Roland Gräf kam aus dem thüringischen Meuselbach, einem Dorf im Walde, in dem er im Oktober 1934 als dritter Sohn eines Holzarbeiters geboren worden war. Diese Herkunft mag den späteren Defa-Regisseur geprägt haben: Gräf war im besten Sinne bodenständig, widerborstig, unbeirrbar. Folgerichtig interessierten sich seine Filme nie für die sogenannten Sieger der Geschichte; für solche, von der Obrigkeit erwünschten glatten Helden hatte er nur leisen Spott übrig.

Die Eigenwilligen, die Zweifler und Zerrissenen

Wichtig waren ihm die Eigenwilligen, die Zweifler und Zerrissenen. So wie sein Meister Achilles aus Bitterfeld, der sich als Rentner nicht aufs Altenteil setzt, sondern blaue Blumen in der vergifteten Landschaft pflanzt („Bankett für Achilles“, 1975). Oder der schüchterne Landschullehrer Pötsch, der auf historische Wahrheit pocht, gegen politisch motivierte Manipulation der Geschichte („Märkische Forschungen“, 1981). Oder der Dichter Hans Fallada, der in den ersten Friedensjahren nach der Nazidiktatur an Drogen und Alkohol zugrunde geht („Fallada – letztes Kapitel“, 1988).

Gräf suchte nach Quellen der Humanität, er reflektierte über das Glück und den Schmerz, das Individuelle gegen Konformität und Opportunismus zu bewahren. Dass seine Filme immer auf dem schmalen Grat zwischen Hoffnung und Verzweiflung balancierten, wundert nicht.

Dinge so fotografieren, dass sie selbst sprechen

Roland Gräf, der ab Herbst 1954 zum ersten Jahrgang der neu gegründeten Potsdamer Filmhochschule gehört hatte, war 1961 als Kameramann zum Defa-Spielfilm gekommen. Er brachte frischen Wind ins Studio, seine dokumentarisch grundierten Bilder bedeuteten eine Ankunft der Babelsberger Kamerakunst in der Moderne: „Sich nicht in den Vordergrund drängen, die Dinge so fotografieren, dass sie selbst sprechen, das war einer unserer Grundsätze“, sagte Gräf später und berief sich auf seine Vorbilder, den italienischen Neorealismus, die tschechische Neue Welle. „Jahrgang 45“ (1966), der einzige Spielfilm von Regisseur Jürgen Böttcher, war so ein fotografisches Meisterstück, mit Zeit fürs spielerische Detail und wie getupft wirkenden, aphoristischen Szenen aus dem Berliner Alltag. Leider wurde es verboten.

In den frühen 1970er-Jahren wechselte Gräf zur Regie, inszenierte bis 1991 zehn Filme, sozial und psychologisch genaue Arbeiten, Plädoyers für Toleranz, für den Blick hinter die äußere Hülle, und stets auch große Schauspielerfilme.

Ja, zu ihm kamen sie alle: Erwin Geschonneck und Armin Mueller-Stahl, Jörg Gudzuhn, Jutta Wachowiak und Hermann Beyer, Katrin Sass, Corinna Harfouch und Michael Gwisdek. Nach dem Ende der Defa hätte er gern so weitergemacht. Er wurde mit mehreren Stoffen bei Förderinstitutionen und dem neuen Babelsberger Chef Volker Schlöndorff vorstellig, doch es half nichts: Das Interesse an den Stoffen eines der wesentlichen ostdeutschen Autorenfilmer tendierte gegen Null.

Hochschuldozent und Buchautor

Gräfs Stimme, die notwendig gewesen wäre für die Selbstverständigung über das Woher und Wohin im neuen Deutschland, verstummte – so wie die seiner etwa gleichaltrigen Kollegen Rainer Simon, Lothar Warneke, Siegfried Kühn. Regisseure auf der Höhe ihrer Kraft, abgewickelt. „Das ging mit ziemlicher Brutalität über die Bühne“, resümierte Gräf später, „es hatte etwas von Kolonisierung“.

Roland Gräf wurde Hochschuldozent, engagierte sich für die Defa-Stiftung. Im vergangenen Herbst veröffentlichte er das Buch „Meine Last Picture Show“, Fotos aus dem Fläming, Erkundungen einer Landschaft, ihrer Bewohner und der eigenen Seelenlage. Ein Abschiedsbuch; es hätte auch heißen können: „Melancholie ist eine sanfte Rebellion“. Am 11. Mai ist Roland Gräf nach schwerer Krankheit in Potsdam verstorben.

Zum Gedenken an Roland Gräf
Filmmuseum Potsdam
Sonntag ab 14.30 Uhr

Zugleich erinnert das Filmmuseum an die Regieassistentin Doris Borkmann.