Der französische Offizier Jean-Baptiste Marchand (1963-1934) bei einer Expedition auf dem afrikanischen Kontinent. 
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Berlin - Der Berliner Stadtplan im Netz verzeichnet im Afrikanischen Viertel immer noch die Lüderitzstraße. Dabei sollte sie nach einem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Mitte längst in Cornelius-Fredericks-Straße umbenannt sein – doch Anwohner wehren sich.

Adolf Lüderitz war ein deutscher Abenteurer, der mit betrügerischen Verträgen den Grundstein für die deutsche Kolonie im heutigen Namibia legte. Cornelius Fredericks wiederum war ein Anführer der Nama, der im Aufstand gegen die Deutschen gefangen genommen, in ein Konzentrationslager gesteckt und 1907 im Ort Lüderitz enthauptet worden war – und dessen Schädel an die Charité geschickt wurde.

Arte rückt Nachfahren unterjochter Völker ins Zentrum

Nicht nur um die Straßennamen, sondern auch in ethnologischen Museen wird seit einigen Jahren verstärkt über den Umgang mit dem kolonialen Erbe geforscht und gestritten. In diesem Monat startet in Berlin das fünfjährige Projekt „Postkoloniales Erinnern in der Stadt“. Der Arte-Themenabend bietet am Dienstag eine Fülle historischer Hintergründe und Anregungen – und das aus einer besonderen Perspektive. Nicht Historiker oder Museumsleute, sondern die Nachfahren der Völker, die im Namen der Zivilisation und des Christentums unterjocht und ausgebeutet wurden, stehen im Zentrum der vier Filme.

Der Auftaktfilm „Unter Herrenmenschen“ stammt vom ZDF und widmet sich dem deutschen Kolonialismus in Namibia. Autorin Christel Fromm zeichnet die Entwicklung von der deutschen Inbesitznahme durch das Kaiserreich bis in die Gegenwart nach. Das düsterste Kapitel, der Völkermord an den aufständischen Herero und Nama ab 1904, wird durch militärische Dokumente, bedrückende Fotos und vor allem durch die Auftritte von Anführern lebendig, die zeigen, wie stark der Verlust von mehr als der Hälfte ihrer Angehörigen die Völker bis heute prägt.

Dabei wird deutlich, dass das, was heute unter dem abstrakten Begriff der Entkolonialisierung gefasst wird, auch vor Ort ein schwieriger und langwieriger Prozess ist. Selbst in Namibia heißt der Küstenort noch immer Lüderitz. Die heilige Wasserstelle, von der sie vertrieben wurden, gehört einem weißen Farmer, den sie um Erlaubnis für das Betreten bitten müssen. „Als Ihr hierher kamt, hattet Ihr die Bibel und wir das Land“, fasst ein Herero-Führer prägnant zusammen. „Heute haben wir die Bibel und Ihr das Land!“

Bundesregierung erkannte erst 2015 den Völkermord an

Die Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmert sich um das Grab jedes deutschen Gefallenen, der den „Heldentod“ starb – für die Zehntausenden Opfer der Einheimischen steht eine karge Platte. Die Bundesregierung, die erst 2015 den Völkermord anerkannte, vertritt Ruprecht Polenz, der mit der Regierung von Namibia, nicht aber mit den Nachfahren der Herero und Nama verhandeln will.

Noch stärker nimmt der dreiteilige Film „Entkolonisieren“ die Perspektive der einst Kolonisierten ein – der Film entstand als Koproduktion französischer Sender mit dem Fernsehen in Senegal, Regisseur und Co-Autor Karim Miske stammt von der Elfenbeinküste. Der Dreiteiler schlägt einen globalen Bogen und beginnt mit der ersten Revolte, dem Sepoy-Aufstand 1857 in Indien.

Anführerin Rani von Jhansi wird als Heldin eines bunten Bollywood-Monumentalfilms gezeigt. Von den anderen Aufständen sind Fotos überliefert, die oft so grausame Szenen zeigen, dass Arte empfindsame Zuschauer warnt. Die Britin Alice Seely Harris empörte mit ihren Bildern von gefolterten Kongolesen anglo-amerikanische Medien: Der belgische König musste 1908 die riesige Kolonie aus seinem Privatbesitz an den Staat abgeben. Noch 1960, zur Unabhängigkeit, pries sein Nachfolger dreist die „Frucht des genialen Werks“ von Leopold II. Wenig später wurde Ministerpräsident Patrice Lumumba, der sich an die Sowjetunion anlehnen wollte, umgebracht.

Zusammenhang Kolonialismus und Imperialismus

Der Dreiteiler stellt zahlreiche Akteure der Unabhängigkeitskämpfe zwischen Afrika und Indochina vor, etwa den aus dem Senegal stammenden Lamine Senghor, der als Soldat in den Ersten Weltkrieg eingezogen wurde und später als Vordenker einer „indigenen Internationalen“ den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Imperialismus herausarbeitete. Neben Figuren wie Ho Chi Minh und Indira Gandhi stehen weniger bekannte wie die Kenianerin Mary Nyanjiru und der Algerier Kateb Yacine – sein Großneffe, der Schauspieler Reda Kateb, spricht die französische Fassung.

Der dritte Teil trägt den global-euphorischen Titel „Die Welt gehört uns!“, zeigt aber eher lokale Kämpfe, wie die Londoner Aufstände in Southhall 1979 oder handelt vom Boom der nigerianischen Filmindustrie. Die empfohlenen Mittel zur Entkolonialisierung wirken dabei erstaunlich simpel: den Alten zuhören, an die Orte der Verbrechen zurückkehren.

Kolonialgeschichte und Entkolonialisierung

Die Geschichte: Das 20. Jahrhundert beendete die Herrschaft der Kolonialreiche, doch der Prozess der Entkolonialisierung begann schon viel früher.

Die Filme: Anhand von Schlüsselmomenten in dieser 150-jährigen Geschichte werden in den Arte-Filmen Schicksale der Befreiungskämpfe erzählt.

Arte-Themenabend am 7.1.2020
20.15 Uhr Unter Herrenmenschen
21.10 Uhr, Entkolonisieren (drei Teile bis 23.55)