Berlin - Es soll ja im Journalismus immer mal wieder zu dem allzu menschlichen Phänomen kommen, dass zu viel Nähe in einen Verlust an Distanz mündet. An dem Journalisten Hubert Seipel ließ sich dieses Phänomen in der jüngsten Sendung von Günther Jauch gut beobachten. Zwar durfte der 64-Jährige den russischen Präsidenten Wladimir Putin als angeblich erster westlicher Journalist Monate lang begleiten. Und nun – auf einem der vielen Höhepunkte der Ukraine-Krise – durfte er ihn sogar interviewen. Doch mit Seipels Kritikfähigkeit gegenüber dem Staatsoberhaupt ist es nicht weit her.

Dafür war die Sendung insgesamt diesmal hilfreich. Ja, sie war sogar, was bei Jauch selten geschieht, aufklärerisch.

Zwischen Realität und Fiktion

Zunächst zeigte die ARD ein Interview, das Seipel in Wladiwostok mit Putin geführt hatte. Dieses Interview demonstrierte, wie der Präsident Realität und Fiktion geschickt zu mischen versteht – und Unangenehmes einfach weglässt. So beschrieb er richtigerweise, wie der Westen nach 1989 in Gestalt von Nato und EU gen Osten expandierte. Auch bemühte er den Vergleich zwischen der Ukraine und dem Kosovo – ein Vergleich, der zwar schief ist, weil auf dem Balkan vor der Anerkennung des Kosovo durch den Westen ein blutiger Bürgerkrieg herrschte, den wir hier aber mal so stehen lassen wollen.

Als Putin behauptete, die latent nazistische ukrainische Führung wolle alle missliebigen Russen vernichten, erinnerte allerdings manches an die krude Argumentation der Linkspartei in Deutschland. Offensichtlich war schließlich das Bemühen des Interviewten, Deutschland aus der Anti-Putin-Front herauszubrechen.

Es war danach der Gesprächsrunde mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), dem Historiker Heinrich August Winkler und  der ARD-Journalistin Sonia Mikich vorbehalten, das Gesehene zu analysieren. Dies gelang in gewinnbringender Weise. Anders als Seipel erlag Mikich nicht der Demagogie des Präsidenten. Sie beschrieb anschaulich, dass Putin „taktisch stark“, aber „strategisch schwach“ sei und Russland in einen „Schlamassel“ geführt habe. Denn im Gegensatz zu dessen Behauptungen geht der Staat ökonomisch langsam in die Knie – und ist politisch zunehmend isoliert.

Mikich wies gleichwohl auf das Trauma hin, das viele Russen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlitten und mahnte: „Zu Russland muss man Sie sagen.“ Sie war emphatisch und distanziert zugleich. Winkler beschrieb Putins Politik mitleidslos als eine des völkischen Nationalismus, die nicht zuletzt auf die europäische Rechte ziele. Er konstatierte: „Putin hat sich verkalkuliert.“ Von der Leyen lobte die Haltung des Westens als klug und maßvoll und wollte auf russische Befindlichkeiten weniger Rücksicht nehmen als Mikich. So klangen manche ihrer Aussagen etwas holzschnittartig – politikerhaft holzschnittartig.

Derweil wurde Seipels Problem im Laufe der Sendung immer offenkundiger. Im Interview mit Putin hatte er auf kritische Nachfragen weitgehend verzichtet – verzichten müssen? Später konstatierte er, dass Russland Soldaten in die Ukraine geschickt habe, das sei so klar wie die Tatsache, dass die USA Militärberater dorthin entsandt hätten – also sei beides gleich und nicht der Rede wert

Seipel stellte fast wütend in Abrede, dass Putin mit der europäischen Rechten flirte und würdigte den Umstand, dass dieser sich immerhin seit 15 Jahren im Amt halte – ohne darzulegen, wie mindestens hemdsärmelig er es tut. Zu guter Letzt fragte der Journalist zweimal, wie man denn von den Sanktionen wieder runterkomme. Als seien die Sanktionen das eigentliche Problem. Und nicht das russische Vorgehen in der Ost-Ukraine.

Dass Wladimir Putin sich gern mit Hubert Seipel unterhält – man konnte es nach den 75 aufschlussreichen Jauch-Minuten sehr gut verstehen.

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