BerlinBekanntlich ist Nacktheit für Facebook ein Graus. Nutzer, die etwa einen entblößten Busen posten, müssen mit sofortiger Sperrung ihres Profils rechnen. Die mitunter geradezu skurril anmutende Furcht des sozialen Netzwerks vor nackter Haut wird häufig mit dem Hang der Amerikaner zur Prüderie erklärt.

Nun gibt es allerdings ein anderes soziales Netzwerk, das wie Facebook seinen Sitz im amerikanischen Silicon Valley hat und ganz und gar nicht prüde ist. Im Gegenteil: Twitter hat sich, von den meisten seiner Nutzer unbemerkt, für einige Porno-Anbieter zu einer nicht unwichtigen Promotion-Plattform entwickelt. Das wäre an sich nicht weiter bedenklich. Der Kurznachrichtendienst, der ansonsten gern von Politikern und Journalisten genutzt wird, könnte allenfalls ein Image-Problem bekommen, sollte sich herumsprechen, was in seinen dunkleren Ecken so alles abgeht.

Allerdings hält sich Twitter nicht an deutsche Jugendschutzbestimmungen: Die pornografischen Angebote des Dienstes sind ohne Altersverifikation für jedermann abrufbar. Deshalb beschäftigt sich seit September 2019 die Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (MAHSH) mit dem Fall. Seither haben die Medienkontrolleure mehrfach Twitter aufgefordert, die Porno-Angebote vom Netz zu nehmen oder sie nur noch einer geschlossenen Nutzergruppe zugänglich zu machen. Doch nichts geschah. Nun ist der MAHSH der Geduldsfaden gerissen: Mit Datum vom 14. Oktober hat sie Twitter einen Beanstandungs- und Untersagungsbescheid zugestellt.

Konkret geht es in dem Bescheid, stellvertretend für viele vergleichbare Angebote, um das Profil twitter.com/LaureenPinkXXX. Es ist mit knapp 190.000 Followern äußerst reichweitenstark. Bisher wurden dort knapp 325.000 pornografische Tweets versandt. Für die Porno-Darstellerin Laureen Pink, die noch ein weiteres pornografisches Twitter-Profil unterhält und nun ungewollt Rechtsgeschichte schreiben könnte, spielt es bei der Eigen-PR eine nicht unwichtige Rolle: Googelt man ihren Namen, steht das Twitter-Profil auf Platz vier der Ergebnisliste, sucht man nach LaureenPink gar auf Platz eins.

Bei Twitter, wo es wohl noch nicht mal einen Jugendschutzbeauftragten gibt, ist man sich keiner Schuld bewusst. In der bisherigen Auseinandersetzung mit der MAHSH vertraten die Amerikaner die Rechtsauffassung, deutsche Behörden seien für sie gar nicht zuständig. Die Twitter I.C. – I.C. steht für International Company –, die den Dienst in Europa betreibe, habe ihren Sitz in Dublin. Folglich gelte für sie irisches Recht. Und in Irland sind Twitters Porno-Angebote offenbar juristisch nicht zu beanstanden. Die MAHSH hält dagegen, dass bei Verstößen gegen den Jugendschutz das Herkunftsprinzip keine Rolle spiele.

Twitter hat nun einen Monat Zeit, um Widerspruch gegen den Bescheid einzulegen. MAHSH-Direktor Thomas Fuchs rechnet mit einem Rechtsstreit: „Ich gehe davon aus, dass der Fall vor Gericht geht“, sagt er auf Anfrage. Die Anwaltskanzlei, die Twitter vertritt, lehnt jeden Kommentar ab, ebenso wie Twitter selbst. Der Dienst begründet dies damit, dass es sich um „ein laufendes Verfahren“ handele.