Auch die Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand geht auf einen Entwurf der beiden Architektinnen zurück. 
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Die Ausnahmesituation offenbart sich im Detail: Auf der Website der Pritzker-Foundation sind die irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelly McNamara auf einem Farbfoto zu sehen. Sie lachen. Und sie sehen sich an. Die überwiegende Zahl der anderen, im wesentlichen männlichen Träger des seit 1979 vergebenen Pritzker-Preises schaut in Schwarz-Weiß frontal in die Kamera.

Trotz seiner für Architektenverhältnisse eher bescheidenen Preissumme von 100.000 Dollar – so viel gibt manches Großbüro alleine für die Modelle aus, um einen begehrten Auftrag zu erhalten – gilt der Pritzker-Preis als Nobelpreis der Architektur. Umso bemerkenswerter ist die fotografische Demonstration von Nähe und Vertrautheit der diesjährigen Trägerinnen, aber auch der damit inszenierte Widerstand gegen jeden individualisierten Künstlerkult. Das ist kein Zufall, sondern Teil des Programms der beiden Gründerinnen des 1978 in Dublin eröffneten Büros Grafton Architects.

Die Stadt als Ort des Zusammentreffens von Menschen

Ihr Lebensthema nämlich ist die Stadt als Ort des Zusammentreffens von Menschen, Gesellschaften und Geschichten. Als sie vor zwei Jahren die Architekturbiennale in Venedig kuratierten, ließen sie ein Fenster in einem Flur wieder öffnen. Es entstand in den 60er-Jahren nach den Plänen von Carlo Scarpa, einem der Überväter der italienischen poetischen Moderne, wurde aber später zugesetzt. Man hatte es in Venedig ganz vergessen. Nun brach nicht nur plötzlich Licht in den düsteren Ausstellungspalast. Vor allem öffnete sich der Blick in die Umgebung, auf den realpolitischen Dauerverfall Venedigs. Kein schöner, aber ein ehrlicher Blick.

Ein gutes Team: Ivonne Farrel und Shelley Mc Namara (v.l.). 
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Irland ist bisher nicht wirklich als Land herausragender Avantgarde-Architektur bekannt – durchaus zu Unrecht, wie 1997 eine Ausstellung im Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt am Main zeigte. Schon damals spielten Grafton Architects eine Rolle, charakteristischerweise als Teil eines größeren Teams von Architekten, die sich die Rettung von Dublins Temple Bar Distrikt zur Aufgabe gemacht hatten. Jahrzehntelang verfallen, sollte das innerstädtische Quartier wiederbelebt werden, ohne seinen industriellen Charme, die Mischung von damals vergleichsweise billigen Wohnbauten und Vergnügungsbetrieben zu zerstören. Yvonne Farrell und Shelly McNamara planten den Temple Bar Square, einen Platz, ohne den das Dubliner Nachleben schnell nicht mehr denkbar war.

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Es sind solche Projekte, die sie bekannt machten. Berühmt aber wurden sie mit Bildungsbauten wie der strengen Ziegelarchitektur der Wirtschaftsschule in Toulouse, deren Innenhof zugleich eine Art Theaterlandschaft ist, der London School of Economics mit einer Eingangshalle, die sogar im Rohbau schon eine dramatische Inszenierung des Gehens und Zusammenkommens zu werden verspricht, oder dem aus den Wiesen des Shannon wie eine kleine Burg aufsteigenden Haus des Präsidenten der Universität Limerick. Solcher Werke wegen durften sich die beiden Frauen kürzlich über die angesehene Medaille des Royal Institute for British Architecture freuen. Auch sonst wurden sie schon reichlich geehrt.

Keine Architektinnen also, die von der Jury des Pritzker-Preises quasi aus dem Off auf den internationalen Markt geholt werden, aber sicherlich auch keine Anhängerinnen jenes „Star“-Zirkus, dessen Teilnehmern es inzwischen egal ist, ob sie für chinesische Autokraten, russische Oligarchen, demokratische Stadtverwaltungen, für Sozialbauunternehmen oder Superreiche bauen. Im Gegenteil war das eine der vielen Forderungen eines – sprachlich reichlich verquasten – „Manifestes“, das das Grafton-Duo für die Architekturbiennale 2018 verfasst hat: sass auch die Architekten sich im Zeitalter des Populismus ihrer gesellschaftspolitischen Rolle wieder bewusst werden müssten, dass es eben nicht egal sei, für wen man was plane.

Kräftige Betonkonstruktionen und sozialpolitischer Enthusiasmus

Ihr Universitätszentrum in der peruanischen Hauptstadt Lima etwa ist weit mehr als nur ein Bau mit Büros, Hörsälen, Cafés, Bibliotheken und Arbeitszimmern. Gewaltig schräg steigen die Seitenwände an, ein Gerüst aus Stahlbetonstützen und Trägern prägt den Bau, die Räume scheinen wie in ihn eingeschoben zu sein, dramatisch lange Quer- und Längsblicke sind möglich, und immer wieder sieht man auf den Fotos Menschen, die sich zu kleinen Gruppen zusammengestellt haben.

Unverkennbar sind die Vorbilder des Teams von Grafton Architects: Der Amerikaner Louis Kahn und der mexikanische Architekt Luis Barragan auf der einen Seite mit ihrer Leidenschaft für kräftige Betonkonstruktionen, rau, geometrisch streng. Betonbrutalismus wurde diese Kunst der großen Form, massigen Materialien und dramatischen Lichtführung oft verächtlich genannt. Sie hat in Irland viele Anhänger, die grandiose Universitätsbibliothek des Trinity-Colleges in Dublin von 1967 von Paul Koralek gilt heute als Meisterwerk dieser Richtung. Dazu kommt bei Farrell und McNamara aber jener sozialpolitische Enthusiasmus, der auch etwa die Architektur des Niederländers Herrmann Herzberger auszeichnet, in der sich überschneidende Balkone und Treppenhäuser immer neue Kommunikationssituationen anbieten.

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Mit der Auszeichnung der beiden Irinnen wurde der Frauenanteil des seit 1979 vergebenen Pritzker-Preises schlagartig auf ganze zehn Prozent erhöht – dabei sind die meisten Berufstätigen dieser Branche weiblichen Geschlechts. Und weiterhin bleibt Zaha Hadid die einzige Architektin, die von der Jury wie inzwischen 40 männliche Architekten als Einzelperson ausgezeichnet wurde. Das Vorurteil, Frauen seien, wenn überhaupt, nur im Team kreativ, ist immer noch tief verankert, aber sowohl der Vorbehalt gegen Frauen wie der gegen Teams und jener gegenüber Architekten aus kleinen Ländern wie Irland scheint aufzuweichen. Dass es wieder kein Büro aus Afrika geschafft hat, sei wenigstens am Rand erwähnt.

Aktuelles Großprojekt: Die Zentralbibliothek von Dublin

Immerhin wird aber gerade durch die Bewertung als Team auch deutlich: Irland hat sich seit 1990 gewandelt wie sonst allenfalls noch die einst sozialistisch regierten Gesellschaften Mittel- und Osteuropas. Aus der „grünen Insel“, die über Jahrhunderte neben Kartoffeln vor allem Auswanderer produzierte, in der die katholische Kirche eine fast diktatorische Macht ausübte, Scheidung, gar Abtreibung oder Homosexualität unnennbare Sünden waren, in dem die Erinnerung an den Bürgerkrieg der 1920er-Jahre und die Abtrennung der nördlichen Provinzen traumatisch das politische Leben polarisierte, wurde eines der modernsten Länder Europas.

Dass das aktuelle Großprojekt von Grafton Architects die neue Zentralbibliothek von Dublin ist, zeigt, dass die Architektinnen Farrell und McNamara für eine Gesellschaft im Aufbruch stehen. Wir sollten sie nach Berlin einladen zum hoffentlich bald kommenden Wettbewerb für die neue Berliner Zentralbibliothek.