"Medien lügen“ hat jemand auf einen zerstörten gelben Kleinbus gesprüht, der zum Symbol geworden ist für das Versagen des türkischen Fernsehens in der Taksim-Krise. Der über und über besprühte Kleinbus gehört dem TV-Nachrichtensender NTV, einem der vier großen türkischen News-Kanäle. Er wurde am Sonnabend bei den Protesten auf dem Taksim-Platz angegriffen und demoliert und dient jetzt als Barrikade an der Mündung der Inönü-Straße in den Platz – dort, wo die Protestler jederzeit die entscheidende Attacke der Tränengas-Polizei erwarten.

Seit vergangenem Sonnabend ist das Stadtzentrum Istanbuls eine staatsfreie Zone. „Ist doch gut, dass der Wagen jetzt einen Zweck erfüllt“, sagt ein junger Mann, der sich vor dem Corpus Delicti mit zum V-Zeichen gespreizten Fingern von seiner Freundin fotografieren lässt.

„The revolution will not be televised, it will be twittered“, steht in Anlehnung an eine Gedichtzeile des Musikers Gil Scott-Heron an einer Hauswand in der Fußgängerzone Istiklal Caddesi, „die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen, sie wird getwittert“. Als die Revolte am vergangenen Freitag und Sonnabend ihren ersten Siedepunkt erreichte, fand sie im türkischen Fernsehen praktisch nicht statt. Wer sich informieren wollte, war auf den kleinen Oppositionssender Halk TV angewiesen, der zeitweise live sendet. Oder auf die Tageszeitungen, die sehr ausführlich berichten. Die Türken aber sind fernsehverrückt, es ist für sie das wichtigste Medium.

Nun starren die Protestler überall auf die Mattscheiben ihrer Smartphones, um die aktuellen Twitter- und Facebook-Nachrichten, die vielen Kurzvideos zu studieren. Nicht das Fernsehen, sondern die sozialen Netzwerke machten den Hashtag „#womaninred“ mit Bildern des türkischen Fotografen Osman Orsal zu einem Symbolbild der Proteste. Sie zeigen, wie ein Polizist im Gezi-Park eine junge Frau im roten Sommerkleid mit Einkaufstasche gezielt mit Tränengas attackiert.

Aus dem Fernseh-Blackout zogen die Protestierenden den naheliegenden Schluss, dass der Staat sie nicht nur mit Tränengas und Wasserwerfern angreife, sondern ihnen nicht einmal zugestehe, eine abweichende Meinung öffentlich zu vertreten. „Aber hier gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße – und was machen die Medien? Sie schweigen“, sagt der Student Yanki Bicakci.

Als die großen Nachrichtensender am Sonntag erstmals vereinzelte Bilder von den Massenprotesten brachten, zeigten sie zerstörte Autos und gewalttätige Randalierer, die es auch gibt, die aber nur eine kleine Minderheit der Protestler stellen. „Lügen, alles Lügen“, sagt die Architekturstudentin Nihal. „Das hätte ich nie für möglich gehalten.“

Es folgte eine Premiere: Tausende demonstrierten am Montag in Istanbul vor der Zentrale des NTV-Betreibers Dogus. Sie forderten Live-Übertragungen von den Protesten. Abgesehen von der staatlichen TRT gehören auch die Nachrichtensender großen Wirtschaftsholdings, die eng mit der Regierung Erdogan verflochten sind. Dann griffen die Taksim-Aktivisten Dogus an seiner verwundbarsten Stelle an. Sie riefen dazu auf, Bankguthaben der zum Konzern gehörenden Garanti-Bank abzuziehen und Konten aufzulösen. Ergebnis: Der Garanti-Kurs brach an der Istanbuler Börse ein.

Inzwischen haben die Fernsehanstalten ihre Lektion gelernt – äußerlich. Ein Reporter des Boulevardsenders Star TV, der wie NTV zur Dogus-Gruppe gehört, erzählt auf dem Taksim-Platz, dass die Arbeit „viel leichter geworden“ sei. „Wir kriegen wegen der Beschwerden viel mehr Sendezeit.“ Doch im türkischen Fernsehen sind Zensur und Selbstzensur der Medien so selbstverständliche Praxis wie Propagandasendungen für die Regierung. Der Glaubwürdigkeitsverlust ist kaum reparabel.

Und wo waren NTV, CNN Türk, Habertürk und die anderen, als am Mittwoch auf dem Taksim-Platz etwas schier Unfassbares geschah? Dort kamen am frühen Abend die Kurden. Zehntausende, die nicht nur Banner der legalen Kurdenpartei BDP mitführten, sondern auch ein Dutzend großer Fahnen mit dem Porträt Öcalans, des Chefs der verbotenen Kurdenguerilla PKK. Es ist eine Straftat, das Porträt des „Terroristenchefs“ öffentlich zu zeigen, auf die Gefängnis steht.

Die eigentliche Überraschung war, dass kaum jemand etwas dagegen hatte und Jubel aufbrandete, als Sprecher der Kurdenpartei sagten, man schließe sich voll und ganz den Protesten für mehr Demokratie in der Türkei an. Das muss die Regierung in Ankara, die gerade Friedensgespräche mit der PKK führt, als Provokation verstehen. Eine dramatische Wende – doch die türkischen Fernsehzuschauer erfahren bisher nichts davon. Und auf Facebook wird seither eine Frage so heiß diskutiert wie kaum eine andere: „Sind wir all die Jahre auch über die Kurdenfrage belogen worden?“