Die Autorin Kathrin Röggla, Vizepräsidentin der Akademie der Künste. 
Foto: Andreas Schmidt

BerlinIn den 1950er-Jahren und auch noch danach hatten nicht wenige amerikanische Familien auf ihren Grundstücken Bunker gebaut, um darin gemeinsam den scheinbar unausweichlichen Atomkrieg zu überleben. Wären solche Bunker in der Corona-Krise auch von Nutzen? Treppe runter, Tür verrammelt und acht Wochen lang Erbsensuppe aus der Dose?

 Natürlich nicht, denn in unserer Zeit reicht das, was man neudeutsch „social distancing“ nennt, aus, um über die Runden zu kommen. Und nebenbei lässt sich auch trefflich über vermeintliche Zeitenwenden und Entfremdung sinnieren, wenn man nicht gerade die plötzliche Freizeit für Gartenarbeit und Umbauten in Wohnung und Datscha zu nutzen weiß. Aber hej, warum nicht auch mal nachdenken?

Soziale Nähe als Ersatz für Sozialismus? 

Das Literaturforum im Berliner Brecht-Haus veröffentlicht in seinem Blog literarische Perspektiven von Autoren und Autorinnen auf „Social Distancing, das Schlagwort dieser Tage“. Da kommt schon ein ganz hübsches Potpourri von Perspektiven zusammen.

Ann Cotten zum Beispiel mahnt, soziale Nähe sei kein Ersatz für Sozialismus, weshalb sie bei einer Erneuerung unseres Zusammenlebens lieber auf Künstliche Intelligenz und China setzt. Paula Fürstenberg ist ehrlich genug zu sagen, dass sie keine eigenen Worte findet zum Thema Corona, schneidet stattdessen Schlagzeilen aus Zeitungen aus für ihren „Drohbrief aus dem Paradies“.

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Kathrin Röggla philosophiert über Videokonferenzen via Skype und den Reiz, während solcher Konferenzen die Gedanken schweifen zu lassen. Denn man sieht ja auf dem Schirm nicht nur die Gesichter der Chefs und Kollegen, die man ohnehin zur Genüge kennt.

Das Öffentliche im Privaten

Plötzlich ist da ausschnitthaft ein privater Raum hinter dem Skyper zu sehen, man erkennt Bilder an der Wand und Bücher in Regalen, hört rätselhafte Hintergrundgeräusche, erschrickt über unbekannte Dritte, die plötzlich durchs Bild laufen. Assoziationen und Details haken sich fest im Hirn, kleine Geschichten entstehen im Kopf, über die man später weiter nachdenken – und manchmal auch lästern – kann.

Die Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig
Foto: Bogenberger Autorenfoto

Kathrin Röggla zieht gleichwohl ein pessimistisches Fazit daraus: „Es ist interessant zu sehen, wie der Versuch, Öffentlichkeit in die Privaträume zu schmuggeln und beides ineinander fortzusetzen, zum Scheitern verurteilt ist“, schreibt sie. Aber ist das wirklich so? Liegt in diesen Skype-Momenten nicht gerade auch eine große Chance, uns neu kennenzulernen?

Düster ist auch Ulrike Almut Sandigs „Anleitung zum Lachen auf Abstand“, die sich vermutlich nur jenen Preppern erschließt, die sich in ihren Bunkern verkriechen. Aber selbst für diese sich selbst Eingeschlossenen hat die Autorin eine gute Nachricht für „danach“ zur Hand: „Scheiß auf alle Prachtalleen und Plätze. Wir werden einander in Forsten begegnen. Der ganze Sauerstoff wird uns richtig high machen.“ Na dann: Raus aus dem Bunker und einatmen!