Caroline Hartig als Emma Müller in einer Preview-Szene aus „Schattenmoor“. 
Foto: ProSieben/Andre Kowalski

Ein Mädchen flüchtet panisch mit einer Videokamera durch einen Wald am See, stürzt und wird von einem schwarz gekleideten Verfolger gestellt. Ein Mädchen, das neu ins noble Schulinternat „Schattenmoor“ einzieht, wundert sich, dass alle sie anstarren: Denn Emma sieht genau so aus wie die seit Wochen verschwundene Ann-Sophie, die Flüchtende aus dem Wald.

Caroline Hartig spielt eine Doppelrolle. Der Schatten der Doppelgängerin scheint Emma zu verfolgen. Mit immer drastischeren Zeichen wird ihr ein Countdown angezählt: Mal ringelt sich eine Schlange aus ihrem Schrank, mal blutet sie unter der Dusche.

Filmstoff basiert auf neuseeländischem Format

Die ersten Szenen mit der Flucht und der Ankunft im Internat waren als „Preview“ schon am 1. Dezember auf Pro Sieben zu sehen. Am Mittwoch läuft der Thriller komplett. Bis zum Wochenende hatte der Sender sieben weitere Häppchen des Films ins Netz gestellt. Die immer kürzeren Schnipsel ergaben zusammen etwa 80 Minuten, rund drei Viertel des Films.

Senderchef Daniel Rossmann verspricht „neue Erzählformen“ und ein „einzigartiges Seherlebnis“. Starke Worte von einem Sender, der sieben Jahre lang nicht einen einzigen Spielfilm mehr produziert hatte. Bis 2007 liefen noch regelmäßig Filme unter dem Logo „Made by Pro Sieben“, ein Neuanfang 2012 wurde rasch wieder beendet.

„Schattenmoor“ ist nun keine eigene Erfindung, sondern basiert auf dem neuseeländischen Format „Reservoir Hill“, das 2010 einen Emmy bekommen hatte, dank seiner originellen Interaktivität. Zuschauer konnten in Rollen schlüpfen und Hinweise zur Fortführung geben. Das Mitspielen hält sich bei „Schattenmoor“ online in Grenzen: Zuschauer können sich die Instagram-Profile der Figuren angucken und in jedem Schnipsel eine extra Rückblende dazu wählen, in der Emma sich in Ann-Sophie verwandelte.

Insgesamt bauten die Preview-Häppchen nicht etwa mehr Spannung auf, sondern nervten immer mehr. Die Figuren, die die beiden Autoren Marvin Machalett und Ben Zwanzig hier aufbieten, scheinen aus dem Baukasten amerikanischer Teenie-Dramen zu stammen. So tritt Ann-Sophie in den Rückblenden stets als arrogante, intrigante „Bitch“ auf, ein Mathe-Genie mit großer Brille ist das „Brain“.

„Ich bin schon ganz fucking unten!“

Ebenso störend ist die forcierte Jugendsprache. Selbst die natürliche Emma sondert ständig Sätze ab wie „Ich bin schon ganz fucking unten!“ Recht penetrant stellt die Jugendserie den Sex in den Vordergrund: Mal zwischen den Schülern, mal mit dem Kunstlehrer (Max von Thun). Das Thema immerhin hat Tradition bei Pro Sieben, frühere Filme hießen „Sex Up – Jungen haben’s auch nicht leicht“, „Geile Zeiten“ oder „Tote Hose – Kann nicht, gibt’s nicht“.

Sowohl die jungen Darsteller wie Caroline Harting, David Hugo Schmitz oder Timur Bartels als auch Regisseur Marc Schießer durften schon stärkere Talentproben abliefern. Marc Schießer war Autor und Regisseur der Serie „Wishlist“, die bei Funk zu sehen ist und den Grimme-Preis gewann. Dort war das Smartphone nicht nur, wie in „Schattenmoor“, ein Mobbing-Mittel, sondern stellte die moderne Existenz in Frage: Wer sich über die „Wishlist“-App etwas wünschte, der musste bezahlen – je größer der Wunsch, desto härter die Gegenleistung. Das sprach nicht nur Jüngere an – „Schattenmoor“ aber lässt zumindest die älteren Zuschauer kalt.