Monika Grütters (CDU), Kulturstaatsministerin, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unterhalten sich bei einer Pressekonferenz des Wissenschaftsrats zur Zukunft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
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BerlinZerschlagung, Auflösung, Dysfunktionalität – die Begriffe, mit denen seit knapp einer Woche über den Zustand der ehrwürdigen Stiftung Preußischer Kulturbegriff (SPK) debattiert wird, liefen zuletzt vielfach auf die Einschätzung zu: Das kann weg.

Bei der Vorstellung des Evaluationsberichtes am Montag im Berliner Wissenschaftszentrum waren die Mitautorinnen Marina Münkler und Dorothea Wagner deshalb zunächst bemüht, Lob zu verteilen. Für den digitalen Strukturwandel des Wissenschaftssystems etwa sei die Staatsbibliothek gut aufgestellt. Das Geheime Staatsarchiv erfülle kompetent seine Aufgaben und die internationale Bedeutung des Iberoamerikanischen Instituts sei gar nicht hoch genug zu bewerten.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte die Evaluation vor gut zwei Jahren in Auftrag gegeben, und für sie seien die nun vorgelegten Ergebnisse „ein erster Schritt, um die SPK zukunftsfest zu machen“. Das böse Wort von der Auflösung nahm Grütters auch im weiteren Verlauf des Vormittags nicht in den Mund, vielmehr beginne nun „ein mittelfristiger Reformprozess“.

Den Bedarf dafür haben in dem rund 280 Seiten starken Bericht, dessen Eckdaten auf ungeklärte Art und Weise an die Wochenzeitung Die Zeit gelangt waren, insbesondere die Staatlichen Museen der SPK auf sich gezogen. Handlungsbedarf bestehe hier vor allem in den publikumsorientierten Bereichen. Deshalb sei, heißt es im Bericht, ein Punkt erreicht, „an dem die Dachstruktur der Stiftung die Weiterentwicklung der darunter versammelten Einrichtungen einschränkt.“ Die Empfehlungen: die Auflösung dieser Struktur sowie eine organisatorische Verselbständigung des Verbunds der Staatlichen Museen, der Staatsbibliothek, des Geheimen Staatsarchivs und des Iberoamerikanische Instituts.

Das Bode-Museum spiegelt sich in der Spree. 
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Es gehe nicht um Personen und Schuldzuweisungen, sondern um ineffiziente Strukturen und „tief gestaffelte Hierarchien“, betonte Marina Münkler mehrfach. Außer Frage stehe zudem eine Unterausstattung sowohl in finanzieller als auch in personeller Hinsicht.

Worin genau besteht die festgestellte Malaise bei den Staatlichen Museen?

Diese Steilvorlage nahm der engagiert-kämpferisch aufgelegte SPK-Präsident Hermann Parzinger dankend auf. Er wollte den Bericht vor allem als Chance verstanden wissen, einen ambitionierten Reformprozess aufzulegen. „Sie sehen mich hier keineswegs niedergeschlagen“, rief er den Pressevertretern zu, die trotz der Möglichkeit, sich digital zuzuschalten, in großer Zahl an den Gendarmenmarkt gereist waren. Es komme jetzt vor allem auf die Umsetzung an, für die er sich in den verbleibenden fünf Jahren seiner Amtszeit mit voller Kraft einsetzen werde.

Monika Grütters war denn auch darum bemüht, den Schulterschluss zu ihrem Stiftungschef zu signalisieren. Insbesondere für den aufwändigen politischen Prozess, der nicht zuletzt eine Herausforderung für den deutschen Föderalismus darstellen dürfte, veranschlagte Grütters drei bis fünf Jahre.

Aber worin genau besteht die mit einer gewissen Schärfe festgestellte Malaise bei den Staatlichen Museen? „Den Anspruch, für Ausstellungen von Weltrang zu stehen“, heißt es in dem Bericht, „lösen die Staatlichen Museen unter den gegebenen Bedingungen kaum ein“. Das Potenzial für sammlungs- und standortübergreifende thematische Ausstellungen werde nicht ausgeschöpft. „Wenngleich sich die Sammlungen hinsichtlich ihrer Qualität und Bedeutung auf Augenhöhe mit den Museen in London, Paris oder New York befinden, können sie diesen Anspruch in Bezug auf die Besucherzahlen jedoch nicht einlösen.“ Zudem seien die Museen im internationalen Vergleich „auch im virtuellen Raum deutlich weniger präsent“.

Formulierungen wie diese richten den Fokus auf internationale Vergleiche. Der Weltkultur scheint man sich noch immer bevorzugt kompetitiv anzunähern. Aber schon hinsichtlich der Besucherzahlen ist es schwierig, Berlin an London und Paris messen zu wollen. Natürlich sollte man hohe Ansprüche an die Attraktivität eines Museums richten, aber geschickte Präsentationsformen und moderne Vermittlungstechniken bedürfen auch der künstlerischen und historischen Einzigartigkeit und Bekanntheit einer Sammlung. Umso besser, wenn wie im Fall des Neuen Museums beides zusammenkommt. In dem von dem Architekten David Chipperfield liebevoll rekonstruierten Haus auf der Museumsinsel läuft die Ausstellungsdramaturgie immer noch auf die berühmte Büste der Nofretete zu. Nach der Wiedereröffnung aber wurde die Sammlung komplett neu geordnet. War es zunächst umstritten, einzelne Stücke aus ihrem historischen Kontext herauszulösen, so hat es sich längst bewährt, diese mit ähnlichen Exponaten aus anderen Epochen und Kontexten in Beziehung zu setzen. Hinsichtlich der Kritik des Wissenschaftsrates bedeutet dies, dass die großen Sammlungen wohl alle fünf bis acht Jahre eines kostspieligen Faceliftes bedürfen.

Die historischen Sammlungen sind Leistungsschauen der jeweiligen Herrschaftsformen

Die Forcierung der Attraktivität stößt aber mitunter an ihre Grenzen. War das Bode-Museum nach der Restaurierung durch Heinz Tesar beim Publikum äußerst beliebt, so kann die bedeutende, aber eher schwer zugängliche Skulpturensammlung im Wettbewerb um Besucher nur noch bedingt mithalten.

Weitgehend unberücksichtigt ist in dem Bericht ein ganz anderer Aspekt musealer Repräsentation. Die historischen Sammlungen, sei es in Paris, Berlin oder London, sind immer auch Leistungsschauen der jeweiligen Herrschaftsformen, unter denen sie angehäuft wurden. Bei der Auseinandersetzung mit den Kulturen der Welt ging es über Jahrtausende vor allem auch darum, die jeweils eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Die internationale Museumswelt steht heute jedoch vor der Herausforderung, sich vom Gedanken nationalen Kulturbesitzes zu lösen und einen reflexiven Blick auf die Kunst und Artefakte aus vergangenen Zeiten zu richten, die zu nicht geringen Teilen schlicht Beutekunst sind. Es könnte sein, dass sich die Bedeutung eines Museums künftig vor allem daran bemessen lassen wird, wie es sich zu seiner historischen Verantwortung verhält. Den Namen Stiftung Preußischer Kulturbesitz abzulegen, kann so gesehen kein Fehler sein. SPK-Präsident Parzinger erhofft sich ganz dringend eine intensive öffentliche Debatte. Dieser Wunsch sollte ihm unbedingt erfüllt werden.