„Der Preis der Freiheit“: Else Bohla (Angela Winkler, 2. v. r.) mit ihren Töchtern Ina (Nicolette Krebitz, l.), Lotte (Nadja Uhl, 2. v. l.) und Margot (Barbara Auer, r.).
Foto: Mathias Bothor/ ZDF

BerlinWas für eine familiäre Kooperation! Margot (Barbara Auer) organisiert als Mitarbeiterin der ominösen „Koko“ (Kommerzielle Koordinierung) den Verkauf von DDR-Häftlingen in den Westen. Ihre Schwester Silvia (Nicolette Krebitz) empfängt im westdeutschen Aufnahmelager die Neu-Bundesbürger. Sie war als junge Mutter einst mit Margots Hilfe ausgereist und hatte ihre Kinder der großen Schwester überlassen.

Die Mauer störte nicht etwa unsere Geschäfte, die Mauer war unser Geschäft, kommentiert dazu ein Genosse aus dem Off, der neu in der „KoKo“ von Alexander Schalck-Golodkowski arbeitet und dem Zuschauer immer wieder erklärt, wie und warum diese zwielichtige Abteilung Geschäfte machte: Der Staat brauchte Devisen.

Die Mauer als Geschäft – das gilt auch für die Fernsehsender, die zu jedem Jahrestag neue DDR-Melodramen liefern. Die Fixierung auf wenige historische Daten hatte der Medienwissenschaftler Matthias Steinle, der an der Pariser Sorbonne lehrt, 2015 in einem Aufsatz analysiert: „Die DDR steht in den deutschen Nachwendedokudramen nur als Ruine auf, deren Verfall anhand von drei Krisendaten erzählt wird – 1953-1961-1989.“ Nun könnte ein Großprojekt wie dieser ZDF-Dreiteiler anno 2019 aber durchaus Neues oder anderes erzählen als Dutzende Flucht-Stasi-Wende-Melodramen zuvor.

DDR spielt im ZDF auch in den kommenden Woche eine Rolle

Die Münchener Produzentin Gabriela Sperl, die mit viel Sendungsbewusstsein deutsche Geschichte im Fernsehen aufarbeitet und hier auch als Drehbuchautorin fungierte, erklärt: „Wir erzählen die Zersetzung einer korrupten DDR-Elite, die sich zunehmend mit Repression an der Macht hielt und die nie belangt wurde, weil sie den Westen mit ihrem Wissen erpressen konnte.“ Gleichzeitig solle aufgezeigt werden, „wie der Westen die Schwächen des Systems wirtschaftlich für sich ausnutzte“.

Schon im ZDF-Mehrteiler „Tannbach“, der in einem geteilten thüringisch-fränkischen Dorf spielte, hatte Sperl deutsch-deutsche Historie gegeneinander geschnitten. Ihre Ko-Produzenten bei „Tannbach“ wie auch bei „Preis der Freiheit“ sind Max Wiedemann und Quirin Berg, die mit einem DDR-Melodram einst ihre Karriere gestartet hatten: „Das Leben der Anderen“. Der Film von Florian Henckel von Donnersmarck hatte mit der Figur eines geläuterten Stasi-Offiziers tatsächlich eine andere Perspektive gefunden.

Gefühlt jeder dritte TV-Krimi der 90er-Jahre brachte eine kriminelle Stasi-Seilschaft ins Spiel. Inzwischen sind die Ostgeister im TV-Krimi zwar in Rente gegangen, vertuschte DDR-Verbrechen spielen aber immer noch eine große Rolle, wie etwa in der kommenden Woche mehrere Krimis zeigen. So suchen die Soko Leipzig und die Soko Wien gemeinsam nach Leuten, die geheimes DDR-Vermögen der „Koko“ nach Österreich schmuggelten. Im neuen Erzgebirgskrimi des ZDF geht es um Altlasten des Uranabbaus, der kommende Berliner „Tatort“ wird sich an der DDR-Todesstrafe abarbeiten.

„Tatort: Das Leben nach dem Tod“: Nina Rubin (Meret Becker) überrascht Karow (Mark Waschke) in einem Moment der Einsamkeit und Trauer. 10.11., 20.15 Uhr, ARD.
Foto: Marcus Glahn/ rbb

Dabei hatte es in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe Kino- und Fernsehfilme über die DDR gegeben, die nicht aufklären, belehren oder gruseln wollten, sondern den Menschen Individualität zugestanden, abzulesen schon an Filmtiteln wie „Barbara“, „Kruso“ oder „Gundermann“. Auffällig auch, dass die vom Grimme-Institut prämierten Filme über die DDR selten in Jubiläumsjahren entstanden, in denen offenbar eine höhere Botschaft mitzuschwingen hat.

So gab es 2015 den Preis für zwei Serien, bei denen sich der ZDF-Dreiteiler um die ungleichen Schwestern jetzt bedient: die ARD-Familiensaga „Weissensee“ und die Spionageserie „Deutschland 83“ von RTL.

Die Spähre des Alltags ist im Film komplett abwesend

Schon letztere Produktion hatte mit der Devisenjagd der „Koko“ gespielt – dort aber wirklich sehr frei und unbekümmert, oft als absurde Farce. Das ZDF stellt dieses Thema nun dröhnend in den Mittelpunkt, zeigt, wie die Geheimtruppe nicht nur am Häftlingsverkauf, sondern auch an der Übernahme des Westberliner Mülls und dem internationalen Waffenhandel verdiente. In der obligatorischen Begleit-Doku werden die historischen Details erklärt, gern mit dem Verweis „wie auch im Spielfilm gezeigt“. Zu jenem Thema aber, das die zweite Hälfte des Dreiteilers bestimmt, nämlich die Versuche der „Koko“, das Geheimvermögen nach dem Mauerfall beiseite zu schaffen, liefert die Doku nur einen einzigen Satz: „Bis heute wird über veruntreute Millionen spekuliert.“

Repräsentiert wird die „Koko“in dem Film zum einen von Thomas Thieme als Schalck-Golodkowski, der seit „Das Leben der Anderen“ immer wieder DDR-Funktionäre gespielt hat und der hier eine Art verhinderten Reformer verkörpert. Für die Drecksarbeit zuständig ist sein Mitarbeiter Schneider, dem Oliver Masucci den Charme eines Gebrauchtwagenhändlers mitgibt.

Wie „Weissensee“ will das vom Schweizer Michael Krummenacher in Szene gesetzte ZDF-Pendant alle Konflikte der späten DDR in einer Familie zusammenführen. Zu den beiden Schwestern, die jeweils auf der anderen Seite der Grenze den Häftlingsverkauf organisieren, kommt noch eine dritte namens Lotte (Nadja Uhl), die sich in der Umweltbewegung engagiert.

Doch zu keiner Sekunde passen diese drei Frauen als Schwestern zusammen – ihre gemeinsame Herkunft wird nur behauptet. Ihre Mutter, gespielt von Angela Winkler als unbarmherzige Stalinistin, schleudert stets politische Parolen von sich.

Dialoge hören sich dann so an: „Wie viele Menschen willst du noch auf deinem Bonzen-Altar opfern?“, fragt Lotte, worauf die Mutter ihre erwachsene Tochter zurechtweist: „Mach das Westradio aus – sofort!“ „Komplett abwesend in allen Filmen ist die Sphäre des Alltags in seiner banalen Form“, stellte Medienexperte Matthias Steinle 2015 in seiner Analyse über DDR-Dramen heraus, das gilt über weite Strecken auch hier.

Die friedensbewegte Mutter wäre ein Extrafilm wert

Selbst die Generation der Kinder wird nur über politische Schablonen beschrieben: Margots Adoptivtochter Christa verkündet stolz ihre Kandidatur für die SED und hört 1987 noch die Puhdys, ihr Bruder dagegen will vor der offenbar völlig überraschenden Einberufung zur Armee über die Spree fliehen, wird aber gestellt und kommt ins Gefängnis. Lottes Sohn Ingo wird von Volkspolizisten verprügelt, lernt von Neonazis den Hass auf die „roten Drecksäue“ und landet im Jugendwerkhof.

Wie die friedensbewegte Mutter um den Sohn kämpft, wäre einen Extrafilm wert. Nadja Uhls Spiel gehört hier zu den wenigen wahrhaftigen Momenten. Die Schauspieler haben es schwer, ihre Figuren von den Konstruktionen zu befreien. So wirkt Margot als Schalcks rechte Hand betont ambivalent. Einerseits verhökert die Frau skrupellos selbst schwerkranke DDR-Häftlinge gen Westen, andererseits will sie aber eine Reformerin sein, die für den wahren Sozialismus streitet.

Diesen Spagat kann keiner spielen, selbst Barbara Auer nicht. Doch nicht nur die Ost-Figuren werden als politische Lautsprecher ausgestellt – dieses Manko trifft ihre westlichen Pendants genauso. So muss Fabian Hinrichs hier die Arroganz der Bonner Politik ausspielen.

Gabriela Sperl hofft, ihr Film möge zur deutsch-deutschen Versöhnung beitragen. Dazu müsste er erst einmal das deutsch-deutsche Leben zur Kenntnis nehmen.

Preis der Freiheit
Alle Teile in der ZDF-Mediathek

Die Sendezeiten im ZDF
Teil 1: Mo, 4.11., 20.15 Uhr
Teil 2: Di, 5.11., 20.15 Uhr
Teil 3: Mi, 6.11., 20.15 Uhr