Die Siegessäule auf dem Großen Stern in Berlin Tiergarten
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Der Name Preußen belaste die „Marken“ Staatliche Museen und Staatsbibliothek in ihrem öffentlichen Wirken. Das jedenfalls behauptet das in der vergangenen Woche präsentierte Gutachten des Wissenschaftsrats zur Zerschlagung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Präsident der Preußen-Stiftung, Hermann Parzinger, haben zumindest verhaltene Zustimmung signalisiert, der Name müsse debattiert werden. Sie stellen sich damit in eine inzwischen auch schon viele Jahrzehnte zählende Tradition derjenigen, die den Bruch zwischen dem Erbe Preußens, das die Stiftung seit 1957 in ihren Archiven, Bibliotheken, Instituten und Museen wahren und mehren soll – was ihr alles in Allem ziemlich gut gelungen ist – und dem heutigen Deutschland auch sprachlich markiert sehen möchten.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Preußen ist, wenn man nicht gerade Alexander Gauland heißt und von angeblich preußischen Tugenden schwärmt (es sind schlichtweg die Tugenden der bürgerlichen Gesellschaften des Westens), vielen ein emotionales und politisches Problem. Seit der Zeit um 1700 versuchten die Fürsten aus dem Haus Hohenzollern diesen nordostmitteleuropäischen Staat mit ruchlosen Kriegen und einzigartigem Militärkult zur Vormacht der Region, dann Deutschlands, zeitweise sogar Europas zu machen. Noch die Militärs im Zweiten Weltkrieg setzten alles daran, die rassistisch und antisemitisch begründeten Germania-Träume Hitlers mit der Berufung auf Preußen durchzusetzen.

Preußen wurde zerschlagen

Die föderale Bundesrepublik distanzierte sich im Großen und Ganzen scharf von diesem Erbe, nur die Bundeswehr brauchte dazu etwas länger. Preußen wurde zerschlagen, so wie es schon 1918 von Adenauer vorgeschlagen worden war, in neue Bundesstaaten, die handhabbarer waren. Nur die NVA und die Bundeswehr benötigten noch einige Zeit, ehe sie sich vom Erbe der Wehrmacht und damit Preußens lösten.

Die große Ausnahme war die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der 1996 die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten folgte. In ihnen wird das andere Preußen-Bild gepflegt, das sich seit den 1980er-Jahren in der Bundesrepublik wie in der DDR etablierte: Die Erinnerung an den Rechts-, Kultur-, Bildungs- und Musenstaat. Sie ist zwar genauso eine historische Ideal-Konstruktion wie das Bild des finsteren Pickelhauben-Preußen, aber nicht weniger wirkungsvoll. Anders ist etwa die letztlich widerspruchslose Haltung weiter Teile der deutschen Öffentlichkeit zum Nachbau preußischer Schlossfassaden und Kirchtürme in Berlin und Potsdam, selbst wenn sie explizit antijüdische Kuppelinschriften und kriegsverherrlichende Rüstungsskulpturen tragen, kaum zu erklären.

Sogar in Großbritannien, das vielleicht am eifrigsten am negativen Preußen-Bild festhielt, haben die Ausstellungen über Schinkel, Caspar David Friedrich oder die „Germany“-Ausstellung neue Blickwinkel populär gemacht. Und zunehmend setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass Preußen die eigentliche Festung der Demokratie in der Weimarer Republik war, dass der Putsch der rechten Reichsregierung gegen Otto Braun die Grundlage legte für die Herrschaft Hitlers.

Luisenkult in der Hauptverwaltung der Preußen-Stiftung

Gewiss ist es peinlich, dass der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Bayer Hermann Parzinger, im Sitzungssaal der Stiftung noch immer unter dem fürchterlichen Lenbach-Portrait Bismarcks sitzt. Auch sonst wäre einiges an ästhetischer Entpreußung der Villa van der Heydt, in der die Stiftung in Berlin residiert, zu tun. Warum nicht hier immer wieder umstrittene Werke zeigen, gar solche mit Nazi- und DDR-Vergangenheit oder aus der Kolonialzeit? Das wäre sicherlich interessanter als der aktuelle Kriegsbilder-, Königs- und Luisenkult in der Hauptverwaltung der Preußen-Stiftung.

Wie erinnert man an Preußen?

Aber selbst die zeigen: Die Erinnerung an Preußen ist nicht so einfach zu handhaben wie etwa die an das alte Sachsen oder an die vielen kleinen Fürstentümer Mitteldeutschlands. Und was wären denn die Begriffs-Alternativen? Das „Humboldt Forum“ behauptet im Namen eine Weltläufigkeit Preußens, die dieser Staat, der bis 1918 nur bedingt demokratisch regiert wurde – der massiv Katholiken und Juden, Polen, Elsässer, Lothringer, Sinti und Roma oder Sorben diskriminierte, der wenigstens zeitweilig im Handel mit versklavten Menschen involviert war – selten hatte. Der Name Staatliche Museen / Staatsbibliothek et al. zu Berlin würde eine zentrale Rolle Berlins beim Aufbau dieser Institutionen behaupten, die die Stadt schlichtweg nicht hatte. Gegen Deutsche Nationalmuseen etc. werden mit Blick auf den Kulturföderalismus aus guten Gründen die Bundesländer protestieren.

Nein, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das ist in der Vagheit und Unbestimmtheit eine geradezu geniale Namensfindung. Er zeigt nämlich indirekt, dass Kultur eben nicht der einzige Aspekt ist, der mit Preußen verbunden werden kann. Und genau deswegen sollte er bleiben.