Golshifteh Farahani als Selma in einer Szene des Films „Auf der Couch in Tunis“.
Foto: Carole Bethuel/Prokino Filmverleih GmbH/dpa

Berlin„Es ist nicht leicht, sich geistig aus einer Situation zu befreien“, schrieb der französisch-tunesische Schriftsteller Albert Memmi. Die Schwierigkeit besteht ihm zufolge darin, eine Ideologie abzulehnen und dennoch in den gewohnten Beziehungen weiterzuleben. Es sind die Nachwirkungen dieser Schwierigkeit auf den Einzelnen, die Manele Labidis Film „Auf der Couch in Tunis“ auf charmante Weise bebildert.

Der Film spielt im post-revolutionären Tunesien. Die politischen Umwälzungen des sogenannten Arabischen Frühlings nahmen hier 2011 mit der Jasmin-Revolution ihren Anfang. Sie führten letztlich zum Sturz des Autokraten Ben Ali. Doch kollektive Umstürze hinterlassen auch Spuren im Individuum. Vielleicht ist es der Wille, dem helfend nachzuspüren, der die Psychologin Selma bewegt, ihr Pariser Leben hinter sich zu lassen und nach Tunis zurückzukehren, um dort eine psychotherapeutische Praxis zu eröffnen.

Was genau ihr Antrieb ist, darauf gibt der Film keine eindeutige Antwort. Fast wie in einer echten Therapeutenbeziehung erfährt man als Zuschauer wenig über die Beweggründe und Absichten der Protagonistin. Die Kraft ihrer Methode liegt weniger in dem, was sie als Person ausmacht, als in der Art, wie sie ihre Patienten befragt.

Dennoch stößt Selma anfangs auf Skepsis. „Ist das dein Vater?“, fragt ein Möbelpacker sie schon bei ihrer Ankunft in Tunis. Er deutet dabei auf ihr Bild von Sigmund Freud. „Er kommt mir bekannt vor. Er trägt Bart. Er ist Muslim.“ Als Selma darauf stolz antwortet, dass der Mann auf dem Bild - „mein Chef“ - Jude sei, rät der Möbelpacker ihr, vorsichtig zu sein. Die Nachbarn könnten Probleme machen. Tatsächlich hat Selma Schwierigkeiten, eine Genehmigung für ihre Praxis zu erhalten. „Inshallah“ („So Gott will“), so wird ihre Bitte regelmäßig von der distanzlosen Mitarbeiterin des Gesundheitsministeriums abgewiegelt. Für die Zulassung reicht ein Pariser Diplom offenbar nicht aus. Sie müsste auch die geltenden, gesellschaftlichen Codes beherrschen. 

Weil, wie sich herausstellt, der Redebedarf der tunesischen Bevölkerung groß ist und die bürokratischen Mühlen nur langsam mahlen, beschließt sie, ihre Patienten einfach illegal auf dem Dach eines Wohnhauses zu empfangen. Darunter ist eine exaltierte Beautysalon-Besitzerin, die Selma als „postkoloniale Wichtigtuerin“ bezeichnet, als diese sie ermahnt, pünktlich zu den Sitzungen zu erscheinen und sie zu siezen. Oder auch ein suizidaler Imam, ein Mann, der seine geschlechtliche Identität hinterfragt, und ein paranoid Getriebener, der hinter Freuds Abbild ein Mikrofon des Mossads vermutet.

Es wäre leicht, diese Geschichte in verflachter Überheblichkeit als die des triumphalen Siegeszugs der aufgeklärt-westlichen Frau in einer vermeintlich rückständigen arabischen Kultur zu erzählen. Stattdessen arbeitet der Film den Prozess einer doppelten Mimesis heraus: Nach und nach wächst das Vertrauen der Patienten in Selmas Methode. Und auch sie selbst - ihr Zwiespalt zwischen Fremdheit und Zugehörigkeit wird von Golshifteh Farahani überzeugend verkörpert - dekonstruiert im Verlauf des Films ihre vorschnellen Annahmen über ihre alte Heimat.

Das zeigt sich beispielhaft an Selmas rebellierender Schwester. Selma versteht nicht, wieso die sich verschleiert, was in ihren Augen nicht zu ihrem Freiheitsdrang passt. Wie sich herausstellt, versteckt sie unter dem Schleier auch ihre rotgefärbten Haare. Welchen Bezug sie zur Religion hat, wird nicht aufgelöst. Derartige Ambivalenzen durchziehen diesen Film und erinnern daran, dass die Deutungsarbeit, die Psychoanlyse leistet, eben keine eingleisige Angelegenheit ist.

„Auf der Couch in Tunis“, Frankreich/Tunesien 2019. Regie: Manele Labidi. Darsteller: Golshifteh Farahani u.a.; 88 Minuten, in Farbe.