Eine Szene aus Aykan Safoğlus Film „ziyaret“ (2019)
Foto: Laura Fioro

Berlin„Erinnerung ist kein Instrument zur Vermessung der Vergangenheit“, schrieb Walter Benjamin in seinen autobiographischen Skizzen zur Berliner Kindheit, „sondern ihres Theaters.“ Die Benjaminschen Sprachgirlanden zeichnen ein Bild Berlins um die Jahrhundertwende. Die Ausstellung „Poröse Stadt – Grenzgänge des Urbanen“ behandelt ebenfalls Berliner Stadtgeschichte, nur geht es darin nicht ums Theatralische, sondern um den politischen Kern. Es sind die Grenzen und Machtverhältnisse im städtischen Raum – Fragen wie: Was ist Stadt? Wem gehört sie? Wer gestaltet sie? – sowie die Strategien der künstlerischen Aneignung, die das Kuratorinnen-Team Caroline Adler und Eylem Sengezer antreibt.

Das Kuratorinnen-Team Caroline Adler (m.) und Eylem Sengezer (r.)
Foto: Laura Fioro

Die künstlerischen Positionen, die sie darin auffahren, gehen über Beiträge zur Stadtteil-Aufwertung und Gentrifizierung weit hinaus: „Poröse Stadt“ behandelt die historischen Häuserkämpfe in Berlin genauso wie jüngere Debatten rund um den Mietendeckel. Das Ausstellungskollektiv „Kämpfende Hütten“ gibt Einblick in die wechselvolle Stadtgeschichte – die teils sogar mit dem Ausstellungsort selbst verschränkt ist: Das einstige Diakonissen-Krankenhaus am Mariannenplatz wurde (manch einer hat die Geschichte noch aus Rio Reisers „Rauch-Haus-Song“ im Ohr) 1970 stillgelegt und später von Künstlern besetzt. Heute ist das Bethanien ein schillernder Kunst-Ort.

Die israelische Fotografin Hadas Tapouchi bespielt darin einen Ausstellungsraum mit ihrer 2013 begonnenen Arbeit „Transforming“. Bei der Eröffnung steht sie vor einer Serie gesättigter Kontaktabzüge in Hasselbladscher Mittelformat-Ästhetik. „Transforming“ ist wie ein Spiegelkabinett verdrängter Erinnerungspolitik – wie ein in die Sichtachse gezogener Stolperstein. In der Mitte des Raums hängt eine quadratische Leinwand, auf der Tapouchis Dias im Sekundentakt wechseln. Man sieht heutige Standorte ehemaliger NS-Zwangsarbeiterlager, die sich zwischen 1939 und 1945 über ganz Berlin erstreckten. Anhand eines Kompendiums des Historikers Rainer Kubatzki, der rund 3000 dieser Lager im Berliner Stadtraum dokumentierte, erstellte Tapouchi ein fotografisches Archiv. Knapp 250 Orte sind darin festgehalten.

Szenen aus Hadas Tapouchis „Transforming“
Foto: Laura Fioro

Man sieht Bilder aus dem Zentrum Berlins, etwa das Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße, aber auch aus der Peripherie: Köpenick, Reinickendorf, Schöneweide. Es ist die Alltäglichkeit und formale Kälte von Tapouchis Arbeiten – eben die Abwesenheit des Terrors –, die ihre Stärke ausmachen. „Mir ging es darum, die Banalität und Allgegenwärtigkeit der Geschichte zu zeigen“, sagt die Künstlerin, „zu fragen, ob sich in den Transformationen eine innere Logik ausmachen lässt“.

Aus dem Nebenraum ertönt ein leises Jazz-Saxophon. Der Ton gehört zu der merkwürdig-sinnlichen Video-Arbeit „Long Sorrow“ des albanischen Künstlers Arni Sala: Die Kamera nähert sich darin langsam von hinten dem Free-Jazz-Saxophonisten Jemeel Moondoc. Der sitzt am Fenstersims im obersten Stockwerk eines Berliner Plattenbaus. Wie in einer musikalischen Suchbewegung scheint er die Trostlosigkeit der Umgebung zu kontern – oder sie durch ein intimes Konzert zu ergänzen.

Die Arbeiten von Nathalie Nba Bikoro und Anaïs Héraud-Louisadat verfolgen postkoloniale Perspektiven auf Berlin. Ein filmischer Essay des verstorbenen Filmemachers Harun Farocki widmet sich wechselnder Berliner Architektur. Auch Aykan Safoğlu bespielt die Themen Erinnerung und Vergänglichkeit auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof in Schöneberg. Im Hintergrund von all dem meint man den Song Rio Reisers zu hören: „Und wir schreien's laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus. Das ist unser Haus!“

Poröse Stadt – Grenzgänge des Urbanen, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, Mo-So, 10-22 Uhr.