Berlin - Eines gleich vorweg: Ich habe es überlebt, das Football-Training bei den Berlin Rebels. Sonst hätte ich diese Zeilen hier nicht schreiben können. Aber der Reihe nach.

Nein, ein Fan des American Football bin ich wahrlich nicht. Ich gehöre nicht zu den Typen, die nachts extra lange aufbleiben, um eines der vielen Spiele live zu sehen. Wenn sich meine Arbeitskollegen über die National Football League (NFL), die beste Liga der Welt, austauschen, kann ich oft nicht mitreden. Die Saints, die Rams, die Chiefs, die Patriots – alles schon mal gehört, klar. Bei den genauen Regeln oder gar Spielzügen hört es aber auf.

Wie fühlt sich ein Tackling an?

Und trotzdem mag ich den Sport. Es fasziniert mich, wenn diese echten Kerle ihre zentnerschweren Körper in die Zweikämpfe reinwerfen. Immerhin gehöre ich zu den 900 Millionen Menschen weltweit, die an diesem Wochenende, in der Nacht von Sonntag zu Montag vor dem Fernseher sitzen. Pünktlich zum Super Bowl bin auch ich da, glänze mit vorher angelesenem, unnützen Wissen. Etwa dass 1,3 Milliarde Chicken Wings an diesem „Feiertag“ in den USA verschlungen werden, dass 120 Millionen Liter Bier konsumiert werden oder dass sich sechs Prozent mehr Amerikaner als sonst an einem Montag üblich nach dem Super Bowl krankmelden. In Atlanta tragen die Los Angeles Rams und die New England Patriots um 0.30 Uhr unserer Zeit das 53. Endspiel der NFL aus.

Wie fühlt es sich an, krachend in ein Tackling reinzugehen, wenn man vom Gegner robust zu Boden gebracht wird? Ich habe es ausprobiert. Wenige Stunden, bevor ich mich ins Getümmel werfen werde, rufe ich noch einmal bei Anne Kadler durch. Die gebürtige Potsdamerin arbeitet seit 2015 für die Hauptstadt-Footballer. Die Rebels spielen in der German Football League (GFL). Anne Kadler betreut die Social-Media-Seiten der Rebels, organisiert Auswärtsfahrten, bucht ab und an Flüge – alles ehrenamtlich natürlich. „Football ist bei uns in weiten Teilen ein Amateursport“, sagt sie. Was in den USA ein Milliardengeschäft und die beliebteste Sportart, ist in Deutschland nur eine Randerscheinung. Noch.

„Die Jungs freuen sich schon auf dich”

Ich könne mich auf etwas gefasst machen, sagt Anne. Ich fühle ihr Grinsen regelrecht durch das Telefon. „Die Jungs freuen sich schon auf dich!“, sagt sie. Ob es eine Drohung ist? „Sven meinte zu mir: ,Super, den Reporter werde ich gleich mal tacklen’“. Okay, es ist eine Drohung.

Was sich wenige Stunden später nämlich herausstellen soll: Sven Skora ist natürlich nicht 1,78 Meter groß, er wiegt auch keine 75 Kilo. Nein. Er ist 135 Kilo schwer, 1,90 Meter groß und treibt in der Offensive Line sein Unwesen. Als Center ist er der persönliche Beschützer des Quarterbacks, also dem zentralen Spielgestalter; der Center pflügt alles um, was ihm in den Weg kommt. „Ich warne dich – der Sport macht süchtig“, sagt er, zieht seine Handschuhe an und klatscht mit der flachen Hand auf meinen Helm.

Die Rebels sind eine Sparte des SC Charlottenburg und existieren seit 1987. Zurzeit trainieren sie in der Sporthalle am Halemweg. In der Off-Season bereiten sich die Berliner Football-Asse drinnen auf die anstehende Saison vor – bis Ende Februar noch. Anders als in den USA wird Football hierzulande im Frühjahr und Sommer ausgeübt.

Wie ein allmächtiger Türsteher

Kim Kuci ist seit 2011 der Headcoach der Rebels. Ob wir uns im Anschluss noch mal in Ruhe über die Sportart unterhalten können, frage ich ihn, noch bevor das Training startet. „Wenn du das danach noch kannst: gerne…“, sagt er und zwinkert mit den Augen. Wieder so eine unterschwellige Drohung.

Los geht’s. Clifford Madison, 56, ist einer der zehn Coaches. Der US-Amerikaner trainiert die Quarterbacks und bläst in die Trillerpfeife. „Come on, guys!“ Die 50-köpfige Truppe gerät in Wallung. Zunächst drehen wir Runden, zehn an der Zahl. Ich schwitze schon jetzt mehr als nach zehn Minuten auf dem Laufbahn. Die Ausrüstung und der Helm sind schwer, wiegen etwa fünf Kilo. Dann bleiben wir stehen, klatschen plötzlich rhythmisch in die Hände. Durch meinen Helm höre ich nur ein dumpfes Kauderwelsch. Irgendein Schlachtruf auf Englisch. Irre laut. „Break Down!“ vermutlich. Weiter geht’s. Wir ziehen Sprints, üben unsere Beinarbeit.

Ständig wird abgeklatscht

Was Off-Season bedeutet, das merke ich schnell: Kondition, Ausdauer, Schnelligkeit. Armin Khavari ist Defensive-Coach der Rebels. Ich werde ihm zugeteilt. Er zeigt mir zunächst die Grundausrichtung: Knie gebeugt, fester Stand, Rücken gerade, tiefer Schwerpunkt. Dann bin ich dran. Ich soll meinen Gegenspieler aufhalten. Mit den breiten Schulterpads und dem Helm fühle ich mich irgendwie stärker, breiter, mutiger. Wie ein Türsteher, der feierwütige Disco-Besucher reihenweise abserviert. Als Handballer bin ich Körperkontakt durchaus gewohnt. Deshalb werfe ich meine 95 Kilo mit aller Kraft in den Zweikampf. Rumms! Helm an Helm. Es kracht! Mit meinen Händen versuche ich, den Gegenspieler, der das Lederei wie sein eigenes Baby hütet, wegzudrücken. „Gut so“, sagt Armin. Meine neuen Kollegen klatschen mit mir ab, grinsen. Sie wissen, dass mein Gegenspieler nur 30 Prozent seiner Leistungskraft aufgebracht hat.

Was auffällt: Ständig wird abgeklatscht. Nach jeder Aktion, jeder Übung. „Es gibt zwei Dinge, die bei uns großgeschrieben werden: Vertrauen und Verlass“, sagt Kuci. Football sei ein Teamsport, in dem Loyalität großgeschrieben wird. „Jeder Spieler ist wichtig, jede Position muss ineinandergreifen. Es kann für dich schmerzhaft werden, wenn der andere die Arbeit nicht macht. Man zieht gemeinsam in den Kampf.“

Ein Sport für jedermann

Was der Vorteil am Football ist? „Jeder kann mitmachen“, sagt Kuci, „auch der Dicke, den beim Schulsport keiner im Team haben wollte. Genauso die Kleinen, Langen, Schnellen, Dünnen, Langsamen, Kräftigen.“ Man könne für jeden die richtige Position finden. Auch für mich? „Athletisch bist du. Dir fehlt aber das Spielverständnis. Wir müssten noch eine Menge üben…“

„Und, wann kommst du wieder?“, fragt Sven, der mich – Gott sei Dank! – nicht wie angekündigt robust zu Boden gebracht hat. Ich habe es überlebt und bin glücklich, dass ich am Tag darauf nicht humpelnd, sondern nur mit einem fiesen Muskelkater in den Beinen, durch die Redaktion laufen muss. Svens Frage ließ ich erst einmal unbeantwortet…