asked me if I could stop singing ,Wonderwall‘“, steht auf dem Online-Bildchen, darunter die Antwort: „And I said maybe …“ – und sofort hat man das Lied im Kopf, das hier zur Debatte steht. Überhaupt – wenn das Wörtchen „Maybe“ fällt, pflanzt sich ganz schnell der Oasis-Klassiker ins Hirn.

Überbewertet: ein singender Gallagher.
Überbewertet: ein singender Gallagher.Imago/PA Images

Das ist besonders tragisch, weil es sich um ein wirklich, wirklich blödes Lied von einer wirklich, wirklich überbewerteten Band handelt, das ohnehin andauernd und überall zu hören ist. An der Straßenecke etwa, vom semibegabten Straßenmusikanten dargeboten. Oder beim Liederabend in der Schule, zu dem man von Freundinnen mit Kindern mitgeschleift wird. Oder am Lagerfeuer, das schlechterdings mit Live-Klampfenspiel untermalt wird. Oder eben im Radio, im Fernsehen, auf sozialen Medien. Und natürlich im eigenen Kopf – immer und immer wieder.


5. Hohelied auf die sexuelle Belästigung: „Im Wagen vor mir“ von Hans Blum

Viel wurde unlängst über Hans Blums „Im Wagen vor mir“ schon geschrieben und gesagt. Weil man fast 50 Jahre nach Erscheinen des Schlagers leider feststellen musste: Inhaltlich liegt da einiges im Argen. Ein alter Sack mit Knarrstimme, der sich über das „junge Mädchen“ freut, das im voranfahrenden Auto sitzt und auch noch „hübsch zu sein scheint“?

Bitte nicht einsteigen: Sänger Henry Valentino (Hans Blum).
Bitte nicht einsteigen: Sänger Henry Valentino (Hans Blum).Imago

Eine Frau, die sich von dem „blöden Kerl da hinter ihr“ belästigt fühlt und sich im schützenden Grün irgendwelcher Hecken vor ihm verstecken will? Gar nicht mal so witzig, was Blum da Ende der 70er zusammentextete. Und dann ist der Schlager zu allem textlichen Übel auch noch ein penetranter Ohrwurm. Das liegt vor allem am nervenzerbröselnden „Rada rada radadada“-Teil, den der geile Bock gemütlich daher singt, während er lässig die verstörte Autofahrerin vor ihm stalkt. Ein auf so vielen Ebenen furchtbares Lied.


6. Hi Ha Heidi, Heidi Heidi Hei: „Schnappi“ von Iris Gruttmann

Der unumstrittene Tiefpunkt des Kinderliedes um ein schnappfreudiges Krokodil war im Februar 2005 erreicht. Da nämlich waren Heidi Klum und ihr damaliger Gatte Seal auf dem Karneval in Bergisch-Gladbach unterwegs. Verkleidet als – Sie ahnen es – „Schnappi, das kleine Krokodil“. Provokanter geht es kaum.

Das hat das Reptil nicht verdient: Schnappi als volksmusikalische Belustigungsfigur.
Das hat das Reptil nicht verdient: Schnappi als volksmusikalische Belustigungsfigur.Image

Zuvor war das Musikprojekt der Kölner Komponistin Iris Gruttmann auf den ersten Platz der deutschen Single-Charts geklettert und hielt sich dort zehn unfassbare Wochen – trotz eines dummdödeligen Textes, krumm und schief gesungen von einer bratzigen Kinderstimme, gab es für „Schnappi“ Doppelplatin. Über Monate hinweg nichts als „Schni Schna Schnappi, Schnappi Schnappi Schnapp“, immer und immer wieder. Das bleibt kleben in der Birne und will auch nicht mehr raus. Die reinste Folter. 


7. Immer tiefer in den Kopf geschraubt: „Zombie“ von den Cranberries

In den Neunzigern waren die Cranberries nach ihrem Hit „Zombie“ schwer angesagt, der Protestsong gegen den Nordirlandkonflikt lief bei Viva und MTV hoch und runter. Nicht nur das Thema traf einen Nerv, sondern auch die 2018 viel zu früh verstorbene Frontsängerin Dolores O’Riordan. Die Irin beeindruckte mit ihrer einzigartigen, von ihrem Akzent geprägten Stimme, mit ihrem coolen Look, dem selbstbewusst zur Schau gestellten Pixie-Cut, den lässigen Barfußauftritten. Eine toughe Stilikone, von der sich erst später zeigte, wie zerbrechlich sie war.

Ihr größter Hit, eine Hymne gegen sinnlose Gewalt, hat sich leider im Laufe der Zeit zu einer recht nervtötenden Angelegenheit entwickelt. Nach dem hundertsten Mal im Radio und dem zehnten amateurhaften Nachsingversuch im Lagerfeuerkreis schraubte sich das „In your hea-head, in your hea-hea-hea-head“ dann doch etwas zu tief in den Kopf, das „Zo-hom-bä, zo-hom-bä, zo-hom-bä-a-ä-a-ä-a“ schien niemals zu enden. Ein typisches Beispiel für einen Song, den man in seiner Jugend super fand, sich später jedoch komplett überhört hat.


8. Lehrers Liebling: „Lemon Tree“ von Fools Garden

„Lemon Tree“ hingegen ist ein typisches Beispiel für einen Song, der schon in der Jugend furchtbar war – und zwar spätestens dann, wenn man damit im Englisch-Unterricht gequält wurde. Lehrer und Lehrerinnen liebten das eingängige Lied, schließlich konnte man das Gesungene doch so gut verstehen und nachher ließ sich die Schülerschaft per Lückentext noch eine Weile beschäftigen.

Unumwunden gab Sänger Peter Freudenthaler 2015 im TV-Interview zu, er habe den Song über einen Zitronenbaum an einem Sonntagnachmittag im Schlafzimmer beim Warten auf seine Freundin innerhalb von 20 Minuten geschrieben. Das Wort „Lemon Tree“ habe er gewählt, weil es gut klinge. Aha. Dank so viel seichter Hartnäckigkeit und unzähliger Coverversionen von Ina Müller bis Jan Böhmermann jedenfalls ist „Lemon Tree“ nicht totzukriegen – ebenso wenig wie die Erinnerung an den Englischunterricht.


9. Drauf gepfiffen: „Wind of Change“ von den Scorpions

Die Scorpions haben, so man dem Genre der Rockballade etwas abgewinnen kann, wirklich ein paar schöne Lieder geschrieben. „Still Loving You“ zum Beispiel, oder „Send Me An Angel“. Ihr größter Hit aber war die Wendehymne „Wind of Change“, die auch 33 Jahre nach dem Mauerfall noch genauso unerträglich ist wie damals. 

Ehrlich, zieht die Mauer wieder hoch, aber verschont uns mit dem Pfeifen von Klaus Meine, mit dem er nach eigenem Bekunden schon im September 1989 seine Nachbarn in Hannover nervte, als er den Song am offenen Fenster in seinem Heimstudio übte. Die Romantisierung Moskaus zu Beginn des Welthits ist auch nicht gerade gut gealtert. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine dichteten die Scorpions auf Konzerten ihr Lied um: „Now listen to my heart / It says Ukrainia / Waiting for the wind to change“. Gepfiffen wurde leider trotzdem noch. 

Was ist ihr schlimmster Ohrwurm? Schreiben Sie uns an leser-bz@berlinerverlag.com