Am Ende der Preisverleihung fügte sich alles auf eine Weise, wie man es nach dem zähen Beginn mit der nicht enden wollenden Dieter-Kosslick-Huldigung nur hoffen konnte. Der Goldene Bär für den israelischen Regisseur Nadav Lapid und seinen Film „Synonymes“ ist hoch verdient, der 43-jährige Filmemacher fand sehr konzentrierte und berührende Worte des Dankes, als er den Preis seiner kürzlich verstorbenen Mutter widmete, die als Cutterin an seinen bisherigen vier Spielfilmen künstlerisch beteiligt war.

Und er wählte schließlich eine Formulierung, mit der man einige der 16 Filme des diesjährigen Wettbewerbs unter einem tragenden Gedanken versammeln kann: „Wut und Ablehnung sind die Geschwister von Bindung und Nähe.“ Wut auf das Leben, auf Gott, auf die Heimat oder auch die Banknachbarin in der Schule und zugleich eine ungeheure Sehnsucht nach Zugehörigkeit, das waren die Pole, aus denen die besten der diesjährigen Bären-Kandidaten ihre Energie bezogen.

Im Gewinnerfilm „Synonymes“ begleitet Nadav Lapid den jungen Israeli Yoav auf seinen ersten Schritten in eine selbstgewählte Identität. Er hat den Militärdienst hinter sich und kommt nach Paris, um Franzose zu werden. Dazu muss er aber zunächst einmal den Israeli in sich auslöschen. Das ist so hart erzählt, wie es hier klingt. „Barbarisch, ekelerregend, verabscheuungswert“, das sind nur einige jener Synonyme, die Yoav für sein Land findet. Woher dieser tiefe Zorn rührt, wird nie ganz klar, Andeutungen lassen auf ein traumatisches Erlebnis während der Armeezeit schließen.

Eine neue Identität um jeden Preis

Er weigert sich, Hebräisch zu sprechen, ein billiges Wörterbuch ist sein ständiger Begleiter. Auf seinen nervösen Streifzügen durch die Stadt memoriert er die Vokabeln im Stakkato seiner Schritte, von der Handkamera hautnah verfolgt. Bald muss Yoav erfahren, dass er seine Herkunft nicht so leicht los wird wie seine Garderobe, die ihm gleich in der ersten Pariser Nacht gestohlen wird, was ihn dazu zwingt, nach dem Duschen nackt an verschiedenen Wohnungstüren zu klingeln. Der Hauptdarsteller Tom Mercier ist eine Entdeckung dieses Festivals und er hätte den Darstellerpreis verdient gehabt, aber so ist es auch in Ordnung.

Denn die Silbernen Bären für die besten Schauspieler gingen an Wang Jingchun und Yong Mei, die in dem dreistündigen chinesischen Epos „So Long, My Son“ über einen Zeitraum von 30 Jahren ein Ehepaar spielen, dass bei einem Unfall seinen einzigen Sohn verliert und auf eine unmenschliche Weise von der Partei bestraft wird, da die Doktrin der Ein-Kind-Familie die Frau zu einem Abbruch einer weiteren Schwangerschaft gezwungen hatte. So bleiben sie nach dem Tod ihres Sohnes ein Leben lang für sich allein. Diesem bewegenden Film waren zuvor Chancen für den Hauptpreis eingeräumt worden und auch das wäre angemessen gewesen. Der Wettbewerb, aus dem die Internationale Jury unter der Leitung von Juliette Binoche in diesem Jahr schöpfen konnte, mag nicht gerade einer der stärksten gewesen sein, aber die Entscheidungen der sechs Jurorinnen und Juroren trafen auf jeden Fall die richtigen Filme.

Das lässt sich auch für die beiden deutschen Beiträge sagen, die mit jeweils einem Silbernen Bären bedacht wurden. Es sind Arbeiten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Angela Schanelec, die für die beste Regie ausgezeichnet wurde, führt in „Ich war zuhause, aber“ ein filmisches Selbstgespräch über die Wahrhaftigkeit in der Kunst. Sie folgt dabei keiner Geschichte im eigentlichen Sinne, es gibt bei ihr keinen Plot, sondern aneinander gereihte Szenen und Bilder, die sich einer Interpretation verweigern. Es geht um eine Frau (Maren Eggert), die ihren Mann verloren hat und den Kontakt zu sich und ihrer Umgebung verloren hat, könnte man sagen, aber auch das ist  schon wieder eine Deutung. Also überlassen wir das lieber jedem, der diesen Film im Kino sehen möchte. Angela Schanelec schien mit dem Preis in einer höheren Kategorie gerechnet zu haben. Ihre Freude über den Silberbär wirkte etwas gedämpft.

Nora Fingscheidt: Von der Praktikantin zur Preisträgerin

Ganz anders die Debütantin Nora Fingscheidt, die vor Jahren als Praktikantin bei der Berlinale begonnen hatte und nun mit dem Preis für einen Film ausgezeichnet wurde, der neue Perspektiven eröffnet. Das ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen, aber verdient ist eine Würdigung für „Systemsprenger“ allemal. Die Geschichte – hier gibt es eine – handelt von einem neunjährigen Mädchen, das derart verhaltensauffällig ist, dass es in keiner Pflegefamilie und keiner Einrichtung der Kinderfürsorge länger geduldet wird.

Diese Benni, gespielt von der tollen Helena Zengel, ist von einer Wut erfüllt, die den Zuschauer in völlig widerstrebende Gefühle stürzt. Zum einen gehen einem ihre Tobsuchtsanfälle irgendwann auf die Nerven, zum anderen wünscht man ihr endlich eine Familie, bei der sie es aushält und die es mit ihr aushält. Einfühlungskino, wie man es im Wettbewerb eines Filmkunstfestivals nicht vermuten würde. Und gerade deshalb genau richtig.

70. Berliner Filmfestspiele beginnen am 20. Februar 2020

Der Silberne Bär, Großer Preis der Jury, ging an den französischen Regisseur François Ozon, der in seinem Film „Grâce à Dieu“ einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche seines Heimatlands behandelt. Einer der Täter, Pater Bernard Preynat, soll sich in den Achtzigerjahren in mehr als 70 Fällen an minderjährigen Jungen vergangen haben, er wurde nicht aus dem Priesteramt entlassen, obwohl die Kirchenleitung über die Vorgänge in der Diözese informiert war. Derzeit stehen in Lyon der verantwortliche Kardinal Barbarin und sechs weitere Angeklagte wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht. Das Urteil soll im März gesprochen werden. Nach der Uraufführung von „Grâce à Dieu“ in Berlin beschwerten sich die Anwälte er Beschuldigten über eine „Vorverurteilung“ ihrer Mandanten. Ozons Film erfüllt das, was sich die Berlinale unter Dieter Kosslick als politischen Film vorstellt, auf vorbildliche Weise.

Wer wegen der Preisverleihung gekommen war, hatte sich an diesem Abend lange gedulden müssen. Eine halbe Stunde verging, ehe es zur Übergabe der Trophäen kam. Zuvor wurde - nun wohl wirklich zum letzten Mal - Personenkult um Dieter Kosslick betrieben und das in einer Weise, die dem scheidenden Festivalchef nicht in jedem Moment geheuer zu sein schien. Der Einspielfilm „Berliner Rhapsody“ mit Impressionen aus 18 Jahren Kosslick-Show war noch ganz amüsant, aber als die Staatsministerin Monika Grütters dem ihr unterstellten Direktor am Ende ihrer Lobhudelei die Patenschaft für die Brillenbärin Puna im Berliner Tierpark antrug, war der kulturpolitische Bogen deutlich überspannt. Überhaupt hätte man bei dieser Verabschiedung annehmen können, nach Dieter Kosslick würde es nun nie wieder eine Berlinale geben. Aber dann hat er im Vorbeirennen zum Glück noch seine Nachfolger Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek im Publikum entdeckt. Es wird auch die 70. Berliner Filmfestspiele geben. Sie beginnen am 20. Februar 2020.