Den Atem musste das Publikum dieses besonderen Puccini-Konzerts am Montag nicht anhalten – und machte doch kein Geräusch dabei. 
Foto: AFP/Lluis Gene

BarcelonaMucksmäuschenstill  war es am Montag im Gran Teatre del Liceu in Barcelona, als dort um fünf Uhr nachmittags das erste Konzert nach Ende des Corona-Notstands anhob. Und das nicht nur, weil das Publikum im überraschend dicht besetzten Opernhaus vorab in drei Sprachen darum gebeten worden war, die Handys auszuschalten und die Künstler nicht durch Fotografieren zu stören. Sondern weil die knapp 2300 Plätze im Parkett und den fünf Rängen mit Pflanzen belegt waren. Mit Gummibäumen, Lavendel, Drachenbäumen, Fici Benjamini und anderem aparten Blattwerk in rotbraunen Töpfen auf rotem Plüsch.  

„Concierto para el bioceno“, Konzert für das Biozän, heißt die Aktion des 62-jährigen Künstlers Eugenio Ampudia, in dessen Schaffen es immer wieder um Natur und Ökologie geht. Als „symbolischen Vorschlag für einen Paradigmenwechsel“, so der Untertitel der Aktion, ließ er Variationen des Streichquartetts „Crisantemi“ von Puccini aufführen, das dieser vor 130 Jahren in der Trauer um seinen Freund Amadeus von Savoyen schrieb, der einige Jahre lang auch König von Spanien gewesen war. Der Bezug zu den rund 28.000 Corona-Toten in Spanien liegt ebenso auf der Hand wie der Verweis darauf, das der Mensch der Natur etwas schuldet.   

Eugenio Ampudia: „Concierto para el bioceno“ im Gran Teatre del Liceu in Barcelona.

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Daran, dass die Pflanzen die traurige Dringlichkeit der Klänge empfangen konnten, besteht aus wissenschaftlicher Sicht kein Zweifel. Nicht nur menschliche Zuwendung, sondern auch klassische Musik fördert das Wachstum und damit wohl auch das Befinden von Pflanzen. Und nachdem die Töpfe nach dem Konzert an das Pflegepersonal des Universitätsklinikums von Barcelona verschenkt wurden, keimt das Miteinander von Kunst und Natur, Trauer und Dank ab jetzt mitten auf den Fenstersimsen der Gesellschaft weiter.   

Einerseits. Andererseits sind Blumentöpfe, wem sage ich das!, natürlich keine Natur, sondern eher ein naturidentisches Zitat. Den vier Musikern saß kein wirklich Anderes gegenüber, dem sie ihre musikalische Aufwartung machten, sondern letztlich nur die eigene Gärtnerkultur. In einem echten Urwald mit echter Wurzelkommunikation dargeboten, hätte das applausähnliche Platzregen-auf-Blätter-Geräusch am Ende auch nicht extra eingespielt werden müssen. Man hätte das Stück nur so lange variieren müssen, bis der Regen von selber kommt. Das kann in Spanien natürlich dauern, aber auch das passt ja zum Thema.