Intelligenz bestehe darin, seine Umgebung zu akzeptieren. Der selbstredend wohl eher Zweifel und Widerspruch provozierende Sinnspruch stammt vom amerikanischen Literatur-Nobelpreisträger William Faulkner.

Vor den Bildern und Skulpturen dieser Potsdamer Ausstellung „Hinter der Maske“ begreift man, dass es da keineswegs um pure Anpassung, sondern sehr wohl um Widerspruch und Zweifel jener aus einer großen Menge ausgewählten 87 Maler, Zeichner, Bildhauer und Fotografen ging, die zu DDR-Zeit Kunst machten und – sofern sie noch leben – dies unbeirrt bis heute tun. Die kleine graue DDR hatte Tausende Künstler und dies war eine alles andere als homogene graue Masse, die bloß illustrierte, was die Funktionärselite wollte. Für viele war es auch nur die geografische Verortung, keine patriotische. Aus all den Bild-Erzählungen, den Metaphern, Allegorien, Gleichnissen, Gestaltzeichen und auch abstrakten Chiffren liest der geneigte Betrachter eigensinnige Kreativität, zweiflerische Zerrissenheit. Selbstbehauptung, Individualität.

Das Leitmotiv der Ausstellung im Museum Barberini, dessen privater Gründer, Mäzen und Hausherr Hasso Plattner selbst ein passionierter Sammler von Kunst aus DDR-Zeit ist, zeigt den „Seiltänzer“, 1984 gemalt von dem Berliner Trak Wendisch, hochtalentierter, renitenter Meisterschüler des Leipziger „Alten Wilden“, Bernhard Heisig. Überm schwarzen Abgrund balanciert eine expressive Gestalt in brennendem Rot und mit Ketzerhut auf dem Seil, das der vormundschaftliche Staat seinen Künstlern aufgespannt hatte. Wendisch war kein Verweigerer, hat die DDR nicht verlassen. Er malte mit trotziger Wut gegen die Enge, den Kleingeist, die Lügen im Mauerland seine Existenzzeichen oder hieb sie in Holz.

Zwischen den Farbschichten

Solche Kunst wurde benötigt im kleinen Land hinter den sieben Bergen, wo die Leute sich nach dem aufrechten Gang sehnten. Solche Kunst wirkte als Ventil. Auf Leinwänden wie diesen stand zwischen den Farbschichten und Konturen zu lesen, was in den Medien kein Thema sein durfte. All das, was 1989 zum Zusammenbruch der großen Utopie führte.

In der Frühzeit galt das Dogma vom idealisierenden, Arbeiterhelden feiernden „Sozialistischen Realismus“. Künstler sahen sich zu absurdesten Verrenkungen gezwungen. Und auch Honeckers „Weite und Vielfalt“ machte die Kunst in der Spätzeit der DDR nicht eben „frei“ nach allen Seiten. Die Künstler suchten sich Wege zwischen Rollenbild und Rückzug, verordnetem Kollektivismus und individuellem Ausdruck.

Dieser paradoxen Situation widmet sich die Potsdamer Bildversammlung in acht Kapiteln. Die Ausstellungsmacher haben Recherche-und Forschungsaufwand betrieben, um markante Beispiele für den Künstler und seine Rolle, seine Positionsbestimmung, seine Spiegelung in der Gesellschaft und damit den Zugang zu sich selbst zu finden. Eher geben diese Selbstbefragungen, nehmen wir nur die des Dresdner Heimkehrers aus dem Lager, Hans Grundig, im Jahr 1946, ernste, zweifelnde Sicht in die Zukunft preis. Die staatliche Forderung nach Kollektivgeist mündete in Gruppenbildern, in denen Maler sich samt Kollegen zutiefst sarkastisch, ironisch, grimmig darstellten. Oder dionysisch, provokant arkadisch-nackt. Aber eben auch ausgesetzt, benutzt, gefährdet.

Das Atelier erlebt der Betrachter durchweg als Schutzraum, als Refugium, in das dennoch die Chimären der braunen deutschen Geschichte, der politischen Zwiespälte, der existenziellen Fragen eindringen. Eingang verschaffen sich hier Zitate, Paraphrasen, Anleihen und Vorbilder aus der Kunstgeschichte, von der griechischen Mythologie über Renaissance und Romantik bis zur Vor- und Nachkriegs-Moderne. Der Betrachter findet Maskenspiele und Verhüllungen als Leitmotive der künstlerischen Selbstbehauptung. Er steht vor Störbildern mit drastischen Motiven des Unbehagens ihrer Macher am realen Sozialismus, aber auch an den Zuständen und Machtverhältnissen in der ganzen Welt. Gleichsam kurios nimmt es sich aus, wie sehr Künstler in der atheistischen DDR die Bezüge zum Christentum suchten. Und nicht zuletzt sind da diese eigenwilligen Experimente – mit dem Konstruktivismus, dem Dadaismus, dem Bauhaus, der Op-Art und dem Minimalismus.

Spannend, die Korrespondenz all der Leihgaben, aus deutschen Museen wie der Nationalgalerie, aus internationalen Privat- Sammlungen und Galerien, mit den Referenzwerken aus der Sammlung Plattner zu entdecken. Zig Ausstellungen über die Kunst aus DDR-Zeit gingen dieser voran. Noch um 2000 herum kochte der deutsch-deutsche Bilderstreit. Mit der Weimarer Schau „Abschied von Ikarus“ 2012 schien endlich das Klischee von der ideologie-kontaminierten Kunst aus der DDR beerdigt. Weitere faire, ernsthafte Betrachtungen folgten.

Keine westlichen Vorurteile mehr

Auf solch breit geschlagener Schneise mit offenerer Sicht für künstlerische Qualität können die Barberini-Kuratoren Valerie Hortolani und Michael Philipp agieren und im 27. Jahr der deutschen Einheit Kunst aus DDR-Zeit als Kunst zeigen. Als unverzichtbaren Teil deutscher Nachkriegs-Kunstgeschichte. Da geht es nicht um Einteilung in Berliner, Leipziger oder Dresdner „Schulen“, nicht um polemische Zurschaustellung des „Viererbanden“-Klischees Tübke, Mattheuer, Heisig, Sitte, auch wenn die vier mit Hauptwerken vertreten sind. Thematisiert werden weder westliche Vorurteile noch kulturpolitische Grabenkämpfe.

Die Schau offenbart vielmehr alle stilistischen, ästhetischen Ausprägungen, Form und Inhalt, Traditions-Verweise auf Alte Meister, auf „Brücke“-Expressionismus, Beckmann, Dix, die Neue Sachlichkeit. Und sie zeigt den spannenden experimentellen Zugriff etlicher Künstler wie Hermann Glöckner, Karlheinz Adler, Günter Hornig Ruth Rehfeldt-Wolf auf die westliche Moderne.

Auf Vollständigkeit erhebt die Ausstellung keinen Anspruch, da hätte man für die schiere Zahl ein Stadion gebraucht. Und freilich ist auch bei jedem einzelnen Bildwerk die ideologische Situation im Mauerland mitzudenken. Der Berliner Maler Harald Metzkes etwa stellt mit seinem „Januskopf“ von 1977 das deutsche Dilemma dar: die geteilte Nation, das deutsche Brüderpaar. Und Wolfgang Mattheuer malte 1969 „Das graue Fenster“, den Atelierausblick in eine zersiedelte Beton-Landschaft ohne Baum und Strauch, dafür mit qualmenden Schloten. Ein Männchen auf einem Vogel fliegt vorbei: Hoffnungs-Symbol eines sarkastischen Romantikers.

Was Gewissheit wird nach dem Rundgang durchs Barberini: Da heißt es couragiert Kunst ist Kunst und nichts Anderes sonst. Also ist wohl kein Funke mehr zu schlagen aus der vormalig hitzigen, oft fatal diskriminierenden Gemengelage zwischen vorgeblich freier Kunst im Westen und ideologisch angepasster im Osten.

Potsdam, Museum Barberini, Alter Markt. Bis 4. Februar 2018, Mo und Mi bis So 10–19 Uhr, Katalog (Prestel) im Musuem 29,95 Euro Begleitprogramm: www.museum-barberini.com

Parallel sind erstmals seit mehr als 20 Jahren Gemälde aus dem abgerissenen Palast der Republik zu sehen. Bis 21. Mai 2018, Broschüre 14,95 Euro