Liebe und Furcht: Das sind die Gefühle, die wir an diesem Abend immer wieder verspüren; wir strecken uns in der Menge dem Licht entgegen und ducken doch zugleich miteinander die Köpfe. Liebevoll scheint die untergehende Sonne auf die zehntausend Hörer im riesigen Rund der Spandauer Zitadelle. Argwöhnisch kreisen in der Luft die Raubvögel, denen das Gemäuer sonst alleine gehört: Sie spähen in der bunten Menge vergeblich nach Beute für das Abendbrot.

Warum stoßen sie nicht auf Beth Gibbons nieder? Von der ersten Zeile des ersten Songs „Silence“ an krümmt und windet sie sich auf der Bühne wie ein gerade aus dem Nest gefallenes Küken. Sie wirkt unentwegt, als wolle sie am liebsten aus dem Blick ihrer Hörer verschwinden, ihren Körper in sich selbst bis zur Unsichtbarkeit falten – und erzeugt gerade dadurch die stärkste Präsenz, die man sich vorstellen kann. Sie hält sich an ihrem Mikrofonständer fest, als kämpfe sie mit der Hilfe dieses Halts gegen eine quälende Spannung, eine Verklemmung der Glieder, ein Flattern des Metabolismus. Und doch kann man sich keine Sängerin denken, deren Ausdruck bewegender und kraftvoller wäre.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.