Das Kreuz ist das wichtigste Symbol des Christentums. Es ist so wirkungsvoll, dass der Berliner Senat sein Tragen in staatlichen Räumen genauso verboten hat wie das aller anderen religiösen Symbole.

Dennoch soll im künftigen Humboldtforum ein weithin sichtbares goldenes Kreuz errichtet werden. Es wäre ein architekturhistorisches Novum: Für profane Zwecke errichtete Gebäude erhalten in Europa in aller Regel keine religiösen Symbole.

Der Halbmond von Sanssouci

Selbst Kennern der Materie fällt auf Anhieb nur das in romantisch-arabisierenden Formen errichtete Wasserwerk für die preußisch-königlichen Schlossfontänen in Potsdam Sanssouci ein, über dem ein „islamischer“ Halbmond schwebt. In dieser Tradition könnte also künftig auch das Humboldtforum stehen.

Auch in diesem Neubau, der mit der Kopie weiter Teile der barocken Fassaden des Berliner Schlosses sowie der 1854 aufgesetzten spätklassizistischen Kuppel versehen ist, wird sich nämlich keine Kapelle mehr befinden, stattdessen Ausstellungen zu den Kulturen Asiens, Afrikas, Nord- und Südamerikas sowie des Pazifik.

Einspruch der Stiftung Zukunft

Deswegen wandte sich die Stiftung Zukunft Berlin explizit gegen die Aufstellung des Kreuzes. Das Humboldtforum solle ein „Haus für alle“ werden: „Unterm Kreuz? Das klingt nach 19. Jahrhundert und nach christlicher Leitkultur.“ Dabei solle doch im Humboldtforum an die Kolonialgeschichte erinnert werden.

Noch schärfer wurde die Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Sabine Bangert (Bündnis 90/Grüne) gegenüber der Berliner Zeitung: „Ich finde es problematisch, gewissermaßen unterm Kreuz einen Dialog mit den Kulturen und Religionen der Welt führen zu wollen. Selbst wenn ein Kreuz auf einem ganz profanen Gebäude steht, hat es eine symbolische Bedeutung und Ausstrahlung. Ich halte es nicht für besonders sensibel, eine Spende mit dieser Zweckbindung anzunehmen“.

Erinnerungen einer Witwe

Die „siebenstellige Summe“ soll laut Zeitungsberichten bereits vor zwei Jahren mit der Mäzenin Maren Otto verabredet worden sein. Sie sehe das Kuppelkreuz als Erinnerung an ihren 2011 verstorbene Mann, den Unternehmer und Mäzen Werner Otto. Bis Redaktionsschluss konnten diese Informationen nicht durch die Stiftung Humboldtforum im Berliner Schloss bestätigt werden, ebenso wenig, ob die Spende infolge eines Angebots von Maren Otto oder durch eine Anfrage der Schloss-Stiftung zustande kam.

Allerdings bestätigt sich das Bild dieses vielfach ausgezeichneten Paares, das 2015 etwa die Maren- und Werner-Otto-Stiftung mit fünf Millionen Euro Stiftungskapital an das evangelische Johannesstift übergab.

Profanes Gedenkkreuz

Aus Sicht der Mäzenin handelt es sich vor allem um ein Gedenkkreuz. Diese sind zwar in profanen Zusammenhängen selten, aber historisch nicht ungewöhnlich. Doch warum wurde diese Funktion des Kreuzes von keinem, der zur Verteidigung der Idee antritt, auch nur angedeutet? Möglicherweise um dem Verdacht vorzubeugen, man könne sich in die Erinnerungskultur der Bundesrepublik einkaufen.

Zu dieser Erinnerungskultur nämlich gehören die nachgebauten Schlossfassaden, das hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters oft betont. In der Zeitung Die Welt hat sie sich nun vehement für das Kreuz eingesetzt: Das Humboldtforum solle „ein Angebot“ sein, ein „offenes Haus“. Doch dieses Angebot werde nur „glaubwürdig, wenn wir uns unserer eigenen Wurzeln bewusst sind und sie auch zeigen. Nur wer sich seiner Identität sicher ist, kann dem Anderen Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen.“

Im Wahlkampfmodus

Zweifellos befindet sich Grütters bereits im Wahlkampfmodus. Dass das Schlosskreuz-Thema tatsächlich geeignet ist, konservative bis tiefreaktionäre Stimmen zu mobilisieren, kann auf den Leserbriefseiten gesehen werden. Aber: Gehören deutsche Juden, Nicht-Christen, Muslime, Nicht-Gläubige nicht zu dem „wir“ von Monika Grütters?

Und definiert sich Identität nur über Religion, hat unsere Kultur ihre Wurzeln nicht wenigstens so sehr auch in der französischen, britischen, amerikanischen und deutschen Aufklärung? Warum wird ausgerechnet im Humboldtforum so wenig darüber berichtet werden können? Das Museum Europäischer Kulturen jedenfalls soll nicht mit einziehen.

Botschaft ohne Kapelle

Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, setzt sich ebenfalls für den Kreuznachbau ein, es sei ein Zeichen „der frohen Botschaft des Christentums“, auch wenn sich darunter keine Kapelle befinde. Für die Mäzenin, Grütters und Koch handelt es sich also eindeutig um ein religiöses Symbol. Und damit befinden sie sich im Widerspruch zur Begründung der Schloss-Stiftung, die den Nachbau des Kreuzes als Teil des Fassadenprojekts legitimiert.

Auch die drei Gründungsintendanten Neil MacGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp behaupten gegenüber der Berliner Zeitung: „Das Kreuz muss wie die preußischen Adler an den Fassaden betrachtet werden, die keinen militärischen Bezug mehr bieten. Das sind Aspekte einer historischen Rekonstruktion, die somit ihrer Funktion enthoben sind.“ Erst „das Weglassen des Kreuzes wird dieses religiös politisieren.“

Keine Regeln für Kreuze

Schließlich der Berliner Senat. Er hat kürzlich einer Lehrerin verbieten lassen, einen Fisch-Anhänger zu tragen, weil dieser ein frühchristliches Symbol sei. Am Projekt Berliner Schlossnachbau aber ist Berlin finanziell und organisatorisch beteiligt. Wie dieser Widerspruch aufgelöst werden kann, mochte zunächst niemand beantworten.

Das Kreuz auf dem Schloss bedarf also weiter der Debatte. Ach so: Die Evangelische Landeskirche teilte der Berliner Zeitung übrigens mit, dass es keinerlei Regeln dafür gebe, auf welchem Gebäude ein Kreuz errichtet werden könne.
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