Es ist aber auch verflixt! Wer einmal den Ruf weg hat, lahm, alt und mutlos zu sein, kann viel tun, um das Gegenteil zu beweisen. Es bleibt immer eine Verteidigungsstrategie. Im letzten Halbjahr hat sich die Führungsriege vom Lerchenberg regelmäßig den Vorwürfen derjenigen gestellt, die ihre Rede auf das ZDF-Programm oft mit dem Satz schließen: „... und deshalb gucke ich schon lange kein Fernsehen mehr.“ Wie an diese Leute überhaupt noch rankommen? Jeder Callcenter-Telefonist lernt in seiner Mitarbeiterschulung, dass man am besten erst einmal eine sogenannte Zustimmungsfrage stellt: „Zahlen Sie nicht auch mehr Steuern, als Ihnen lieb ist? Hätten Sie nicht auch lieber eine noch schnellere DSL-Leitung?“ Ärgern Sie sich auch über die Mutlosigkeit des ZDF?“

Das ZDF kennt die Vorwürfe

Das erste Ja, das so provoziert wird, schafft Gemeinsamkeiten, wo bis eben noch keine waren. Menschen sind so. Auch die der Generation Hashtag. Und die Chefs vom Lerchenberg mögen vielleicht in den Augen der Internetuser alt, lahm und mutlos sein, blöd sind sie aber nicht. Deshalb ließ sich Intendant Bellut von der ZDFinfo-Sendung „Log in“ zu der Zustimmungsfrage einladen: „Ist das ZDF von gestern?“ Zwei Monate später kam Chefredakteur Peter Frey mit der Frage: „Ist das Netz zu schnell fürs Zweite?“ und am Dienstag machte nun Programmdirektor Norbert Himmler mit „Fehlt dem ZDF der Mut?“ der Social Comunity seine Aufwartung.

Die Einspielfilme, die den Fragerunden voranstanden, schlugen gleich einen so hundsgemeinen Ton an, dass niemand übersehen konnte: Das ZDF kennt die Vorwürfe und den Sound, in dem sie vorgetragen werden: „Wetten, dass ..?!“ ist überflüssig, der „Fernsehgarten“ altmodisch, Markus Lanz peinlich. Eine ZDF-Botschaft, die mit den Worten schließt „Der Nerv des jungen Publikums wird zu selten getroffen“, machte es dem Spiegel-Online-Kritiker Georg Diez denkbar schwer, selbst noch jung, relevant und originell zu sein. So verlegte sich Diez auf seine unangreifbare Generalthese, das ZDF sei eine „hocheffiziente Ideenvernichtungsmaschine“. Das ist nämlich eine ziemlich schlaue Behauptung, denn man muss und kann sie ja am Programm gar nicht belegen. Wo die Ideen bereits auf Redaktionsebene vernichtet sind, kann der Kritiker – logisch! – sie im Programm gar nicht erst nicht finden. Ein herrlich sicherer Zirkelschluss.

Digital Natives schauen zeitsouverän und plattformunabhängig

Der zweite Kritiker, den sich das offene „Log in“-Sendungskonzept leistete, ist selbst ein mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Fernseharbeiter. Er hat schon berufsbedingt immer die Quote im Blick, auch wenn Oliver Kalkofe von Norbert Himmler nun fordert, US-Premium-Serien wie „Mad Men“ (auf ZDFneo) oder „Breaking Bad“ (auf Arte) im Hauptprogramm statt im „Nebenkanal“ (Kalkofe) auszustrahlen und dafür die „Sokos“ in den Nebenkanal zu stopfen. Bei Lichte betrachtet ist das ziemlich kontraproduktiv: Die Traditionszuschauer, die das „Forsthaus Falkenau“ so schmerzlich vermissen, dass sie dem Programmdirektor Himmler körbeweise schreiben – „keine Mail, sondern Briefe, wohlgemerkt!“ – schauen linear fern.

Nur wenn etwas zur richtigen Zeit im richtigen Programm läuft, wird es auch registriert. Die Digital Natives schauen zeitsouverän und plattformunabhängig in den Mediatheken fern. Sie finden das Fernsehprogramm über die Suchmaschinen, egal, wo es ursprünglich mal ausgestrahlt wurde. Programmdirektor Himmler nutzte Kalkofes Eigentor sofort aus und wies darauf hin, dass alle öffentlich-rechtlichen Sender vom ZDF bis zu Arte gleichermaßen überall frei empfangbar sind. Man muss nur einschalten. Wo also ist das Problem?

Seit das Internet den Bewegtbildkonsum globalisiert hat und alle TV-Inhalte zeitsouverän zur Verfügung stellt, ist die Medienlandschaft in zwei Kontinentalplatten zerfallen. Alle haben zwar noch die gleiche (Tele)Herkunft, woran der dritte Login-Gast Nilz Böckelberg wortreich erinnerte. Der ehemalige Viva-Moderator betreibt heute einen eigenen Youtube-Kanal. Er ist also seinem eigenen medialen Bedeutungsverlust entkommen, indem er im Moment des Auseinanderdriftens der Kontinentalplatten noch eben auf die andere Seite gewechselt hat. Bökelberg wird gerne zu TV-Sendungen über Social Media eingeladen, weil er auf beiden Plattformen bekannt, also ein sicherer Zustimmungsfaktor ist.

Mit seinem Callcenter-Konzept hat „Log in“ alles richtig gemacht. Die Show erzielte hohe Zustimmung vor allem bei den Jungen. 60 000 Zuschauer unter 49 Jahre sind nämlich für ZDFinfo eine richtig gute Quote. Aber inhaltlich ist nichts Wegweisendes dabei herausgekommen. Norbert Himmler hat seine Programmstrategie gut verteidigt, aber eben doch verteidigt. Dass der ZDF-Programmdirektor sich live kritisch befragen lässt, ehrt ihn, wird aber kein Strukturproblem lösen.

Auf der Suche nach einer Idee

Vielleicht käme man weiter, wenn Himmler die digitale Schwarmintelligenz anzapfen würde: Statt sich zu verteidigen, könnte Himmler dann seinerseits fragen: „Jung, schnell, innovativ – wie soll euer Fernsehen aussehen?“ Irgendeiner wird schon eine gute Idee haben. Oder etwa nicht? Die Posts auf der Website von „Log in“ lassen leise Zweifel aufkommen, wenn zum Beispiel ganz ironiefrei empfohlen wird, doch die ARD-Serie „Auf Achse“ im Nachmittagsprogramm des ZDF zu zeigen. Wenn aber auch auf der anderen Seite keiner bessere Lösungen hat, würde das zwar zu einer Versachlichung der ganzen Programmdebatte führen. Der Quote von „Log in“ täte das sicher freilich weniger gut als die bisher geübte Zustimmungsrhetorik. Wozu also der Aufwand? Schimpfen wir doch einfach weiter.