Ein Bild aus Godfrey Reggios Film „Koyaanisqatsi“ 
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Im Herbst 1983 verbreitete sich auf der Leipziger Dokfilmwoche das Gerücht über einen Film, der alles bisher Gesehene in den Schatten stellen würde. Den Titel konnte niemand so richtig aussprechen. Und wirklich gesehen haben damals nur ganz wenige dieses Werk – was aber ausreichte, um den Mythos in der kleinen Welt der Ost-Cineasten jahrelang lebendig zu halten. Gemeint war „Koyaanisqatsi“, der damals in einer einmaligen Vorführung gezeigt worden war. 

Inzwischen gehört der Film weltweit zum kollektiven kulturellen Gedächtnis. Längst ein Klassiker verkörpert er   sein eigenes Genre und bleibt auf verblüffende Weise jung. Jede Generation entdeckt „Koyaanisqatsi“ neu für sich. Seine suggestiven Energien entfalten sich noch heute. Sie speisen sich aus dem symbiotischen Zusammenwirken von spektakulären Bildern, der Musik von Philip Glass und einer durchweg apokalyptischen Grundierung. Angesichts jüngster Ereignisse wirkt dies sehr aktuell, wie eine vorweggenommene Erinnerung an das Anthropozän.

Als Filmemacher ein Autodidakt

Von der zeitgenössischen Kritik widerfuhr dem Film damals eher Misstrauen. Ihm wurden Überwältigungsstrategien vorgeworfen. Auch das Argument, er bediene sich jener Mittel, die er vorgibt zu kritisieren, stand im Raum. Handelte es sich um artifizielle Kritik am Kapitalismus oder nur um eine seiner medialen Ausformungen? Bevor Godfrey Reggio mit „Koyaanisqatsi“ sein Debüt vorlegte, hatte er als katholischer Sozialarbeiter in New Mexico gearbeitet. Als Filmemacher war er Autodidakt. 1988 stellte er mit „Powaqqatsi“ eine Art Fortsetzung seines Erstlings fertig. Was Probleme aufwarf: Was hätte nach dem Weltuntergang noch kommen können?

Der Regisseur Godfrey Reggio wird am 28. März 80 Jahre alt.
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Konzeptionell entkam er diesem Dilemma, indem er sich nun mehr auf die Menschen selbst konzentrierte. Sie sind nicht mehr nur ornamentale Masse, sondern werden in Nah- und Halbnah-Einstellungen als Individuen erfasst. Lange verweilt sein Blick auf Handlungen und Gesichtern, vor allem auf denen von Kindern. Sie sind versklavt, treten uns aber in Würde und Schönheit entgegen. Die beiden ersten Teile der später zur Trilogie erweiterten „Qatsi“-Werkgruppe stehen in  Tradition der dokumentarischen „Querschnittsfilme“ des frühen Kinos, allen voran  „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) von Walter Ruttmann.

Etwas wirklich Neues hat der „Koyaanisqatsi“-Schöpfer dann 2002 mit „Naqoyqatsi“ vollbracht – dem letzten und am meisten unterschätzten Teil des Triptychons. Hier verlässt er vollends die konventionelle Bildsprache, entwirft ein  Puzzle digitaler Simulationen. Godfrey Reggio wird an diesem Sonnabend 80 Jahre alt. Er arbeitet mit Philip Glass bereits an einem neuen Film.

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Die komplette „Qatsi“-Trilogie

ist in einer Box auf DVD und BluRay erhältlich.