Wer in Berlin das Café Pasternak am Wasserturm besucht, kann mit reichlich  Glück  nicht nur italienische  Touristen beim  Prenzlauer-Berg-Seeing besichtigen. Manchmal sitzt dort  eine hagere Frau mit langen grauen Haaren an einem Tisch vor einem Glas  schwarzen Kaffees, immer unter dem Bild von Michail Bulgakow, das ist ihr Stammplatz. Patti Smith hat das Pasternak  vor Jahren bei einem Spaziergang  entdeckt, auf dem Höhepunkt ihrer Obsession für den Roman „Der Meister und Margarita“.  Jetzt ist es eine Art Heimat für sie geworden oder vielmehr eine Heimat für ihre Gedanken. 

Nichts ist vergangen, solange es im Gedächtnis ist

Es gibt  viele solcher Cafés auf der Welt, es sind Orte, die sie als Ankerplatz auf ihren Reisen schätzen gelernt hat. Oftmals führen  sie diese Reisen  in die Erinnerung, dann  kann sie sich   ihren Tagträumen anvertrauen und  all die geliebten Menschen besuchen, die sie im Laufe ihres  fast siebzigjährigen Lebens  verloren hat. Sie kann über Vergänglichkeit nachdenken und den Trost, der darin liegt, dass nichts  vergangen ist, solange  sie es im  Gedächtnis bewahrt. Mitunter aber heißt es auch, den kleinen Metallkoffer packen. Und das nach  einer   bewährten Liste mit dem Notwendigsten:   „Ausweis, schwarzes Sakko, Latzhose, Unterwäsche, 4 T-Shirts, 6 Paar Bienensocken, Polaroidfilme, Land Camera 250, schwarze Wollmütze, Dose Arnikasalbe, kariertes Moleskin, äthiopisches Kreuz.“

So ist „M-Train“ (der Titel steht für Mind-Train, Zug der Gedanken)  weit mehr als eine autobiografische Notiz, es  ist ein Buch aus Reflexionen und  inneren Bildern, in dem sich das Philosophische auf beglückende Weise mit dem Praktischen trifft. Eben noch streifte man mit der Autorin durch die Gefängnislandschaft von Französisch-Guayana, die Patti Smith 1981 gemeinsam mit ihrem Ehemann Fred im Geiste des von ihr verehrten französischen Romanciers Jean Genet besucht, schon kotzt zu Hause  die Katze auf ihr Kopfkissen.  Alles ist    gleichzeitig da, das Fundamentale und das Banale, das Wahre und das Imaginierte. Alles  in einem  Erzählstrom verwirbelt.

Als vor  sechs Jahren   ihr Buch „Just Kids“ erschien, in dem Patti Smith    ihre  frühe Kindheit   und Jugend  beschrieb  und vor allem  natürlich  ihre schicksalhafte Beziehung zu dem Fotografen Robert Mapplethorpe, offenbarte sich eine künstlerische Seite an ihr, die jenen, die allenfalls mit ihrer Musik vertraut waren, überrascht haben muss. Doch war Patti Smith  Dichterin, lange bevor sie zum Punkrock kam. 

Und wieder ist sie eine Poetin

Nun, da es   mit dem Punkrock       vorbei  ist, findet sie sich als   Poetin  wieder.  Nachdenklicher,  nachsichtiger auch, voller Humor und ohne jede Eitelkeit.   Understatement ist in   solch persönlichen  Texten     oft  nur ein  fadenscheiniges Deckmäntelchen  für   ausgeprägte  Egozentrik. Wenn    aber Patti Smith  hier als einstige Extremlyrikerin  seitenlang über ihre Vorliebe für Krimiserien plaudert, wirkt das    nicht kokettierend, sondern  grundsympathisch.  Bei   Reisen nach Europa macht sie   manchmal  in London Station, um sich in ein Hotelzimmer einzuschließen und  nächtelang  Krimis zu gucken. „Für alle Fälle Fitz“, „Lewis“, „Inspektor Morse“, alles so was.  Die liebste Detektivin überhaupt ist  ihr jedoch  Sarah Linden aus „The Killing“, der amerikanischen Variante von  „Kommissarin Lund“. Als „The Killing“ nach 38 Folgen zu Ende ist, spürt  Patti Smith eine      Traurigkeit, die sie so noch nicht bei sich kannte. „Was sollen wir tun mit denen, die sich per Fernbedienung holen oder verwerfen lassen, die wir genauso lieben wie einen Dichter aus dem 19. Jahrhundert, einen verehrten Fremden oder eine Figur aus der Feder von Emily Brontë?“ Alles geht verloren, irgendwann.

Mit dem Text verwoben sind in diesem Buch   Fotos von Stationen ihrer Lebensreise, Tolstois Bär in Moskau, Frida Kahlos Bett in der Casa Azul, Schillers Gartentisch in Jena, Haruki Murakamis „Mister Aufziehvogel“.

Immer wieder Gräber, immer wieder Cafés.  Die meisten dieser   Bilder  hat  Patti Smith mit ihrer Polaroidkamera aufgenommen, die sie dann eines Tages  natürlich auch verliert, es passiert in  Rockaway Beach, einem Stadtteil von New York, wo sie sich ein  abgewirtschaftetes  Strandhaus einrichtet –  kurz vor dem Hurrikan „Sandy“.  Unter ihrem Dachfenster liegend, auf das der schwere Regen trommelt,  ziehen bei ihr mit  der Wucht des Sturms die schmerzlichsten  Erinnerungen auf. Im Herbst 1994 war während  eines Unwetters ihr Mann Fred   gestorben,  mit 45 Jahren, an Herzschwäche.  „Fred war mir näher denn je“, schreibt sie. „Seine Wut und sein Kummer, dass er fortgerissen wurde.“ Und so kreist dieses Buch, das im Sound  oft melancholisch ist, aber niemals sentimental,    wie ein Strudel  um diese ewige Leerstelle in ihrem Leben, die Abwesenheit des geliebten Gefährten. Am Ende   dreht sich alles  ums Alleinsein, nicht nur im Café.

Patti Smith: M-Train. Aus dem Englischen  von  Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 336 Seiten, 19,99 Euro.