Potsdam - Saal für Saal im Potsdamer Barberini-Museum vermeint man, den Chorus Mysticus aus Goethes „Faust, der Tragödie zweiter Teil“, als Bilderreigen zu sehen. Ob Pablo Picasso die Verse gelesen hat? Kann auch sein, er hatte, ebenfalls ein Genius seiner Zeit, sogar ganz ähnliche Intentionen und tat daher, was er am meisterlichsten konnte. Er malte sie: „Alles Vergängliche/ Ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche/ Hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche/ Hier ist’s getan; Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.“

Das Ewig-Weibliche heißt im Falle dieser Ausstellung: Jacqueline Roque (1927−1986), 45 Jahre jüngere Muse seines Spätwerks, stolz-energische Ehefrau, Allesversteherin, Allesertragende, Allesermöglichende, sein Werk Verfechtende und den Alltag meisterlich dirigierende Gefährtin. In der Zeit mit ihr, ab dem Jahrzehnt nach dem Kriegsende. feierte er seine größten internationalen Erfolge. Picasso wurde durch zahlreiche Großaufträge geehrt: Reliefs in Oslo und Barcelona, Wandbilder im Gebäude der Unesco in Paris und einer Kapelle in Vallauris sowie die monumentale Stahlskulptur am Civic Center in Chicago entstanden im Kontext mit all den ausgestellten Werken aus dem Erbe Jacquelines.

Zwölf Jahre vor seinem Tod hatte der die Frauen faszinierende Egomane sie dann endlich geheiratet: 13 Jahre nach seinem Ende nahm sie sich das Leben, das ihr ohne ihn sinnlos erschienen war. Nun sehen wir Jacquelines in Deutschland bislang nie oder kaum gezeigten Nachlass, übergegangen auf ihre in die Ehe mitgebrachte Tochter Catherine Hutin. Ausgewählt wurden die Werke, die nur in Potsdam gezeigt werden, von Bernardo Laniado-Romero, vormals Direktor der Picasso-Museen in Barcelona und Málaga. Er verantwortet als Gastkurator Konzept, Aufbau und Katalog.

Picasso und die Frauen – welch' schier unendliches Thema

Der Eröffnung der Schau − in picasso’scher, den Frauen schmeichelnder Manier − ausgerechnet am Internationalen Frauentag, ging eine intensive Forschungsarbeit voraus. Kurator, Museumsteam und Picassos Ziehtochter Hutin recherchierten für etliche Arbeiten sogar das taggenaue Datum. Dadurch bekommt die ganze Werkversammlung der Spätzeit eine ganz besondere biografische Komponente.

Die Kollektion – 130 Gemälde, Grafiken, Keramiken und Skulpturen – belegen, dass er von Jacqueline mehr Bildnisse geschaffen hat als je zuvor von einer seiner nicht mehr an den Fingern beider Hände abzählbaren Beziehungen, Affären und Affärchen; viel mehr als etwa von der frühen Geliebten Fernande Olivier, von Ehefrau Nr. 1, der Tänzerin Olga Kochlova, Mutter seines Sohnes Paulo, von Marie-Thérèse Walter, die ihm Tochter Maja gebar, von Dora Maar, der Surrealismus-Muse für „Guernica“, von der Malerin Françoise Gilot, Mutter der Kinder Claude und Paloma. Oder vom – aunahmsweise einmal blonden statt dunkelhaarigen – Modell Sylvette, sitzend im Lehnstuhl, nur angetan mit ihrer Haut.

Picasso und die Frauen – welch schier unendliches Thema, wieviel Glamour, wie viele Tränen, welch ein Gezeter und welch ein Groll, den er besonders auf die Gilot hatte, die ihn entnervt verließ, was er ihr nie verzieh. Doch welche künstlerische Metamorphosen!

Bildnerische Ekstasen sind es allesamt

Keine von allen aber hatte den nicht altern wollenden, diesen ewig nach Erneuerung suchenden Maler so inspiriert wie Jacqueline. Bei keiner hatte er sich derart selber vorgeführt als erotisch begehrlichen alten Musketier. Die „Maler und Modell“-Szenen trieb er zum Höhepunkt in mannigfachen Variationen. Obsessiv spielte er abermals leitmotivisch durch, was schon sein Alter Ego, der lüsterne Minotaurus, getrieben hatte. So auf dem zeichnerischen Gemälde „Liegender Akt mit Blumenkrone“, 1970 – die Pinselschwünge vital, expressiv, rückbesonnen auf Urformen, auf einfache Grundmuster und Lineamente, auf Profillinien zwischen neoklassizistischer Nase und verführerischen Lippen seiner Frauenbildnisse.

Bildnerische Ekstasen sind es allesamt, aggressive Rebellionen gegen das Unvermeidliche, auch die Wiederbelebung kindlich-narzisstischer Zustände, in denen Innen und Außen, Subjekt und Objekt, Tod und Geburt ineinander verschmelzen. Ultimativ erscheint uns der 1971 gemalte „Mann“: lauter Linien, Kuben, Punkte. Der alte Kämpe verteidigt seine Revier mit Zweiauge auf der Stirnglatze, den Füßen eines Trampeltiers, dem Umhang eines Legionärs, Brustpenis und mit der Palette samt Pinsel – oder Schwert? Man mag das Bild für selbstironisch halten, es ist auch tragisch, passend zu einem Ausspruch Picassos am Ende seines Lebens: „Ich habe mir eine Einsamkeit geschaffen, von der niemand etwas ahnt.“

Besser ging es ihm noch, als er das Hochformat „Jacqueline, sitzend mit einer Katze“ malte, das war 1964. Darin vereinte der 83-Jährige noch mit Spannkraft, ja, Verve, alle seine Stilphasen: farblich und im melancholischen Ausdruck der Augen die Blaue Periode, mit den plumpen Händen die primitivistische Rosa Periode, mit der splittrigen Form von Körper und Schaukelstuhl die kubistische, und die surreale mit der im Schoß liegenden Katze. Zugleich wirkt die Frauengestalt auch entrückt wie eine klassische Statue.

Ob farbsatte Landschaft, abstraktes Interieur, erotische Szene – alles ist geprägt von einer immensen Arbeitswut

Das Spätwerk Picassos, diese bildnerischen Ekstasen, sind nicht denkbar ohne Jacqueline. Und ob farbsatte Landschaft, abstraktes Interieur, erotische Szene oder mal expressive, mal kubistisch zerlegter Frauenkopf – alles ist geprägt von einer immensen Arbeitswut, die sich in kraftvollen Rhythmen aus Zerstörung und Neubeginn gegen Zerfall und Tod, mit einem bis an die Zähne bewaffneten Eros dramatisch zur Wehr setzt. Auch gegen die Angst vor Potenzverlust in kreativer Hinsicht, davor, weniger erfolgreich zu sein.

Im Paris der Nachkriegszeit bestimmte damals eine existenzialistische Variante der informellen Kunst die jüngere Szene und den Markt. Und längst drängt eine neue Künstlergeneration aus den USA, mit Pollocks Abstract Painting und Pop Art auf die Weltbühne der Kunst. Picasso fürchtet den Rangverlust.

Der ruhmverwöhnte Narziss reagiert so anders als sein Freund Matisse, der im Alterswerk und fast blind, mit Scherenschnitten über Reduktion und Abstraktion reine, klare, schöne Formen erfand. Picasso entwickelt das Verfahren der matiss’schen Cut-Outs weiter, bei ihm aber blieb alles körpernah, konkret, zuletzt gar monumental und dramatisch.

Als Matisse 1954 starb, sagte Picasso: „Er hinterließ mir seine Odalisken“. Daraufhin setzte er seine Jacqueline mit Kleidern und Accessoires voller Ornamentpracht, ganz wie auf früheren Gemälden des Freundes, in Szene. Die herbschöne Frau wird zur Afrikanerin. Es entstanden die „Les Femmes d’Alger“ (Die Frauen von Algier), seine Serie von Gemälden und Zeichnungen, in denen sich Picasso auch auf Delacroix’ Meisterwerk „Die Frauen von Algier“ bezieht, wie der alte Picasso überhaupt Alten Meistern seine – sehr eigenwillige – Reverenz erwies, seien es El Greco und Velazquez, Goya und Rembrandt, seien es Vater und Sohn Cranach.

Etwas später machte Picasso Jacqueline zur Arlesierin, gekleidet in die landestypische Tracht von Arles. Picasso machte seine späte Liebe sozusagen zum Inbegriff des Südens, eines Jungbrunnens aus Sonne, Wasser, Natur, greifbar, begehrenswert, die ganze Erscheinung ein sinnliches Versprechen. Jacqueline sitzt in ihrem Schaukelstuhl. Und er lebte mit ihr in einer Welt, die er für sich und für sie geschaffen hatte, wo er als unumschränkter Fürst herrschte, ganz frei arbeiten, die Liebe und die völlige Hingabe ausleben konnte.

Auch in seiner letzten Schaffensphase erfand Picasso sich immer wieder neu

Die Ausstellungssäle zweier Etagen im Barberini bringen uns Kunstwerke unterschiedlichster Materialien nahe: Gemälde aller Größen und Stilismen, Keramiken, Skizzen und Papierarbeiten in neuen Techniken. Zudem verschmolz Picasso hemmungslos und genial die Medien: Das Grafische der Linie wurde immer deutlicher zum Ausdrucksträger seiner Malerei. Bemalte Tonplastiken wiederum belegen die unbedenkliche, ja, rigorose Gratwanderung zwischen den Disziplinen.

Was immer er anfasste, es geriet zur Erfindung, zugleich auch zur Rückschau auf weit über siebzig Jahre Kunstschaffen, Picasso malte ja schon mit vierzehn Jahren. Und wir sehen auch die Revision seiner eigenen Motive. Alles mischt sich. Bereits sein Bruch mit dem Kubismus nach dem Ersten Weltkrieg irritierte die Kunstwelt, da sein neuer Klassizismus einer weiteren Abstraktion widersprach. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er im von den Nazis besetzen Paris überstand, erneuerte er sein Werk durch kühne, selbstgewisse Experimente.

Seine ganze späte Ästhetik jedoch ist ein wütendes Aufbegehren gegen Thanatos, den Gott des Todes, und gegen die unvermeidliche Vergänglichkeit. Aber auch in dieser letzten Schaffensphase erfand sich der Wahlfranzose, der sein Heimatland Spanien wegen der Franco-Diktatur zeitlebens nie mehr betreten hat, immer wieder neu. Sämtliche Stile, die seit seiner Jugend, den Jahren von Barcelona, Madrid und dann Paris aufeinanderfolgten, führte er im Alterswerk zur Synthese.

Riesige Wandfotos erzählen uns, welch ein rastloser Neuerer dieser Jahrhundertkünstler bis zuletzt war. Die Schwarz-Weiß-Ansicht der Villa Californie, sein Atelierhaus nahe Cannes, überwältigt in einer Wucht aus Stierkampfsymbolik und Hexentanz, Schöpfungsmythos und Natur.