Berlin - Was wir heute unter dem Wort Privilegien verstehen, befindet sich meist genau dort, wo man mit Geld allein nicht hinkommt. Seit kurzem scheint Haareschneiden dazugehören. Während die Salons geschlossen bleiben müssen, spielen Fußballprofis wie gewohnt und bestens frisiert auf. Auf ihren Köpfen ist immer was los. Das hat Empörung ausgelöst und Fragen aufgeworfen. Wie kann es sein, dass die Scheitel in diesen Tagen millimetergenau sitzen? Muss man sich den Stylisten nun als dubiosen Agenten vorstellen, der zum heimlichen Hausbesuch auf Spieleranwesen schleicht? Eben noch eine weitgehend allen zugängliche Dienstleistung, ist die fachgerechte Frisur nun zu einem Luxusgut geworden, für das es gute Beziehungen und einen Schuss krimineller Energie benötigt. Ein Privileg im Sinne eines verbürgten Rechtsguts ist der Friseurbesuch nicht, und doch werden derzeit viele Dinge, die zu erlangen es gerade einer besonderen Gunst bedarf, als solche behandelt. Mit den Haaren wächst in der Pandemie auch das Unbehagen über soziale Ungleichbehandlung.

Zum besseren Verständnis solcher Gefühlslagen hilft vielleicht ein soziologischer Exkurs. In seinem Buch „Die Erlebnisgesellschaft“ hat Gerhard Schulze zu Beginn der 90er-Jahre die Bundesrepublik als eine im kulturellen Übergang befindliche Gesellschaft beschrieben. Ging es in beiden deutschen Staaten zunächst darum, die Bedingungen des Überlebens zu sichern und zu festigen, so vollzog sich in der sogenannten Konfliktphase der späten 60er-Jahre auch eine Ausdifferenzierung der Lebensstile, die zugleich an politische Überzeugungen geknüpft waren.

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