Berlin - Das sagen alle, und Pfarrer Tobias Kuske amüsiert sich bisweilen darüber: Der Altar seiner Paul Gerhardt-Kirche in der Wisbyer Straße in Prenzlauer Berg zeigt den schönsten Jesus-Mann, den man sich denken kann, gemalt um 1910 von dem Gemeindemitglied Gerhard Noack. Stilistisch den Spätnazarenern“ nahe, der den Auferstehenden darstellt. Ätherisch, vergeistigt, fast lieblich.

Seit Aschermittwoch sind der von einem Lichtkranz umstrahlte Menschensohn und unter ihm Bibel und Altarkerzen verdeckt von einem düsteren Passionstuch. Die ab-strakte Szene aus Schwarz-Grau-Blau auf weißem Leinen steht für Gewalt, Leid, Tod. Für das, was Menschen anderen Menschen seit Tausenden von Jahren anzutun imstande sind. Dieses Licht-Dunkel-Ur-Drama verstärkt ein Ur-Kreuz – waagerecht und senkrecht, am Querbalken endend – aus rohem Fichtenholz. Die Fastenzeit-Altar- Hülle wird so zur geradezu körperlich schmerzhaften, sperrigen, kruden Kruzifix-Skulptur.

Das Zeichen des Ur-Kreuzes

Günther Uecker, der weltberühmte „Nagelkünstler“ aus Düsseldorf mit Herkunft von der Halbinsel Wustrow an der Ostsee, verdeckt das Mysterium der Auferstehung Christi die Fastenzeit über, bis Karsamstag-Nacht. Der lebens-und welterfahrene Künstler sagt, aus seiner eher atheistischen Position heraus, ein Passionsbild diene der Überwindung der Angst vor dem Tod und stehe für die Unerklärbarkeit des Mysteriums der Überwindung des Todes. Für das Leben.

Uecker, der am 13. März 87 Jahre alt wird, hat, wie er sagt, das Zeichen des Ur-Kreuzes gewählt, wie man es auch auf den Altarbildern des Mittelaltermalers Matthias Grünewald findet, wo der gekreuzigte Jesus mit gebundenen Händen am Querbalken hängt. Ueckers Passionstuch steckt voller Dramatik und zielt auf Transformation, auf Erneuerung. Es macht die Gewalt der Richter, Pharisäer, der manipulierten Söldner und Schergen bildhaft. Und die Angst der Zuschauer, der Jünger, des die Hinrichtung stumm duldenden, mutlosen Volkes. Die obsessiven schwärzlichen Farb-Strudel, -Fäden und -Tropfen berichten von Folter, von Geißelung. Schwarz fließt das Blut. Schmerz gerinnt zu Farbbahnen wie aus Schweiß, Asche, Asphalt. Ein Bild für Willkür, für Krieg, für Trauer. Auch für die Hinnahme des Unvermeidlichen?

Für Erkenntnis, so will es Günther Uecker. Seine altmeisterlich wirkende, expressiv-abstrakte Golgatha-Szenerie basiert auf einem ineinander gefügten Dreieck, das den Judenstern ergibt, als Zeichen für Jesus, der ein Rabbi war, ein Mann des Geistes, der Güte, der Toleranz. Uecker hat nicht gezögert, als man ihn fragte, ob er dieses Passionswerk machen werde. Er wollte – gerade in einer Welt, in der alles aus dem Fugen zu geraten, alle Gewissheit im Irrationalen zu brechen scheint. Der säkulare Künstler setzt auf Erkenntnis. Und: „Auf den Glauben an das Gute und Schöne.“

„Welch wunderbar irritierende Herausforderung“

Uecker hat als Junge das Kriegsende 1945 mit Leichenbergen am Ostseestrand erlebt hat, KZ-Häftlinge und Zivilisten, angeschwemmt vom versenkten Schiff „Kap Arkona“. Der Bauernjunge wurde damals, mit anderen Jungs, von Rotarmisten gezwungen, die Ertrunkenen zu verscharren. Dieses Trauma der Kindheit wurde später zur Kunst. Die Nägel, die düsteren Farben mahnen. 1953 ging er aus der DDR in den Westen, floh vor der „verlogenen Ideologie“. Er ist kein Bildhauer und Maler, der in Konventionen oder hochästhetischen Traditionen arbeitet. Er ist eher ein Berserker der Kunst, nagelt Skulpturen, baut Sandspiralen, malt Schrift-Tücher. Wo immer er gerade ist, verwandelt er Emotionen in poetische Störfaktoren. Seine „Aschebilder“ zur Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1986, im Dialog mit Christa Wolfs Text „Störfall“, sind weltberühmt. Ueckers Bilderkosmos besteht aus Chiffren für eine Welt, in der die ökologische und humane Ordnung bedroht ist.

Der von den Museen der Welt hofierte Künstler fühlt sich angezogen von Kirchenräumen, auch als Meditationsort der Kunst. Und es soll klingen: 2012, auf der Frühjahrsauktion der Berliner Villa Grisebach ließ Uecker sein fulminantes Nagelbild „Spirale“ versteigern: 414.800 Euro zahlte ein Sammler und postwendend reichte der Künstler das Geld weiter an die Kirchengemeinde seines Heimatkreisortes Rerik im Landkreis Rostock. Damit konnte endlich die seit dem Krieg zerstörte Kirchenglocke von St. Johannes neu gegossen und der Dachstuhl des maroden Gotteshauses, in dem Uecker als Kind oft mit Vater und Mutter an Festtagen saß, wieder aufgebaut werden.

Im Altarraum der Paul Gerhardt-Kirche ist Uecker daran gelegen, dass alle Liturgie-Dinge einbezogen sind: Neben dem verdeckten Altarbild auch Kanzel, Pult, Taufschale. Allerdings eine neue Situation für den jungen Pastor. Tobias Kuske muss sich zum Predigen einen anderen Platz suchen als gewohnt. „Ich muss nachdenken, neu denken, welch wunderbar irritierende Herausforderung.“

Glaube, Liebe, Hoffnung

Seit 2011 lässt die evangelische Gemeinde ihren Altar jedes Jahr zur Fastenzeit von namhaften Künstlern verhüllen, 40 Tage lang und nach mittelalterlichem Brauch, der ja eigentlich katholisch ist, somit ein stück weit Ökumene bedeutet. Ueckers ruppige Poesie ist ein Novum. Etwas Universales. Es geht nicht nur um ein individuelles Bildwerk zu einem viel zu unfassbaren Thema, auch nicht um Expression, sondern ums Verwandeln und Erneuern, ums Auslöschen und Neuprägen, ums Sichtbarmachen von verrinnender Zeit. Und um Glaube, Liebe, Hoffnung, Korinther-Brief 13.

Die Probe aufs Exempel wartet am Sonntagvormittag, beim ersten Gottesdienst.