Hussam Mohammed steht vor dem Ischtar-Tor im Pergamonmuseums. Er erzählt angeregt, fährt mit seinen Händen die Ausstellungsstücke entlang, beantwortet Nachfragen, lächelt. Er zeigt auf eine Karte des Nahen Ostens. Babylonien, der heutige Irak, von dort stammt das Ischtar-Tor – genau wie Hussam Mohammed selbst.

Der 29-Jährige kam vor zehn Jahren aus Bagdad zum Studieren nach Berlin. Er ist geblieben. Die Bomben der Alliierten, der Bürgerkrieg und später der Terror der Schergen des sogenannten Islamischen Staates: Mohammed sah für sich keine Perspektiven in seiner Heimat. Derzeit studiert er vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität. Kürzlich hat er einen Aushang gesehen, gesucht wurden „Guides“, die Gruppen von Geflüchteten regelmäßig durch drei Berliner Museen führen: Das Pergamonmuseum, das Deutsche Historische Museum und das Museum für Islamische Kunst. Letzteres hat das Projekt „Multaka“, zu Deutsch „Treffpunkt“, ins Leben gerufen, gefördert vom Bundesfamilienministerium.

Flüchtlinge für Flüchtlinge

Mohammed ist nun einer von insgesamt 19 Museums-Führern; bis auf ihn sind alle innerhalb der letzten Monate nach Berlin gekommen, Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak. Zwölf Leute haben sich um Mohammed versammelt, er redet schnell, nur manchmal wird er von einem älteren Herren unterbrochen, der offenbar viele Nachfragen hat. Die Führung findet auf Arabisch statt, ausschließlich auf Arabisch, nur wenige Flüchtlinge sprechen bereits gut genug Deutsch (oder auch Englisch bzw. Französisch), um den Erklärungen zum antiken Milet und Keramiken aus Syrien in einer regulären Führung folgen zu können.

Einer beherrscht die deutsche Sprache aber doch schon, Ghaith Konjoue, 35 Jahre alt, aus Latakia in Syrien. Seit acht Monaten lebt der Geographielehrer in Deutschland, er hat bereits mehrere Sprachkurse absolviert. „Ich bin erst zum zweiten Mal in meinem Leben in einem Museum“, erzählt er. Und es sei „lustig“, dass er sich hier in Berlin ausgerechnet Exponate seiner Zivilisation und Geschichte ansehe, aus dem Nahen Osten, aus Syrien.

Viele aus der Gruppe hätten gefragt, warum und seit wann all diese Dinge in Berlin wären. „Ich glaube, das ist nicht wichtig. Es ist gut“, erklärt Konjoue, „dass die Denkmäler in Sicherheit sind, in Syrien wurde schon so viel zerstört.“ Darüber hinaus sei es schön, dass alle Besucher sich hier einen Eindruck von der reichen Kultur des Nahen Ostens machen können, seiner Kultur. „Wir sind nicht nur ein Land, in dem Krieg herrscht, das wird im Museum deutlich.“

Grundversorgung an Kultur

So wie Konjoue scheinen alle Teilnehmer dankbar zu sein für die Möglichkeit, das Museum zu besuchen. Was ihnen hier geboten wird, geht über eine Grundversorgung mit materiellen Gütern hinaus. Es ist eben auch die Grundversorgung mit Kultur, die einem Menschen Würde gibt. Die eine Stunde, die für die Führung angesetzt ist, reicht denn auch nicht aus, es werden beinahe zwei. Selbst die Kinder, allesamt Mädchen, sehen nach einer Stunde noch nicht so aus, als würden sie sich langweilen. Es wird gefragt und diskutiert.

Aber nicht nur an der Ausstellung erfreuen sich die Arabisch sprechenden Besucher, der Ausflug selbst bereitet ihnen Freude, ganz unterschiedliche Menschen lernen sich kennen, tauschen sich aus und albern herum. Am Ende der nachgestellten Prozessionsstraße des Ischtar-Tors stehen zwei junge Männer einander gegenüber, strecken ihre Arme aus und posieren. Sie machen nicht etwa Bilder voneinander, sondern Selfies mit ihren Handys. Ohnehin wird die ganze Zeit geknipst und gelacht, so wie es auch ganz normale Schulklassen in Museen tun.

Spuren der Flucht?

Dann aber gibt es Momente, in denen die Männer ganz still werden. Wenn jemand auf sie zugeht, weichen sie zurück, spricht Hussam Mohammed zu ihnen, nicken sie bloß. Manchmal, auf den zweiten Blick, ist zu erkennen, dass diese Besuchergruppe anders ist, dass Krieg und Flucht Spuren hinterlassen haben. Zum Beispiel ist da der Familienvater, der von seiner jungen Tochter immer wieder unter dem Arm gestützt werden muss oder der ihr Gesicht auf den Gruppenfotos verdeckt hält. Eine ihrer Gesichtshälften zeichnet ein Brandmal oder eine Narbe. Ist es Angst oder Scham?

„Wir wollen den Menschen auch wieder Hoffnung geben“, sagt der Guide Hussam Mohammed. Im Deutschen Historischen Museum gehe das besonders gut. „Wenn die Besucher sehen, wie zerstört Deutschland nach 1945 war, dann fangen sie womöglich an, daran zu glauben, dass sie auch ihr Land wieder aufbauen können“, sagt Mohammed.

Als nach fast zwei Stunden die Führung offiziell vorbei ist, bleibt die Gruppe kurz beisammen. Gehen möchte noch keiner.