Die neue Adele heißt Sam Smith. Vor drei Jahren, als die britische Sängerin die Grammy-Verleihung beherrschte, gipfelte die Verleihung der wichtigsten internationalen Musikpreise in ihrem tränenreichen Geständnis, dass ihrem Erfolgsalbum „21“ eine „beschissene Beziehung“ vorangegangen sei.

In der Nacht zu Montag bedankte sich der 22-jährige Londoner Smith  bei seinem Ex-Freund, der ihm das Herz gebrochen habe  – und dem Sänger mit der Stimme einer Soul-Diva damit den Weg zum „Record of the Year“ ebnete.

Das war nur eine von vier goldenen Grammophon-Statuetten, die Smith vom Staples Center in Los Angeles nach Hause tragen konnte, als großer Gewinner dieser Saison. Ein sympathischer noch dazu.

Trotzdem überwog bei den 57. Grammys das Gefühl, der Wiederholung einer Wiederholung zuzuschauen. Angefangen bei knalligen Eröffnung, zu der  die australischen Hardrock-Senioren AC/DC einmal mehr den „Highway To Hell“ beschreien durften, über den Auftritt von Madonna im Torero-Kostümchen, die sich von gehörnten Tänzern  hochleben ließ, starrköpfig den Fluss der Zeit ignorierend.

Richtig Mühe gegeben

Bis zum   unvermeidlichen Pharrell Williams mit seinem ebenso unvermeidlichen Stimmungsschlager „Happy“. Williams, als Produzent ein Veteran der Industrie, hatte sein Coming-out als Solokünstler im vergangenen Jahr, als der riesige Hut des zierlichen Falsettisten die Berichterstattung bestimmte.

Immerhin, für seine Shownummer gab sich Pharrell richtig Mühe, päppelte das fröhliche Liedchen mit Moll-Akkorden und Streichern im schweren Seegang zum gewichtigen Statement auf. Er selbst trug dazu unverständlicherweise ein Pagen-Kostüm aus dem „Grand Budapest Hotel“  und überließ eine Strophe dem Kitsch-Pianisten Lang Lang. Während dieser noch in den Tasten schwelgte, hoben Pharrell und seine Tänzer die Handflächen zur Geste der Ferguson-Protestler, Filmkomponist Hans Zimmer schrammelte dazu auf einer unhörbaren Gitarre.

Gelangweilt ließ Williams die restliche Veranstaltung über sich ergehen – man konnte das sehr schön im Livestream verfolgen, den die ausrichtende Academy of Recording Arts and Sciences für moderne Menschen zur Verfügung gestellt hatte, die während der Fernsehübertragung ein Tablet auf dem Schoß balancieren.

Nur zwei Plätze neben Williams mühte sich Taylor Swift redlich, den Sitztanz als neues Twerking zu etablieren. Der ehemalige Country-Jungstar hatte zwar das mit Abstand erfolgreichste Album des Jahrs 2014 veröffentlicht, dies jedoch zu spät. um im aktuellen Grammy-Jahrgang berücksichtigt zu werden. Folglich verzichtete Swift auf einen Auftritt, präsentierte nur den Preis für den besten neuen Künstler (natürlich an Sam Smith) – und schlug mit ihrer aufgekratzten Second-Screen-Performance dennoch das Hauptgeschehen um Längen.

Das bestand zum überwiegenden Teil aus gediegenen Nummern ohne größere Schauwerte. Es gab treuherzige Duette – Adam Levine sang mit Gwen Stefani, Lady Gaga mit Swing-Legende Tony Bennett. Der irische Singer-Songwriter Hozier  teilte das Rampenlicht mit Annie Lennox, die ihn prompt mit ihrer phonstarken Interpretation von Screamin’ Jay Hawkins „I Put A Spell On You“ aus dem kollektiven Gedächtnis fegte.

Und es gab die weit ausholenden Balladen: Ariana Grande bettelte steinerweichend um „Just A Little Bit Of Your Heart“, Beyoncé rührte mit „Take My Hand, Precious Lord“ – dem Lieblingsgospel Martin Luther King Jr.’s – nicht zuletzt sich selbst zu Tränen.

Sogar die tiefschürfender Gefühle eigentlich unverdächtige Katy Perry präsentierte sich ganz schlicht im weißen, an Prinzessin Leia gemahnenden, Büßergewand und widmete ihre Ballade „By The Grace Of God“ allen Opfern häuslicher Gewalt, inklusive einer Videobotschaft des US-Präsidenten.

Selbstredend war das dick aufgetragen, das kann und darf man von einer Grammy-Gala erwarten. Nur: Wo blieb der Spaß? Wo das Quentchen Wahnsinn, das Popmusik erst interessant macht?

Den einzig wirklich bizarren Auftritt verdanken wir Sia. Eingeleitet von einem verquasten Gedicht Shia LaBeoufs präsentierte die australische Sängerin dem Publikum ausschließlich ihre Rückseite. Während sie ihren Hit „Chandelier“ sang, übten sich Hollywood-Comedienne Kirsten Wiig und die zwölfjährige Maddie Ziegler, beide mit blonden Sia-Perücken ausgestattet, in einem von Hundert Glühbirnen erleuchteten Kellerloch im Ausdruckstanz.

Es blieb beim Einzelfall. Der andere bemerkenswerte Auftritt stapelte tief: Das unwahrscheinliche Trio aus Rihanna, Paul McCartney und Kanye West sang vor leerer Leinwand den gemeinsam komponierten Folksong „FourFiveSeconds“, Sir Paul an der Schrammelgitarre, Wests Jackett-Ausschnitt tiefer als derjenige Rihannas. In dem Lied geht es um die morgendlich Reue, die  auf einen nächtlichen Ausraster folgt.

Als zum Höhepunkt der Gala überraschenderweise der alte Indie-Liebling Beck für „Morning Phase“ gewinnt und nicht die Favoritin Beyoncé, stürmt Kanye West die Bühne. So, wie er es vor Jahren bei Taylor Swifts Triumph über Beyoncé getan hatte. Doch in letzter Sekunde drehte der schmollende Rapper ab.

Hatte er sich an die Botschaft seines eigenen Songs erinnert? Oder waren es einfach genug Déjà-vus für einen Abend?