Könnten Revolutionen doch immer so entspannt und geistreich verspielt sein wie an diesem Abend von Andcompany & Co. im HAU 2. Zwar ziehen die vier Revoluzzerdamen Nina Kronjäger, Mira Partecke, Claudia Splitt und Mariana Senne auch hier zuerst mal die Theoriefibeln aus ihren Gürteln wie Colts und lesen „MRX-Maschinelles“ von Luise Meier.

Bald aber tauschen sie die Bücher gegen Instrumente ein und spielen lässig depressiven (Post)Revolutionsblues. Nein, zu den Akten gelegt ist die Revolution damit nicht für Alexander Karschnia und Crew, die belesensten Dauerrevolutionäre unter den Performern. Aber ohne ein Gefühl für Lockerheit, auch für die mäandernden Lücken im wuchernden All-in-one-System (siehe MRX) ist mit Revolution ohnehin nichts zu machen.

Weggeblasene Depression

Dieses Gefühl für die unsichtbaren Wege nun sucht und feiert die Performance „invisible republic“ zum großen Revolutionsjubiläumsjahr 2018 (200 Jahre Marx, 100 Jahre Novemberrevolution, 50 Jahre 1968). Und sie tut das in einem beschwingt-engagierten Mix aus Luc-Godard-Theater, Lesung, Plüschpantoffelchoreografie mit Hexenhüten, Geist und Witz, sodass jede „postrevolutionäre Depression“ (Bini Adamczak) hier plötzlich wie weggeblasen scheint.

Ja, die Revolution hat es den Bühnen dieser Tage angetan, weshalb wir auch gleich weiter müssen ins Berliner Ensemble, wo zum Auftakt einer Gender-Reihe die Doppelpremiere zweier Stücke von Alice Birch und Marlene Streeruwitz über die feministische Arbeit an Veränderungen angesetzt ist. Leider hat man eine junge Regisseurin dafür beauftragt, die vor allem damit beschäftigt ist, möglichst checkermäßig, hipp und krass rüberzukommen, indem sie ihre Vorlagen verblödelt, statt die Subtilitäten und Zumutungen der Texte an sich (und uns) heranzulassen. Und das mit so hervorragenden Schauspielern wie Astrid Meyerfeldt, Anita Vulesica, Patrick Güldenberg, Sascha Nathan und der Nachwuchskraft Lorna Ishema! Eines hat Christina Tscharyiski immerhin genau gelesen: die Vorbemerkung Alice Birchs zu ihrem Stück, es bitte „nicht brav“ zu spielen. Wohl deshalb haut die Regisseurin mit dem XXL-Comic-Lachhammer die Figuren platt.

Verdrehte Machtmechanismen

Dabei versucht das Stück „Revolt. She Said. Revolt Again“ etwas Besonderes: Es führt in atemlosen Sprechen vor, wie sich emanzipatorische, revolutionäre Bewegungen zwischen Worten und Wirklichkeiten wie Billardkugeln an den Banden vor- und zurückstoßen. Vielleicht muss man Birchs Vorgehen postpräfeministisch nennen. Denn indem ihre losen Sprechszenen sämtliche Widerstandstechniken aufblättern, treiben sie sie zugleich an jene Grenze, wo sie in ihre eigenen Paradoxien zerfallen.

Dabei geht sie ganz sachlich vor: Zwei bis drei Sprecher machen in kleinen Dialogen geradezu lehrbuchhaft die Unterdrückungsmechanismen der Sprache, der Arbeit, der Körper bewusst, widerstehen ihnen durch Verweigerung oder Verdrehung, bis diese Strategie in ihr Gegenteil zurückschlägt.

Vorsicht beim Sprech-Sex

Gleich die erste Szene, in der auch der platte Pop-Stil der Inszenierung noch wirkt, zeigt das schön: Anita Vulesica und Sascha Nathan stehen einander bebend gegenüber und reden darüber, wie sehr sie sich begehren. Bald steigert sich ihr Sprech-Sex ins Hysterische, auch die Rhetoriken der Vereinnahmung, bis „Wonder-Woman“ Anita stockt. Sie möchte doch bitte nur „angefasst“, nicht „umfasst“ werden. Auch das Wort „spreizen“ irritiert, „öffnen“ klingt gewaltfreier, und wer darf wessen Geschlecht einfach „nehmen“?

Grotesk ist das, ja, aber eben auch ernst. Denn langsam wickelt sich der männlich-weibliche Positionswechsel hier aus dem einen Machtspiel heraus ins nächste hinein. Und so geht es weiter mit den Revolutionstechniken, von der strikten Verweigerung (altfeministisch) zur affirmativ subversiven Totalhingabe (postmodern). Wobei Birch keine Variante nur denunziert, vielmehr dreht sie das Revolutionsmühlrad als Sisyphos-Brocken weiter, und das Fortschrittsmehl wird immer feiner.

Schlechte Pollesch-Kopie

Leider merkt die Inszenierung davon nichts. Hauptmissverständnis aber ist, dass Tscharyiski beide Stücke des Abends in eins denkt und mit Kostümen und Firlefanz die Figuren von Beginn an verwischt. Dabei handelt es sich bei Marlene Streeruwitz’ „Mar-a-Lago“ um ein Stationenspiel, in dem sich fünf Schauspielerinnen verschiedener Alter langsam aber sicher über ihre willigen Verstrickungen in die privat-beruflichen Machtspiele ihres Regisseur-Liebhabers aufklären. Anders als Birchs doppelbödiges Revolutionshandbuch ist „Mar-a-Lago“ ein zwar auch allegorisch zu lesendes, aber doch lebensnäheres Konversationsstück, in dem die Frauen ihre Karrieresehnsüchte und emanzipatorischen Selbsttäuschungen gegeneinanderhalten.

Man hat sich versammelt, um mit dem großen Verführer ein letztes „Projekt“ über die knochenharte Kulturrevolutionärin Jiang Quing, Maos Witwe, zu entwickeln. Geht das noch? Langsam schmeißen sie einander all die Widersprüche des Sichbefreienwollens und Dochnurfesselns, der revolutionären Reaktionärwerdung an die Köpfe. Auch das ist absurd lustig. Aber eben auch tragisch wahr. Nur Astrid Meyerfeldt ist es erlaubt, dieser Tragik ein Gesicht zu geben. Ansonsten zwängt Tscharyiski alles in die üblichen Glitzerklamotten und Silberhaarperücken, wie bei einer schlechten Pollesch-Kopie. Verschenkt.

Revolt. She seid. Revolt again/ Mar-a-Lago

Berliner Ensemble, wieder am 20., 22.10.18, 19.30 Uhr; 21.10., 18 Uhr, Karten unter Tel.: 28408115 oder: berliner-ensemble.de