Berlin - René Marik hat den Maulwurf mitgebracht, für das Foto. Er zieht ihn aus dem Rucksack, ein abgewetzter brauner Fellschlauch. Er steckt die Hand in den Schlauch, und das schlaffe Stück Stoff wird lebendig, hebt den Kopf, schiebt die lange Schaumstoffnase ganz nah an René Mariks Nase, sie schauen sich an, der Maulwurf und der Mann, der ihn erfunden hat. Dann schlüpft die Hand aus dem Fell. „Feierabend“, sagt Marik.

Es steckt viel von René Mariks Kunst in diesem Moment. Seine Fertigkeit als Puppenspieler, die wahrscheinlich auch einen Schuhlöffel zum Leben erwecken könnte. Aber auch seine Kompromisslosigkeit. „Feierabend“, das war ganz grundsätzlich gemeint. Er wird nicht mehr auftreten mit dem Maulwurf und auch nicht mit Kalle, dem berlinernden Eisbär, und Falkenhorst, dem eitlen Frosch. Er wird eine der erstaunlichsten Bühnen-Geschichten der letzten Zeit beenden, die ihm, dem unbekannten Puppenspieler ein immer größeres Publikum und sogar den renommierten Kabarett-Preis Prix Pantheon beschert hat.

Weil er, so die Laudatio, „dem einst so depperten Kasperletheater ein großartiges subversives Comeback beschert hat“. Nach dreizehn Jahren sei alles erzählt, findet René Marik, er könnte sich jetzt nur noch wiederholen, die Erwartungen seiner Fans bedienen. Wogegen die bestimmt nichts hätten. Er aber schon. Also packt er seine Figuren weg, ausgerechnet jetzt, da sie ganz oben angekommen sind: im Kino.

Drei Millionen Klicks

„Geld her oder Autsch’n“ heißt der Film, der am Donnerstag anläuft und der in mehrerer Hinsicht bemerkenswert ist. Er ist der wahrscheinlich erste deutsche Film, in dem schlichte Handpuppen gemeinsam mit Menschen spielen, darunter ein so bekannter wie Christoph Maria Herbst. Er ist auch ein schöner Beweis dafür, dass, was als Kleinkunst begann, zur großen Unterhaltung werden kann, ohne sich auf dem Weg dahin selbst zu verlieren. Von der Improvisationsbühne ins Multiplex-Kino.

Das geht, es müssen nur ein paar Dinge zusammenkommen. In diesem Fall der Eigensinn eines Künstlers und das Internet, diese Verbreitungsmaschine, die es möglich macht, dass eine auf dem Videokanal YouTube eingestellte liebenswerte Szene, in der ein schwer verständlicher Maulwurf vor einem Pappturm hin- und her wieselt und Rapunzel anfleht herauszukommen, drei Millionen Mal angeklickt wird.

Bevor vor sieben Jahren Szenen aus seinem Programm im Netz auftauchten, war René Marik, 43, als Puppenspieler höchstens Insidern bekannt. Dann plötzlich verfielen sehr viele Menschen seiner minimalistischen Kunst für Erwachsene – und seinen Figuren: dem Maulwurf mit dem Sprachfehler, der der Welt hoffnungsvoll begegnet und immer wieder enttäuscht wird, und seinen etwas abgeklärteren Freunden Eisbär und Frosch. Ein Teil der Fans hat jetzt den Film mitbezahlt.

„Es ist eine zweischneidige Sache“, sagt Marik. „Eigentlich sind die Fans ja nicht dafür da, zur Kasse gebeten zu werden. Andererseits wollte ich nicht irgendeine Komödie machen, sondern meinen Film, so, wie ich ihn mir vorstelle.“

Im Lovelite fühlt er sich zuhause

René Marik sitzt auf der Kante eines Liegestuhls in einem großen, bunt angestrichenen Hof, der sich auf den ersten Blick nicht entscheidet, ob er Club, Biergarten oder Werkstatt sein will. Er hatte vorgeschlagen, sich hier zu treffen, das Lovelite in der Berliner Simplonstraße ist einer jener Plätze in seinem Stadtteil Friedrichshain, an denen er sich noch zu Hause fühlt. Übriggeblieben aus der Zeit der Freiräume und ungenutzten Orte, die nach der Wende begann und auch in dieser Gegend zu Ende geht. Das Lovelite muss wohl bald ausziehen, das Grundstück ist verkauft.

Dass Marik wie zum Sprung bereit auf der Stuhlkante hockt, liegt möglicherweise daran, dass er höchst ungern den erstaunlichen Erfolg seiner Puppen analysiert und nun befürchtet, genau dies tun zu sollen. Von seiner Verzweiflung über Fernsehredakteure, die alles fürchten, was das Publikum fordern könnte, spricht er aber gern. Er ist öfter im Fernsehen aufgetreten, und nicht nur einmal kam vor dem Auftritt jemand vom Sender und hatte Vorschläge: Ob der Maulwurf nicht ein bisschen deutlicher sprechen könne? Oder er diese eine Nummer nicht ganz weglassen könne, die sei doch ganz schön schräg. „Das waren die gleichen Leute, die vorher geschwärmt haben, wie toll sie es finden. Da steckt so eine Arroganz dahinter. Halten sie die Menschen zu Hause für dööfer als sich selbst?“

Eine ähnliche Erfahrung hat er mit dem Film gemacht. Der erste Produzent, den er traf, wollte die erfolgreichsten Gags seiner Puppen zu einem Film zusammenschnüren. Der zweite fand, dass man die altmodischen Kasperpuppen weglassen könnte. Den Richtigen fand er über einen Bekannten. Er schlug ihm das sogenannte Crowdfunding vor, eine Methode, über das Internet Geld zu sammeln. Von ihm stammt auch die Idee, dem Film durch ein bekanntes Gesicht mehr Zugkraft zu verleihen, er kümmerte sich um die Filmförderung und ließ ihn ansonsten machen.

110.000 Euro hat René Marik in zwei Monaten gesammelt. Der Film hat viel mehr gekostet, aber Marik sagt, dass es ihn ohne das Geld der dreitausend Fans, die zwischen drei und tausend Euro gespendet haben, nicht gäbe. Mit diesem auch schon bei anderen Projekten genutzten Finanzierungsmodell könnte ein Weg entstanden sein, unabhängiger zu werden von den Geldgebern im Kulturbetrieb, die gerade beim Film gern so lange reinreden, bis aus einer kühnen Idee eine lauwarmer Kompromiss geworden ist.

Puppenspiel regt Fantasie an

„Geld her oder Autsch’n“ ist Gangsterkomödie, Beziehungsgeschichte und Freundschaftsdrama in einem, mit ordentlich Action, inklusive Mord und Entführung, vor allem aber ist der Film eine Liebeserklärung an das Puppenspiel. Neben dem Maulwurf, Eisbär Kalle und dem Frosch tritt ein Kaspertheater-Ensemble auf. Das Erstaunliche ist, dass die grob behauenen Puppengesichter zu nicht weniger Ausdruck in der Lage zu sein scheinen als etwa der Schauspieler Christoph Maria Herbst, der mit hinreißender Kälte einen Drogendealer spielt. Für einen Moment ist man sich tatsächlich sicher, dass der böse Kasper – denn er ist böse in diesem Film – seinen Mund zu einem noch hämischeren Lachen verzogen hat, als es ihm sowieso ins Gesicht geschnitzt steht. Oder dass die seelenvollen Augen des Krokodils feucht werden, als der berühmt und selbstverliebt gewordene Eisbär von seinem alten Freund nichts mehr wissen will. Es ist nicht ohne Charme, ausgerechnet im Kino, dem Ort immer täuschenderer Illusionen, vorgeführt zu bekommen, dass die eigene Vorstellungskraft die Wirklichkeit immer noch am schönsten überlistet.

Wie Puppenspiel die Fantasie herausfordert, hat René Marik elektrisiert, seit er zum ersten Mal ein Puppentheater besuchte. Da war er Anfang zwanzig. Es war in Berlin, eine Freundin hatte ihn zu einer Vorführung von „Schneewittchen“ in der Schaubühne mitgenommen. Eine Puppe, Plastiktannen, mehr nicht. Trotzdem war sofort klar: Da stapft ein Jäger durch den Wald, in einer sehr kalten Winternacht. „Wie so wenig Aufwand die Fantasie in Gang bringt, hat mich total begeistert“, sagt René Marik, der sich, lang und schlank, jetzt in den Liegestuhl hat rutschen lassen, was aber immer noch mehr abwehrend als entspannt wirkt. Puppentheater war eines von mehreren Dingen, die in seiner Kindheit nicht vorkamen.

Ein anderes: am Nachmittag schnell mal einen Freund besuchen. René Marik wuchs auf einem Berg im Westerwald auf, seine Eltern hatten eine Kantine für die Soldaten, die in der Höhe Schießübungen machten. Um zu René Marik zu kommen, musste man einen Schlagbaum passieren, um von ihm aus den nächsten Ort zu erreichen, sechs Kilometer weit fahren, zu viel für ein Kinderfahrrad. Die eher einsame Kindheit war dann auch bald vorbei, weil Marik mit fünfzehn eine Lehre zum Kfz-Mechaniker begann. Nach einem knappen Jahr brach er sie ab, „weil das so was von Thema verfehlt war“, und vermutlich erklärt diese Erfahrung seinen Drang nach Unabhängigkeit. „Mir wurde damals klar, dass ich machen muss, woran mein Herz hängt, der Rest wird dann schon irgendwie“, sagt er.

Vom Mathestudent zum Hausbesetzer

Er ging wieder zur Schule und studierte dann in Siegen Mathematik, einfach weil ihn daran die Logik faszinierte. Fürs Hauptstudium zog er 1993 nach Berlin, damals noch mehr als heute eine Bühne der Selbstverwirklichung. René Marik sagt, er könne sich immer noch nicht genau erklären, was passiert sei, „aber die Stadt hat mich von innen nach außen gestülpt“.

Es fing damit an, dass er einer früheren Mitschülerin über den Weg lief und die ihn fragte, ob er zu einer Demo mitkommen wolle gegen die Abschiebung von Sinti und Roma. Er wusste nicht genau, was Sinti und Roma sind, aber er kam mit und begriff nicht, warum den paar Demonstranten so viele Polizisten gegenüberstanden. Etwas veränderte sich in ihm, er begann anders auf das Land zu sehen, kritischer, und bald zog er mit dreißig anderen in ein leer stehendes Hinterhaus in Friedrichshain, das abgerissen werden sollte. Dann kam die Vorführung in der Schaubühne und aus dem Mathematikstudenten war ein Hausbesetzer geworden, der das Puppentheater liebte. Im Grunde ist er das noch, auch wenn er jetzt einen Mietvertrag hat.

Er bewarb sich an der Hochschule „Ernst Busch“ im Studiengang Puppenspiel, beim Vorsprechen ließ er seine Figuren eine Szene aus Büchners „Woyzeck“ spielen. Er wurde genommen. Die paar Puppenspiel-Studenten habe man zwischen den Schauspiel-Schülern gleich erkannt, sagt René Marik. Das waren die, die „verkrumpelt in der Ecke standen und Rohkost geknabbert haben“. Die Schauspielschüler seien immer laut gewesen, jedes Gespräch auch ein Test, „ob die Stimme sitzt“.

Puppenspieler sind wie eine scheuere Unterart des Schauspielers. Sie wollen Geschichten erzählen, aber nicht unbedingt sich selbst dabei in Szene setzen. Die Puppen sind ihr Medium, das schieben sie zwischen sich und die Zuschauer. Der Markt für Puppenspieler ist überschaubar, beim Film werden manchmal welche gebraucht, in Ostdeutschland pflegen ein paar Bühnen das Puppenspiel für Erwachsene, aber eigentlich gibt es keinen in dem Beruf, der nicht hin und wieder für Kinder spielt. Außer René Marik, er sagt, er könnte das gar nicht, sich überlegen, was Kindern wohl gefällt. Er hat auch keine. Es ärgere ihn, sagt er, dass das so einbetoniert sei in den Köpfen, dass Puppenspiel was für Kinder ist.

Einbetoniert sagt er ein paar Mal während des Gesprächs, er mag es nicht, wenn die Dinge festgefahren sind, unfrei, nur sind sie es oft. Einbetoniert war auch die Stimmung am Theater in Jena, wo er ein paar Jahre als Schauspieler arbeitete. Ein Ensemble von 25, 17 davon angestellt auf Lebenszeit, es herrschte ein bornierter, innovationsfeindlicher Geist, sagt Marik. Er hat seine traurige Kasperltheater-Truppe im Film danach modelliert, die jeden Tag die alten Stücke spielt, vor fast leeren Rängen.

Begeisterung und Befremden

An den Tagen ohne Vorstellung trat er bei der offenen Bühne auf, die ein Kommilitone gegründet hatte. Er heißt Rainald Grebe und hat inzwischen als Liedermacher eine ähnliche Karriere hinter sich wie Marik als Puppenspieler: vom Kleinkünstler zum Unterhalter, auf den sich viele einigen können. Grebe hat ein Lied darüber geschrieben wie sich Begeisterung und Befremden mischen angesichts der Erfahrung, plötzlich Erfolg zu haben. Es heißt „Massenkompatibel“.

Bei den Abenden improvisierte Marik mit einer Handpuppe, die ein Freund gemacht hatte und dann doch nicht brauchte – dem Maulwurf. Wenn er merkte, dass eine Nummer gut funktionierte, schrieb er sie auf. Zurück in Berlin hatte er ein Programm zusammen, mit dem er auf kleinen Bühnen auftrat, vor einer treuen Fangemeinde. Irgendwann lud ihn Kurt Krömer in seine Fernsehshow ein, sie kannten sich von einer anderen offenen Bühne, wo sie beide probiert hatten, wie es ist, vor Publikum aufzutreten.

Jemand stellte den Auftritt bei Krömer ins Internet, und plötzlich waren seine Programme ausverkauft. Die Bühnen wurden größer, bis hin zum Admiralspalast, wo zweitausend Menschen den dreißig Zentimeter großen Puppen zusahen. RTL zeigte seine Show, er war bei Mario Barth eingeladen, einem Komiker, der schon mal das Olympiastadion in Berlin gefüllt hat. Vielleicht hat René Marik dann immer öfter an das Lied seines Freundes Rainald Grebe gedacht, jedenfalls beschloss er aufzuhören.

„Natürlich werde ich wieder auftreten, vielleicht auch mit neuen Figuren“, sagt René Marik. „Aber so groß wird es bestimmt nicht noch einmal werden.“ Behutsam drückt er den Maulwurf ein bisschen tiefer in den Rucksack. Dann zieht er den Reißverschluss zu.