Die Volksbühne unter der neuen Leitung von Intendant Chris Dercon und Programmleiterin Marietta Piekenbrock hat nun all ihre Spielstätten in Betrieb genommen. Die Kritik zu den ersten Hervorbringungen war gespalten, oder sagen wir einmal so: Der Eröffnungsaufschlag war nicht von einer künstlerischen Wucht, die ausgereicht hätte, den grundsätzlichen Streit, die Strukturdebatte aus der Welt zu schaffen. Als Kernpunkt des Konfliktes hat sich die Frage herauskristallisiert, ob die Volksbühne nun als Ensemble- und Repertoiretheater abgewickelt wurde und als ein Plattformtheater, ein Produktionshaus, ein Festspielhaus wieder aufgemacht hat. Wurde also ein Systemwechsel verschleiert? Wäre er diskutabel? Oder bleibt strukturell alles, wie es war? Wir trafen Marietta Piekenbrock zu einer knappen Stunde intensiver Begriffsarbeit.

Frau Piekenbrock, die Eröffnung der Volksbühne ist vollbracht. Man kann nun ein bisschen die Tendenz sehen: Es geht deutlich weg vom Sprechtheater und vom Schauspieler…

Man kann es auch positiv formulieren: Es geht ja auch hin zu etwas, wir erweitern das Spektrum.

So eine Erweiterung hat Einfluss auf die Betriebsstrukturen. Ist das nun ein Systemwechsel oder nicht?

Ich würde das nicht Systemwechsel nennen. Wir wollen aus diesem Haus kein Produktionshaus machen. Wir sind ein Staatstheater. Die Volksbühne ist ein Haus mit großartigen Handwerksbetrieben, mit einer sehr leistungsfähigen Infrastruktur, die für die Entstehung von Kunst essenziell ist. Und so ist auch unser Spielplan ausgerichtet. Und da zielen Vokabeln wie Systemwechsel, Plattformtheater, Festivalstrukturen, zusammengekaufter Spielplan ins Leere – das ist ein Gewitter an Ängsten und Vorwürfen, die nicht zutreffen auf das, was Chris Dercon und ich vorhaben.

Ist denn die Volksbühne geeignet für das, was Sie vorhaben?

Die Volksbühne ist eines der hierfür geeignetesten Theater in Europa. Es ist eines der freiesten Theater. Das fängt damit an, dass es keine Abonnementstruktur gibt, die Werkstätten sind unabhängig, dass es ein relativ junges Haus ist, hervorgegangen aus einer der wichtigsten kulturpolitischen Graswurzelbewegungen. Die Gründungsgeschichte hat vorweggenommen, was Brecht 1936 mit seinem Begriff vom Bevölkerungstheater mitgemeint hat. Und es war immer ein Künstlertheater, von Künstlern geleitet. Die Herstellungszusammenhänge waren sehr gezielt und sensibel auf die Produktion ausgerichtet. Diese absolute, wochenlange Konzentration auf eine Produktion , das können sich die wenigsten leisten. Diese Freiheit, diese Fähigkeit zur Hingabe ist etwas ganz Besonderes. Deshalb sind die Strukturen hier schon immer freier gehandhabt worden als anderswo.

Wenn es kein Systemwechsel ist, als was würden Sie es bezeichnen, wenn über die Hälfte der Ensemble-Stellen abgebaut werden.

Strukturell haben wir die Stellen im Haushaltsplan gestrichen, das ist richtig. Wir sind von 27 Stellen auf elf gegangen, genauso viele wie Frank Castorf besetzt hatte. So hat er sich einen großen Spielraum geschaffen für Gäste und für feste Gäste. Das ist auch für unsere Künstlerinnen und Künstler eine Voraussetzung. Mit einem festen Ensemble und all den Vorabsprachen, die daraus erwachsen, könnten wir einen international ausgerichteten Mehrsparten-Spielplan, nicht gestalten. Wir wussten, wir haben diese elf Stellen, die wir auch wieder aufbauen wollen. Aber der Ensemble-Gedanke ist nicht das Zentrum unserer Programmidee.

Wozu brauchen Sie dann die elf Stellen überhaupt?

Wir sind froh darüber, dass wir als Institution einzelnen Schauspielerinnen und Schauspielern dieses Angebot an Kontinuität, Bindung und Sicherheit machen können – sofern das überhaupt gewünscht wird.

Warum haben Sie dann die zwar nicht besetzten, aber doch vorhandenen Stellen abgebaut? Sie hätten sozial abgesicherte Arbeitsplätze im immer prekärer werdenden Kulturbereich erhalten und wieder aufbauen können.

Wir sind uns bewusst, dass wir hier kulturpolitisch ein schwieriges Terrain betreten. Wir haben uns aber in Europa zurecht darauf geeinigt, dass unsere Gesellschaften Differenz aushalten und gestalten müssen. Infolge müssen wir auch akzeptieren, dass sich die Grenzen eines Ensembles zu verschieben beginnen zugunsten von mehr Diversität. Wichtig dabei ist natürlich, was wir mit den Budgets tun, die hinter den abgebauten Stellen liegen. Wir werden mit dem Geld nicht die Kantine renovieren, sondern die Gagen unserer Gäste zahlen.

Für die gestrichenen Stellen wird die Kulturpolitik in Zukunft keine Tarifsteigerungen ausgleichen. Damit wird der künstlerische Etat geschmälert.

Das wäre ungerecht, aber steht zu befürchten.

Worin unterscheidet sich die Volksbühne, die Ihnen vorschwebt, von einem Produktions-, Gast- und Festspielhaus wie dem HAU?

Das HAU gehört in eine Gruppe von vielleicht nicht luxuriös, aber doch ganz gut aufgestellten Produktionshäusern, aber sie stoßen bei größeren Produktionen, wie wir sie zeigen, schnell an ihre natürlichen Grenzen, räumlich, budgetär und was die Probenzeiten auf der Bühne anbelangt. Da konnte die Volksbühne immer schon sehr großzügig sein. Das wollen wir aufrechterhalten. Für die Kunst ist es wichtig, dass wir in längere Probenzeiten und damit in die Qualität von Aufführungen investieren. Im Grunde ein Gegenmodell zu durchökonomisierten Produktionsprozessen.

Also der Unterschied zu einem Produktionshaus ist, dass Sie besser ausgestattet sind?

Ja natürlich. Die Theater und Museen sind die letzten Wunderkammern unserer Gesellschaft, wo Kultur und Handwerk zusammenkommen. Wo Sie eine Idee im eigenen Haus initiieren und umsetzen können. Und dann können Sie das Ergebnis in einem groß aufgefächerten Repertoire oder nennen Sie es Archiv oder Sammlung bewahren. Wir werden das System öffnen, aber nicht wechseln oder abbauen. Wir arbeiten unter denselben Bedingungen, unter denen Castorf auch gearbeitet hat. Wir haben denselben Etat, dabei haben wir die Spielstätten um den Grünen Salon und Fullscreen, die Internet-Spielstätte, erweitert und erhalten diese von Frank Castorf praktizierte Flexibilität im Ensemblebereich.

Bleibt die Tatsache, dass diese Ensemblestellen gestrichen wurden und die erhaltenen noch nicht besetzt sind.

Wir werden diese Stellen langsam besetzen, aber die Bedingungen waren so, dass ich Künstlern nicht raten konnte, so einen Vertrag mit uns zu unterschreiben. Auch in diese Richtung funktioniert Arbeitgeberverantwortung: Wer bricht seine Zelte ab, um zu uns zu kommen, wenn man nicht wissen kann, ob wir in einem halben Jahr noch da sind. Versetzen Sie sich mal in unsere Lage.

Lieber nicht, aber Sie hatten doch einen Fünfjahresvertrag…?

Abgesehen vom Intendanten arbeitet hier jeder künstlerische Mitarbeiter mit einem jährlich kündbaren Vertrag. Der kulturpolitische Wechsel hat uns in eine sehr fragile Situation gebracht. Schon im Wahlkampf hat Klaus Lederer sehr explizit sein kritisches Verhältnis zur neuen Volksbühnenleitung thematisiert. Als er ins Amt wechselte, verloren wir den kulturpolitischen Willen und Impulsgeber für diese Art von Theater.

Manchmal pfuscht einem die Demokratie in die Pläne…

Ich will mich darüber nicht beschweren. Klaus Lederer beschloss öffentlich, die Personalie Dercon zu überprüfen. Diese Prüfung zog sich hin. Ein halbes Jahr verging, in dem wir keine Verträge unterzeichnen konnten. Da bewegen Sie niemanden zu einer Lebensentscheidung, vielleicht mit der Familie nach Berlin zu kommen. Unsere Verantwortung war es zu warten, bis sich alles beruhigt hat. Wir haben uns dann erst einmal nur auf die erste Spielzeit konzentriert. Das alles festzuhalten, diese Situation auch nach innen zu stabilisieren, das war und bleibt ein hartes Stück Arbeit.

Was genau wollte er denn prüfen?

So nah bin ich ihm nicht gekommen, aber es waren viele von außen hereingetragen Fehlinformationen auszuräumen. Dass nur noch Englisch gesprochen wird, dass sich niemand für das Theater interessiert, dass wir die Werkstätten nicht brauchen, dass wir die Reinigungskräfte outsourcen wollten. Das waren Kampagnenfantasien. Das muss alles mühevoll ausgeräumt werden, auch in der Kommunikation nach innen. Man kann sich kein Vertrauen kaufen, das muss man sich erarbeiten.

Irgendwann wurde beschlossen, man sei sich einig, dass man sich nicht einig sei. Heißt das, dass Lederer Ihre Pläne nun abgesegnet hat?

Wir fühlen uns jetzt erst einmal legitimiert. So legen wir auch los. Der Wechsel einer künstlerischen Leitung hat ja nur Sinn, wenn es einen Willen zur Veränderung gibt. Jeder Wechsel ist verbunden mit einer Veränderung der Ästhetiken, der ein- und ausgehenden Künstler.

Können Sie verstehen, dass man nach der späten Eröffnung des Stammhauses und dem löchrigen Spielplan mit wenigen Eigenproduktionen und durch die Tatsache, dass die Ensemblestellen noch immer nicht besetzt sind, weiterhin zweifelt, ob die Volksbühne noch immer ein funktionierendes Theater ist?

Wir sind ein funktionierendes Theater. Wir haben in den ersten 100 Tagen begonnen, ein neues Repertoire aufzubauen. Es ging erst einmal darum, die Grundrisse unserer Ästhetik abzustecken und zu sagen Voilà. Das ist uns gelungen. Wir haben die Wette angenommen, und daran möchten wir jetzt auch gemessen werden.