Berlin - Ich habe Ihnen einen Aal geschickt, anderthalb Pfund schwer, zu 9 Mark. Er wird doch wohl angekommen sein? Könnten Sie mir dafür zwei Schallplatten besorgen? – Ein Brief von Koserow nach Berlin preist den Fisch 1950 als honoriges Tauschobjekt, nennt auch die Titel der gewünschten Platten: „Am Lagerfeuer“ und „Mit 100 Gitarren“. Schallplatten waren zu der Zeit überaus kostbar. Nicht, weil sie zum Sterben schöne Töne hervorbringen konnten, diese Eigenschaft büßten sie ja nie ein. Damals ging es zuerst um das Material. Als das Plattenlabel Amiga 1947 in der sowjetisch besetzten Zone unter dem Namen Lied der Zeit gegründet wurde, war alles knapp, auch der zerbrechliche Rohstoff Schellack. Wer neue Platten kaufen wollte, musste alte als Material spenden. Oder er wusste sich anders zu helfen wie dieser Briefschreiber von der Ostsee, der Urlauber mit aktueller Musik von Platten unterhalten wollte.

Die Kopie des alten Briefs fischt der Musikmanager Jörg Stempel aus seinem Archiv. Das Papier gehört zu den wenigen erhaltenen Dokumenten des Labels Amiga, das in den Wendejahren fast alle Unterlagen einbüßte. Stempel, 62, war in den 1980er Jahren längere Zeit Mitarbeiter bei Amiga und nach dem Verkauf an BMG Ariola bis zum Schluss Chef des Plattenlabels. Aufgewachsen mit Brecht und Weill zählte er nicht unbedingt zu den Anhängern des Repertoires, wurde dennoch dessen besessener Vermarkter, Bewahrer und Verwalter. Keiner kennt Amiga besser. Kaum einer der mehr als 30.000 Titel aus dem Nachlass dürfte ihm fremd sein.

Geldsegen mit Lizenzplatten

In diesem Monat feiert die Schallplattenfirma ihren 70. Geburtstag. Sie war lange gründlicher Verachtung ausgesetzt, während ihre Produkte zu den Objekten großer Begierde gehörten. Zuletzt klaute zum 50. Jubiläum 1997 der Sänger André Herzberg eine Torte vom Amiga-Geschenktisch, um sie dem langjährigen DDR-Amiga-Chef René Büttner ins Gesicht zu klatschen.

Es war einiges los bei Amiga. Viele Aufsätze erörtern geduldig die ideologische Ausrichtung des Labels und seine Verhinderung von Musik. Aber ein nüchterner Blick zurück zeigt: Immer ging es vor allem um Geld. Nicht erst nach der Wende bei der ungenierten Ausplünderung des Repertoires durch neue Eigentümer, auch in der DDR musste zuerst die Kasse stimmen. Jörg Stempel: „Amiga führte seit den 1980ern jedes Jahr 100 Millionen Mark an den Kulturhaushalt ab, subventionierte damit Theater und Museen.“ Der Plattenverkauf war ein Wirtschaftsfaktor.

100 Millionen im Jahr! Die Zahl relativiert vieles, selbst den gepflegten Hass von Musikern auf René Büttner, Amiga-Chefredakteur von 1978 bis 1990. Es war die Zeit, in der sich Musiker nicht mehr alles gefallen lassen wollten. In der DDR war in den 1970ern – staatlich gewollt –  eine eigenständige deutschsprachige Rockmusik entstanden.

Puhdys, Karat, Silly, City, Pankow

Die erfolgreichsten Bands – darunter die Puhdys, Karat, Silly, City, Pankow – wuchsen heran zu kleinen privaten Mittelstandsbetrieben, kauften teure Anlagen und Lastwagen für ihre Konzerte, traten im Westen auf. Die Musiker hatten Konkurrenz und Leistungsgedanken verinnerlicht, relativ viel Geld verdient, sie wollten ihre Musik verkaufen und nicht bei einem Monopolisten um die nächste Platte betteln. Der Amiga-Chef René Büttner war bekannt für seine ausgeprägte Selbstherrlichkeit. Amiga, das war er. Er wusste, dass ohne ihn nichts ging.  Der Spiegel fragte ihn später mal danach. Er erklärte, sich als Gehaltsempfänger damit getröstet zu haben, dass die Musiker-Millionäre „abhängig davon waren, ob ich sie presse oder nicht“.

So war es. Viele ließ er das spüren. Für Nischen fühlte er sich nur selten zuständig, denn er musste Verkaufspläne erfüllen. Schlager konnte er nicht leiden, Sänger ohne Hits wie Dean Reed oder Dagmar Frederic ließ er gleich abtreten. Sogar Silly verweigerte er mal eine Platte, weil „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ gerade nicht in die politische Lage passte. „Paule Panke“ von Pankow war ihm 1983 wohl auch zu systemkritisch. Für „Casablanca“ von City dagegen machte er sich stark und auch für Pankows „Aufruhr in den Augen“, alle mit heiklen Titeln.  Mancher hätte Büttner vor Perestroika die Stellung gekostet. Der DDR-Rundfunk, auch ein Musikproduzent, blieb bis zuletzt viel dogmatischer als Amiga, setzte Pankows grandiose Hymne zur DDR-Abdankung „Langeweile“ noch 1988 auf den Index. City-Texte wurden in Zeitungen offen angefeindet. Büttner aber stand dazu, zeigte Rückgrat gegenüber der Staatsmacht. Das ignorierten Musiker wie der Tortenwerfer geflissentlich.

Das alles erklärt aber nicht, warum das bisschen DDR-Musik die halbe Kulturlandschaft subventioniert haben will. Hat sie auch nicht. Geld verdient wurde vor allem mit Lizenzplatten. Jeden Monat hatte das Presswerk Kapazitäten für eine Million Schallplatten, für zehn neue, die sich gefälligst verkaufen mussten, darunter mindestens zwei Lizenzplatten. Es gab fast alles, meist als Best-of-Zusammenschnitte. Nicht nur Beatles, Stones, Michael Jackson und Bob Dylan, auch B.B. King, Klaus Doldinger, Howlin’ Wolf oder Bessie Smith. Der Trick bestand darin, eine winzige Summe für eine Auflage von nur 10.000 Stück zu bezahlen, dann aber zu verkaufen, was der DDR-Markt hergab. Die Kapazität des Presswerks galt es auszulasten.