Der Bezirksstadtrat ist Presseberichten zufolge nicht gegen die Tiger-Käfige neben dem Gorki-Theater. Er wird aber wegen des Transparents mit der Zeile „Flüchtlinge fressen“ gegen die Veranstaltung vorgehen. Der Grund? An dem Wort Flüchtlinge sei zu erkennen, dass es sich nicht um Theater, nicht um Kunst, sondern um eine politische Demonstration handele. Die Veranstaltung sei aber als Theater-Event und nicht als politische Versammlung genehmigt worden.

Manchmal hilft es, sich eine Sache anzusehen, bevor man ein Urteil über sie fällt. Am Montag hatte das Zentrum für politische Schönheit zu einer Pressekonferenz eingeladen, bei der die erste Person vorgestellt werden sollte – sieben sollen sich bereits gefunden haben –, die bereit wäre, sich von den Tigern zerfetzen zu lassen. Wenn der Bundestag nicht § 63, Abs. 3 Aufenthaltsgesetz abschafft. Der zwingt nämlich Beförderungsbetriebe – Luft- und Schifffahrtslinien – nur Menschen zu transportieren, die gültige Reise- und gegebenenfalls Aufenthaltspapiere (Visa) haben. Der Flüchtling, der diese Papiere nicht hat, der ist Schleusern ausgeliefert. Die Toten im Mittelmeer sind Mordopfer. Der Mörder ist eine EU-Richtlinie aus dem Jahre 2001. Sie war eingeführt worden, um ein paar Hundert Terroristen den Weg nach Europa zu erschweren. Jetzt verwandelt sie das Mittelmeer in ein Massengrab für Zehntausende Flüchtlinge.

Ein Gesetz, das Menschen tötet

Das Zentrum für politische Schönheit will uns klarmachen, dass dieses Gesetz Menschen tötet, dass wir dieses Gesetz abschaffen müssen, wenn wir aufhören wollen, Mörder zu sein. Die Arena vor dem Gorki-Theater beherbergt jetzt schon Tiger. Wenn der Bundestag den Flüchtlingen nicht ermöglicht, über die Schlepperbanden hinweg, von Izmir nach Tegel zu fliegen, dann werden sich Freiwillige den Tigern in der Arena stellen. Wir werden zuschauen. Wie die Bürger Roms den antiken Gladiatorenkämpfen. Der Überlebenskampf der Flüchtlinge wird auf diese Weise, aus dem fernen Mittelmeer von den Bildschirmen ins Zentrum Berlins verlagert. Wir sollen gezwungen werden hinzuschauen.

Das sei zynisch, heißt es. Zunächst einmal zeigt es den real herrschenden Zynismus. Die Politik setzt, wie auch die unter uns, die die Mahnung des Finanzamts erst einmal in die Schublade zu den anderen Mahnungen legen, auf das Prinzip: Aus den Augen aus dem Sinn. Man muss die unangenehme, die brutale Wahrheit nur weit genug wegschieben, dann gerät sie in Vergessenheit. Gegen dieses Prinzip macht das Zentrum für politische Schönheit Theater. Es macht ein Theater, das immer auch Politik ist, ein Theater also, das Inhumanität beseitigen und Humanität fördern möchte. Es macht das mit drastischen Mitteln. Das Zentrum für politische Schönheit weiß, dass der Erkenntnis, damit sie uns wirklich erfasst, der Schock vorangehen muss darüber, dass wir die Wirklichkeit nicht erkannt, nicht gesehen, systematisch ausgeschlossen hatten.

Theodor W. Adorno erzählte, wie er einmal in Los Angeles bei einem Empfang vor Charlie Chaplin stand und wie der ihn und seine Art, den Gastgeber zu begrüßen, imitierte. In diesem Moment erkannte Adorno sich und erschrak. Diesen Effekt möchte das Zentrum für politische Schönheit bei uns erzielen. Wir sollen merken, dass wir uns nicht anders verhalten als die römischen Imperatoren, die Leben schenkten, wenn sie den Daumen hochhielten, und zum Tode verurteilten, wenn sie den Daumen senkten.

Moralische Evolution ist auf das Entsetzen vor der eigenen Schlechtigkeit angewiesen

Diesen Spiegel hält uns das Zentrum vor. Wir tun gut daran, uns darin zu erkennen. Wir würden dann unsere Haltung ändern. Wir könnten es dann auch. Moralische Evolution ist auf das Entsetzen vor der eigenen Schlechtigkeit angewiesen. Aber dazu darf der Spiegel nur ein Spiegel sein. Er darf nur abbilden, was wir tun, er darf es nicht auch machen. Er zeigt uns sonst nicht, was wir tun, sondern er zeigt uns, dass alle es machen. Da stellt sich nicht Entsetzen, sondern Vertrautheit ein.

Wer befürchtete, das Zentrum für politische Schönheit hätte diese Differenz nicht verstanden und wäre mit seinen Aktionen bereit, Menschen den Tigern zum Fressen vorzulegen, der wurde am Montag eines Besseren belehrt.

Die syrische Schauspielerin May Skaf, ehemals ein Fernsehstar ihres Landes, ein Symbol des syrischen Widerstandes, erklärte in einem hochdramatischen Vortrag, sie sehe, wenn nicht wenigstens ein Signal käme, das auf eine Abschaffung von § 63 Abs. 3 hinweise, keinen Ausweg mehr als den demonstrativen Gang in den Tigerkäfig. Es war ein sorgfältig ausformulierter Text, unter kunstvollstem Schluchzen vorgetragen, ein Stück alter arabischer Schauspielkunst. „Flüchtlinge fressen“ ist Theater. Wir können aufatmen. Wenn jetzt noch der § 63 Abs. 3 gekippt wird, gehen wir alle feiern.