Premiere beim Filmfest München: Hans-Christian Schmids TV-Achtteiler „Das Verschwinden“

Janine, Manu und Laura. Drei junge Frauen, gemeinsam aufgewachsen in Forstenau, einer Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, beste Freundinnen von Kindheit an. Gerade eben waren sie noch Mädchen und immer hatte es „eine für alle, alle für eine“ geheißen.

Aber der Zusammenhalt bröckelt, als Drogen Einzug halten im Leben der Freundinnen und immer mehr Raum einnehmen, besonders bei Manu. Doch es ist Janine (Elisa Schlott), die in der Nacht ihres 20.Geburtstages verschwindet.

Schlimme Vorahnung

Ihr Auto wird verlassen in einem Acker unweit der Grenze gefunden, aber die Polizei wiegelt ab: Bestimmt würde sie sich alsbald wieder anfinden, sie sei wahrscheinlich bloß in der tschechischen Partyzone versackt, das mit dem Auto sei zwar seltsam, würde sich aber schon irgendwie erklären lassen. Janines Mutter Michelle (Julia Jentsch) glaubt kein Wort und lässt sich nicht ruhig stellen. Wenn die Polizei gerade mal ihre Vermisstenanzeige zu den Akten nimmt und dann die Hände in den Schoß legt, macht sie sich alleine auf die Suche. 

So beginnt es, das große Aufdröseln, das der eigentliche Gegenstand in Hans-Christian Schmids Miniserie „Das Verschwinden“ ist, die jetzt beim Filmfest in München Premiere hatte. Es ist die erste große Fernseharbeit des Kinoregisseurs, der sich mit Filmen wie „Nach Fünf im Urwald“, „Lichter“ und „Requiem“ einen Namen gemacht hat.

Acht Tage, acht Folgen

Die alleinerziehende Michelle Grabowski, die auch nur 19 Jahre älter ist als ihre verschwundene Tochter, ist so etwas wie eine Privatdetektivin mit Mission oder eine Kommissarin ohne Befugnis in diesem Kriminalstück, das zugleich ein Sittengemälde ist, eine Milieustudie und ein Gesellschaftspanorama.

Im Verlauf seiner acht aufeinanderfolgenden Handlungstage im Oktober 2016 bringt „Das Verschwinden“ etwas zum Vorschein: den Entwurf eines Gemeinwesens, samt Darstellung sozialer Strukturen wie (grenzüberschreitender) politischer Gegebenheiten.

Crystal Meth

Denn es ist das in Tschechien billig hergestellte Crystal Meth, das nunmehr nahezu unkontrollierbar den Weg ins bayrische Nachbarland findet, das das Verhängnis auslöst, das schließlich vier Familien mit sich reißen wird. Wobei Drogenhandel und Drogenmissbrauch wiederum als Anknüpfungspunkte fungieren für eine weitere, grundsätzlichere Erzählung, die vom Unverständnis zwischen den Generationen handelt, von der Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kindern, vom Vertrauensverlust und dem Mangel an Perspektiven.

Und die von Julia Jentsch so präzise wie leidenschaftlich gestaltete Figur der vor Sorge verzweifelnden Mutter, die hartnäckig und bis an den Rand ihrer Kräfte nach einer Erklärung sucht, nimmt all dies eben nicht passiv wahr, sondern treibt das Geschehen aktiv voran.

Gespinst aus Lügen

Sie zieht sozusagen an einem Faden und trennt das ganze Gewebe auf, das ganze Gespinst aus Lügen und Geheimnissen, Verbotenem und Verdrängtem – bis man am Ende vor der erschütternden Wahrheit steht.

Wobei sich herausstellt, dass auch Michelle Grabowski Teil hat an der Schuld, die hier auf zahlreiche Schultern verteilt ist. Denn alle haben Dreck am Stecken, wenn es um Familiengeheimnisse geht, bekanntlich die best gehüteten und auch die gefährlichsten. Und alle lügen. Die Kinder wie die Eltern, die Eltern aber ganz besonders.

Im Sumpf des Verbrechens

Dafür, den Faden, der das Gewebe zusammenhält, auf eine Weise aufzudröseln, die zugleich das Gewebe erkennbar macht, braucht es einen langen Atem, eine ruhige Hand und ein gutes Auge. Dass Hans-Christian Schmid über all dies verfügt, beweisen seine Kinofilme. Insofern ist „Das Verschwinden“ also auch das geglückte Ergebnis einer idealen Kombination von Stoff und Autor.

Schmid, der das Drehbuch gemeinsam mit Bernd Lange schrieb, zieht nicht nur simpel den verklärenden Schleier der Biederkeit und des Wohlanständigen beiseite, um einen dahinter liegenden Sumpf des Verbrechens zu beleuchten; denn dass das Leben in der Provinz heil ist, glaubt ohnehin schon lange keiner mehr.

Zwänge und Ängste

Ihre Aufmerksamkeit gilt vielmehr jenen, die eigentlich nichts Böses im Schilde führen, die aber in unterschiedlichen Zwängen gefangen sind, die von Ängsten beherrscht und von unerfüllten Hoffnungen geplagt werden. Sie bringen uns eine Gemeinschaft nahe, die mal solidarisch ist und empathisch und dann wieder fragil und jederzeit gefährdet. Sie erzählen vom Dasein der Menschen, jetzt und hier.

Uraufgeführt wurde die in acht Episoden à 45 Minuten gegliederte, von ARD Degeto koproduzierte Miniserie jetzt im Rahmen des Filmfestes an einem Abend , ausgestrahlt werden soll sie im vierten Quartal diesen Jahres in vier je eineinhalbstündigen Teilen im Ersten und anschließend in 8 mal 45 Minuten in den Dritten Programmen.