Beim geselligen Abend mit den Nachbarn liegt das Grillgut auf Plastiktellern und die Kinder des Hauses tragen ihre Zeugnisnoten vor. 
Foto: Pepito Produzioni, Amka Film Production

BerlinWenn hier jemand weinen könnte, bin ich das“, herrscht der Vater seine Kinder an, als sie wieder einmal besonders große Angst vor ihm haben. Am Ende weint er wirklich. Oder besser: schwitzt seine Tränen im ganzen zitternden Gesicht aus, als er im Bett darauf wartet, dass seine Frau unten im Haus das Entsetzlichste entdeckt, von dem er selbst schon weiß. Ein Vater voll Verzweiflung und zerstörerischem Selbsthass – nicht der einzige in dieser Einfamilienhaussiedlung, in der die Brüder Fabio und Damiano D’Innocenzo ihren zweiten Spielfilm „Favolacce“ (Bad Tales – Schlechte Geschichten) angesiedelt haben.

Trailer mit englischen Untertiteln.

Quelle: YouTube

Es gibt einen Erzähler, aber auf dramaturgisch etwas kokette Weise bleibt im Unklaren, wer das ist. Ein Mann hat das Tagebuch eines Mädchens gefunden und schreibt ihre plötzlich abbrechende Geschichte fort. Oder um? Eine „wahre Geschichte“, die „auf einer Lüge beruht“, heißt es. Die italienische Vorstadtgesellschaft, die hier in porentiefen Nahaufnahmen und einer intensiven Geräuschakustik belauert wird, ist eine Ansammlung einsamer Einzelkämpfer der Angestelltenwelt, die in Familien gruppiert sind. Cholerisch und frauenhasserisch die Männer, passiv und emotionslos die Frauen. Dazwischen Kinder in genau dem Moment, in dem sie ihre Unschuld verlieren und die Eltern als Rollenmodelle der eigenen Zukunft wahrzunehmen beginnen. Geradezu schlafwandlerisch schaffen sie sich dazu eine Alternative.  

Dennis (Tommaso Di Cola) trifft auf die hochschwangere Vilma (Ileana Stimmatini D’Ambra).
Foto: Pepito Produzioni, Amka Film Production

Es ist ein dräuend langsamer Film voll alltäglicher Grausamkeiten. Der Befall von Kopfläusen ist für die Eltern von Viola ein Anlass, ihr den Kopf zu scheren und eine Perücke aufzusetzen. Der Vater von Dennis und Alessia kauft im Sommer ein aufblasbares Schwimmbecken und schlitzt es in der Nacht wieder auf. Mit der jungen Vilma bricht die Unterschicht in das Kleinbürgertum und wirkt in ihrer Vulgarität fast wie ein Ausweg, der aber nur noch ungeschminkter in den Abgrund führt. Die Darsteller der Kinder sind überragend in diesem als böses Märchen getarnten Stück Neorealismo. Die der Eltern auch. Die Erbärmlichkeit der Figuren würgt einen, als wäre es die eigene. Im Verzicht auf eine analytische Ebene liegt ein wenig Spielmachereitelkeit. Andererseits ist bestens sichtbar, worin die Lebenslüge besteht, auf der die Wahrheit der Geschichte beruht.