Der Lautenist und Komponist Andreas Arend mit seinem Instrument. 
Foto: Ana Prada

BerlinAls hätte ich es geahnt, dass die letzte Kolumne vergeblich geschrieben wurde und lediglich Ausfallendes ankündigt, enthielt sie zwei CD-Tipps für die moderne Hausmusik auf Abspielgeräten, auf die wir bis auf weiteres verwiesen sind. So hält das Label Harmonia Mundi beispielsweise für die Aufführung der „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz durch die Staatskapelle Berlin unter Antonio Pappano eine hervorragende Alternative bereit: François-Xavier Roth und sein Orchester „Les Siècles“.

Dieses Orchester radikalisiert die Idee des historischen Instrumentariums durch aufs Jahrzehnt und den Ort stimmige Instrumentenwahl. Dazu kommt das in allen Stilen, nicht zuletzt der neuen Musik, analytisch erfahrene dirigentische Ingenium Roths. Und so zeigt sich, wie auch bei der Aufführung von Berlioz’ Oper „Benvenuto Cellini“ durch John Eliot Gardiner beim letzten Musikfest, dass die klangliche Vision Berlioz’ in einer von enormer Transparenz und Brillanz getragenen Drastik der Farben besteht, die durch bestimmte, antitraditionelle Artikulationen noch verstärkt wird.

Siegeszug von Wagners Mischklang

All das blieb musikhistorisch auf der Strecke durch den Siegeszug des wärmeren, volleren, aus vermischten Farben bestehenden Orchesterstil Wagners. Roth gewinnt aus der Transparenz und Drastik zudem sehr pointiert Dynamik. Erstaunliche Effekte ergeben sich aus der genauen Realisierung der skurril gegeneinander gerichteten Lautstärke-Verläufe: Eine Phrase wird lauter, während ihr Kontrapunkt leiser wird – das ergibt eben diesen nervösen Berlioz-Klang und schärft die Konturen dieses sonderbaren Komponisten, dessen Musik uns noch immer vor Bewertungsprobleme stellt.

Als Ersatz für die vielen Konzept gebliebenen Konzeptabende mit Alter Musik – Freiburger Barockconsort zum Dreißigjährigen Krieg, Nuria Rial mit Hohelied-Vertonungen, „The Art of Being Human“ mit Gamben und Tanz – gibt es eine neue CD „Ballads within a Dream“, die von dem Berliner Lautenisten und Komponisten Andreas Arend konzipiert und mit der Geigerin Veronika Skuplik, der Gambistin Hille Perl und der Sängerin Clare Wilkinson für deutsche Harmonia Mundi eingespielt wurde. Eine labyrinthische Reise voller Überraschungen durch englische Musik von ungefähr 1600 bis 1700.

Magische Wirkung

„Reise“ ist hier einmal wörtlich zu nehmen: Hier folgen nicht einige schöne Stücke aufeinander, sondern das Ganze ist wirklich komponiert, sei es, dass Arend an der Laute überleitet, die Stücke arrangiert oder originale Sätze mit Kontrapunkten anreichert. Die Eingriffe sind subtil und schieben die Musik zuweilen sacht über ihre stilistischen Grenzen, klanglich, harmonisch oder formal – mit immer wieder magischer Wirkung.

François-Xavier Roth Hector Berlioz: Symphonie Fantastique (Harmonia Mundi)

Andreas Arend Ballads within a dream. (DHM)