Liebe und Furcht: Das sind die Gefühle, die wir an diesem Abend immer wieder verspüren; wir strecken uns in der Menge dem Licht entgegen und ducken doch zugleich miteinander die Köpfe. Liebevoll scheint die untergehende Sonne auf die zehntausend Hörer im riesigen Rund der Spandauer Zitadelle. Argwöhnisch kreisen in der Luft die Raubvögel, denen das Gemäuer sonst alleine gehört: Sie spähen in der bunten Menge vergeblich nach Beute für das Abendbrot.

Warum stoßen sie nicht auf Beth Gibbons nieder? Von der ersten Zeile des ersten Songs „Silence“ an krümmt und windet sie sich auf der Bühne wie ein gerade aus dem Nest gefallenes Küken. Sie wirkt unentwegt, als wolle sie am liebsten aus dem Blick ihrer Hörer verschwinden, ihren Körper in sich selbst bis zur Unsichtbarkeit falten – und erzeugt gerade dadurch die stärkste Präsenz, die man sich vorstellen kann. Sie hält sich an ihrem Mikrofonständer fest, als kämpfe sie mit der Hilfe dieses Halts gegen eine quälende Spannung, eine Verklemmung der Glieder, ein Flattern des Metabolismus. Und doch kann man sich keine Sängerin denken, deren Ausdruck bewegender und kraftvoller wäre.

Am Dienstag hat Beth Gibbons mit ihrer Band Portishead ein grandioses Konzert gegeben: eine triumphale Verbindung von intimstem Ausdruck und kältester Abstraktion, eine seltene und kostbare Konstellation von musikalischer Wahrhaftigkeit und Modernismus. Knapp 80 Minuten spielt die Band – vom Trio zum siebenköpfigen Ensemble erweitert – sich durch ihr Repertoire. Neue Lieder gibt es dabei nicht zu hören, schließlich ist es gerade erst fünf Jahre her, dass Portishead die letzten komponiert haben: Im aktuellen Produktionsrhythmus der Gruppe müssen bis zum nächsten Werk noch mindestens fünf weitere Jahre vergehen.

Konzentriertes Gewimmel

In den zwanzig Jahren ihres Bestehens haben Portishead gerade einmal drei Alben herausgebracht, von dem epochalen „Dummy“ 1994 über „Portishead“ 1997 bis zu „Third“ aus dem Jahr 2008. Zu dessen Präsentation waren sie das bislang letzte Mal in Berlin zu sehen gewesen: Erst spielten sie ein unvergessliches kleines Konzert im Funkhaus Nalepastraße, dann traten sie noch einmal vor dreieinhalbtausend Hörern in der Columbiahalle auf. Ach, sie könnten vor Zehntausenden spielen, seufzte seinerzeit ein Vertreter ihrer Plattenfirma, aber sie wollen nun einmal nicht, sie hassen diese Massenveranstaltungen und fürchten um die Zerbrechlichkeit ihrer Musik.

Nun haben sie doch einmal gewollt: und was für ein Glück! Knapp zehntausend Hörer drängen sich also in der Zitadelle, und doch hat man in keinem Moment das Gefühl, im üblichen Gewimmel einer Großveranstaltung zu stehen, so konzentriert, angerührt und ergeben ist das Publikum hier, so innig verbunden ist es mit den Liedern von Portishead – und mit der rücksichtslosen Konsequenz, mit der die Band alle liedhaften Strukturen immer wieder zerschindet. Das ist der prägendste ästhetische Eindruck an diesem Abend: Wie unmittelbar diese Musik die Herzen der Hörer erwärmt – und wie radikal, schroff und wagemutig sie dabei doch ist. Und wie aktuell.

Berührungsscheu

Mit „Third“ haben Portishead jedenfalls – das wird im Abstand der fünf Jahre noch einmal deutlich – fast alles vorweggenommen, was in den Avantgarden des Pop sich seither an prägenden Stilen und Produktionsweisen entfaltete: die immer virtuoser geratende technische Manipulation des Gesangs; die konsequente Verfugung der Stimme mit elektronischen Sounds; die neue Verbindung zwischen der Abstraktheit des elektronischen Minimalismus und der Romantik der Gothic-Ästhetik. In den schroff knallenden analog-elektrischen Beats von „Machine Gun“ – im Konzert dramaturgisch geschickt zur Hälfte des Hauptteils nach dem elegischen „Wandering Star“ dargeboten – findet man sogar die neueste Avantgarde des Minimal Techno etwa von Emptyset antizipiert.

Dies alles aber – und das unterscheidet Portishead von den meisten anderen Bands in diesem ästhetischen Feld – gewinnt seine ganze musikalische Größe erst im Kontrast und im Kampf mit Beth Gibbons’ Stimme. Deren Zartheit und Verletzlichkeit, deren schicksalsverwundetes Barmen schrumpft wiederum nie in Balladengesang: Dazu sind die klanglichen Widerstände zu groß, gegen die sie sich behaupten muss; dazu sind die Störgeräusche und die klagend verwehten Geisterklänge zu laut, die Geoff Barrow auf seinen Synthesizern erzeugt. Und Adrian Utley begleitet sie auf der Gitarre auch nicht; er spielt sein Instrument nicht in Akkordfolgen und Melodien. Eher klumpt er die Klänge und sendet sie wie Gewitterwolken in die Arena; unter den leuchtenden Wettern lässt die Band ihre Rhythmen auseinanderlaufen und wieder zusammenfinden.

Kurz vor dem Ende verschwindet Beth Gibbons für einen Moment in den vorderen Publikumsreihen, von einer wackelnden Kamera wird ihr Weg flackernd-verpixelt auf die Bühnenleinwand übertragen. Es ist ein Liebesbeweis, ein Moment der Nähe zu ihren Hörern. Aus den Bildern aber spricht Klaustrophobie, Kampf mit sich selbst, mühevoll überwundene Berührungsscheu. So ist es auch in der Musik dieser überragenden Band: Die Sehnsucht nach Liebe klingt in ihr stets wie die Überwindung von Angst.