Ein Mann im Regen: Donald Trump auf dem Gelände des Weißen Hauses. 

BerlinNicht mal mehr zwei Wochen. Aber es war immer noch keine Wahlbenachrichtigung in der Post. Wie kann das sein? Kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass ich doch gar kein US-Staatsbürger sei. Nein, wie sollte ich? Trotzdem. Ich will einen neuen Präsidenten wählen. Ich darf das.

Jeden Morgen, noch vor dem Aufstehen, besichtige ich die Onlineportale der großen Inlandsmedien. Trumptäglich drehen sich die obersten Schlagzeilen seit – zumindest meinem – Menschengedenken darum, was der Unhold im Weißen Haus denn nun schon wieder ausgefressen hat. Es ist faszinierend, dass eine einzige Person so viel miese Presse haben kann. Stimmt, der Wendler schafft das auch. Aber eben nur anderthalb Tage lang. Selbst das Virus strengt sich inzwischen doppelt an, um noch gegen Trump anzukommen.

Allein wegen seiner Haare wurden weit mehr kritische Analysen verbreitet als über den 6700 Kilometer näherliegenden und demokratietheoretisch bemerkenswerteren Umstand, dass der Bundestag unter Frau Merkels Regentschaft eine zunehmend folkloristische Rolle spielt. (Immerhin, als Entschädigung machen sie das Parlament jetzt größer.) Jeder Trump-Tweet wird zerpflückt, als handele es sich um einen aus Vulkanasche geborgenen Bekennerbrief des Leibhaftigen. Für amtsuntaugliche deutsche Politiker ist es schwer, bei hiesigen Medien ähnliche Aufmerksamkeit zu erregen. Andreas Scheuer müsste dazu schon nackt in der Reichstagskuppel Lambada tanzen.

Noch erstaunlicher als das Ausmaß der Trumpberichterstattung ist deren Leidenschaft. Bereits vor der vergangenen Wahl flammte ein Spiegel-Cover: „Stoppt Trump jetzt!“ Ein Appell, aber an wen? Mich? Alle Leser? In Wuppertal? Oder verkauft sich das Magazin besonders gut bei den Rednecks in Texas? Dass der Aufruf nicht fruchtete, führte nur dazu, dass die Redaktion ihre Anstrengungen vervielfachte: Spätere Titelblätter zeigten den Präsidenten als einen auf die Erde zurasenden Kometen, als wild brüllenden King Kong, als alles zerstörende Tsunami-Welle, im Ku-Klux-Klan-Kostüm, als auf der Atombombe reitenden Dr. Seltsam und als Terroristen, welcher gerade der Freiheitsstatue den Kopf abgemessert hat. Das ist wirklich nur eine Auswahl. Der Stern rang um eine Antwort und porträtierte Trump mit Hitlergruß.

Diese Motive erinnern weniger an nüchtern betrachtenden Journalismus als an Powerpropaganda, die ihre Zielgruppe zum Kampf gegen einen fiesen Feind aktivieren will. Das kann man machen. Allerdings ist es nur dann sinnvoll, Leute brachial zu mobilisieren, wenn die auch entsprechende Handlungsoptionen haben. Andernfalls wäre es nur Empörungstheater. Schwer vorstellbar. Die Kollegen machen das doch nicht aus Dollerei. Also ist davon auszugehen, dass deutsche Medienkonsumenten den US-Präsidenten bestimmen dürfen.

Ich jedenfalls bin bereit. Bei mir hat das Getrommel gewirkt. Ich werde am 3. November Donald Trump auf den ewigen Golfplatz delegieren. Dies ist meine offizielle Wahlempfehlung an alle – selbstverständlich ebenfalls stimmberechtigten – Leser dieser Kolumne: Versuchen Sie bitte, für den anderen Herrn zu votieren. Ja, selbst wenn dieser Geront des Erfolges schon ein wenig an den sowjetischen Kurzzeitgeneralsekretär Tschernenko erinnern mag. Aber ansonsten ist Joe Biden sehr gut. Oder, sagen wir, er macht einen netteren Eindruck. So, und jetzt schickt uns endlich die Wahlunterlagen.